Der fliegende Holländer in der Inszenierung von Milo Rau an der Deutschen Oper Berlin © Mathias Horn
Milo Raus Wagnerprojekt 2026: Die positive Resonanz auf Wagnerkonzerte in Israel führt zu einer Neudeutung des „Fliegenden Holländers“ an der Deutschen Oper Berlin.
Das Publikum erwartet eine Symbiose von Reiseimpressionen per Video und Wagners „Fliegenden Holländer“ auf der Bühne mit der Botschaft, statt nach der Schuld zu fragen, Verantwortung tragen. Ein interessante Neudeutung, doch die Umsetzung erfolgt auf Kosten der Oper.
Milo Raus Konzept
Rau geht am Beispiel des Antisemitismus der Frage nach, ob Schuld jemals zu tilgen ist. Wagner aufzuführen ist in Israel ein No-go . Umso überraschter war er und sein Team über die positive Resonanz, als er im August durch Israel und das Westjordanland reiste und an öffentlichen Plätzen Wagner spielen ließe. Ein Höhepunkt war, wurde der Konzertabend, an dem Sopranistin Tamara Nishri vor dem Arabisch-Hebräischen Theater in Jaffa die Senta und andere Wagnerarien sang. Die jüdisch-arabische Publikum war sichtlich bewegt, wie die Videoaufnahmen dokumentieren. Doch vor diesem omnipräsenten Filmaufnahmen ergänzt durch atmosphärische Sequenzen aus Beirut, von der Küste, Gesprächen und dokumentarischen Sequenzen zur israelischen Staatsgründung über das Attentat bei den olympischen Sommerfestspielen 1972 in München 1972 wird die Oper zum bloßen Stofflieferanten für Raus These.
Senta verwandelt er durch jüdische Wurzeln in eine Allegoriefigur jüdischen Leidens. Der Holländer agiert als deutscher, erlösungsbedürftiger Amtsträger, dessen Schuld nur durch die Großzügigkeit der Juden getilgt werden kann.
Das ist exzellent durchdacht, ideal für einen Dokumentarfilm, aber für eine Operninszenierung zu konträr zur hochemotionalen Musik Wagners.
Milo Raus Inszenierung: Statt hören lesen
Der musikalische Operngenuss bleibt vollkommen auf der Strecke. Als Besucher ist man vorwiegend mit Lesen beschäftigt: nicht nur mit dem Libretto, wenn die Textklarheit der Sänger:innen nicht ausreicht oder aus dem Hebräischen übersetzt wird, sondern auch noch mit ständig eingeblendete Texten und die Entschlüsselung der Bildsequenzen in ihrem Bezug zum Bühnengeschehen. Die komplexen Bildebenen lassen das Bühnengeschehen mangels einfallsreicher Personenregie sehr statisch erscheinen.
Dirigentin Giedrė Šlekytė sucht Balance
Unter dem Dirigat von Giedrė Šlekytė spielt das Orchester der Deutschen Oper Berlin zwar schnell, aber blass. Für Škekytė ist es wichtig, „die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben auszutarieren“. Doch durch diesen Anpassungsprozess verliert Wagners Holländer seine magische Kraft. Statt gewaltiger Gewitter und wogender See brandet es passend zum gleichmäßigen Wellenrollen am Beiruter Strand, moderat dahin. Die optische Dokumentationsstruktur lässt keinen Raum für Sturm, Nacht und geisterhafte Stimmung.
Deutsche Oper Berlin – Gute Besetzung
Dasselbe gilt für die Arien. Von Tomasz Konieczny (Holländer), Tareq Nazmi (Daland) und Attilio Glaser (Erik), insbesondere von Aušrinė Stundytė (Berta), beeindruckend klangschön gesungen, können die Sänger:innen durch die realistischen Bildwelten und Moderationssequenzen weder emotionalisieren noch eine nachhaltige Wirkung hinterlassen.
Doch Raus politische und menschliche Botschaft hakt sich im Gedächtnis fest. Statt Schuld zu suchen, Verantwortung tragen. Dieser Gedanke, schlicht formuliert, wirkt wie ein Slogan, der bestens die aktuelle Lage in Deutschland umschreibt.
Fazit:
Wer sich gerne auf neue Sichtweisen einlässt, erlebt durch Raus Holländer-Version an der Deutschen Oper eine interessante Konzeption. Historische Fakten werden durch neue Bezüge hinterfragt und provozieren zu neuen Fragestellungen, die das menschliche Zusammenleben verbessern könnten.
Wer die hochromantische Oper „Der fliegende Holländer“ bevorzugt, sollte sich nach einer anderen Inszenierung umschauen.
In der Vergangenheit überzeugten diesbezüglich z. B. die Inszenierungen von Philipp Stölzl, 2023 am Theater Basel gezeigt und von der Staatsoper Berlin übernommen, die Inszenierung von Herbert Fritsch‚ 2022 an der Komischen Oper Berlin oder 2018 die von Johannes Reitmeier am Landestheater Niederbayern. Weniger überzeugend war Jan Philipp Gloger Version in Bayreuth, wo ebenfalls die Diskrepanz zwischen cooler Optik und Wagners emotionaler Musik störte.
Infos zu Wagners „Der fliegende Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Giedrė Šlekytė |
| Regie: | Milo Rau | |
| Konzeptionelle Mitarbeit: | Giacomo Bisordi | |
| Bühnenbild: | Anton Lukas | |
| Kostüme: | Silvie Naunheim | |
| Video: | Moritz von Dungern | |
| Licht: | Jürgen Kolb | |
| Spielleitung: | Eva-Maria Abelein, Silke Sense | |
| Dramaturgie: | Johanna Danhauser, Nathalie Rozanes | |
| Choreinstudierung: | Marco Medved | |
| Mit: | Daland | Tareq Nazmi |
| Senta | Aušrine Stundytė | |
| Erik | Attilio Glaser | |
| Mary | Kai Rüütel-Pajula | |
| Steuermann Darlands | Omar Mancini | |
| Der Holländer | Tomasz Konieczy | |
| Erzähler:innen | Sarah von Schwarze, Shlomi Moto Wagner | |
| Deutsch: | Deutsch und Hebräisch mit Übertiteln auf Deutsch und Englisch | |
| Dauer: | 3 Std. 15 Min. inklusive einer Pause | |
| Besuchte Vorstellung | 31. Oktober 2026, dritte Vorstellung | |














