Ryūsuke Hamaguchi „Drive My Car“

Filmkritik "Drive My Car" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Sie sitzen im Auto. Sie lieben sich. Sie erzählt. Er hört zu und memoriert Textpassagen von einer Textkassette. Der Zuschauer gerät in den Strudel einer magischen Beziehung, in der jeder Schuld auf sich geladen hat und er sich plötzlich selbst befragt, welche Mitverantwortung er im Leben trägt. Nach der gleichnamigen Geschichte des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami macht Regisseur Ryūsuke Hamaguchi einen sehr subtilen Film, der sich Schritt für Schritt als Epos der Seele entpuppt…

Francois Ozon „Alles ist gutgegangen“ – ein gelungener Beitrag zur Sterbehilfe

Filmkritik "Alles ist gutgegangen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Komme sofort“. Der Vater wurde wegen eines Schlaganfalls ins Krankenhaus eingeliefert. Er überlebt, aber mit beachtlichen Beeinträchtigungen. Zwar kann er allmählich wieder essen, sitzen und sprechen lernen, aber die durch halbseitige Gesichtslähmung entstandene entstellte Physiognomie bleibt. Als schwuler Bourgeois und Kunstsammler an einen stilsicheren Lebensstil gewohnt, will er unter diesen Umständen nicht mehr leben. Tochter Emmanuèle soll alles Nötige vorbereiten und auf ihrem autobiografischen Roman beruht François Ozons Film, der gerade durch seine Sachlichkeit, wie er die Hürden des Freitods in den Mittelpunkt rückt, durch den Kontrast von verzweifelten und humorvollen Szenen berührt, ohne sentimental zu wirken. 
Die Schwester Pascale hilft, ist aber zu sehr mit ihrer Familie und ihrem Beruf beschäftigt. Das Verhältnis zum Bruder ist längst entzweit und die verhärmte Mutter geht völlig auf Distanz. Traurige Kindheitserinnerungen tauchen in Rückblenden auf. Dieser Vater war und ist ein durch und durch egozentrischer Narzisst, „ein Mistkerl“, verletzend und ungerecht.…

Gaspar Noé „Vortex“ 

Filmkritik "Votex" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gaspar Noé „Vortex“ 

Wenn das Gehirn vor dem Herz stirbt, genau darum kreist Gaspar Noés neuer Film. Es sind die unkontrollierbaren Ausnahmesituationen, die ihn interessieren. 
Ein altes Ehepaar am Balkon scheint den Lebensabend zu genießen. „Ist das Leben nicht ein Traum“, konstatiert sie und er stimmt zu. Doch dieser Traum ist vorbei, bereits eine Rückblende. Sie wachen zwar gemeinsam im Bett auf, aber jeder befindet sich in seiner eigenen Welt und das Bild teilt sich. 
Via Split Screen erlebt der Zuschauer parallel zwei Lebenswelten, die sich auseinander und wieder zueinander bewegen …

Volker Schlöndorff „Der Waldmacher“ 

Filmkritik "Der Waldmacher" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Und Gott warf zwei Menschen auf die Erde und einige Samen…Mit phantastischen Landschaftsbildern hinterlegt mit dem Text einer afrikanischen Legende über die Entstehung der Menschen beginnt Volker Schlöndorff sein dokumentarisches, in mehrere Kapitel gegliedertes Essay „Der Waldmacher“, als wäre es ein Weltenepos zum Thema „Die Saat geht auf“. Doch das weltumspannende religiöse Narrativ ist nur der Rahmen für die Fakten der Realität, für Bodenzerstörung und Bevölkerungswachstum. 
Schlöndorff dokumentiert das Wirken Tony Rinaudos, eines australischen Agrarwissenschaftlers, der 1981 in den Niger reiste, um über unterirdische Wurzelwerke eine Methode zu entwickeln, ausgetrocknete Regionen Afrikas wieder zu bewalden. 2018 wurde er für sein Forschen und Wirken mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet …

Film – Asghar Farhadis „A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani“

Filmkritik "A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani"

Ist Herr Soltani nun ein Held oder nicht? Von den Medien wird er wegen seiner Ehrlichkeit als Ehrenmann gefeiert,  gleich darauf von den sozialen Netzwerken diffamiert. Raffiniert, für die strenge Zensur in seiner Heimat Iran nicht greifbar, konstruiert Asghar Farhadi eine persönliche Geschichte, die dennoch einen sehr guten Einblick in die gesellschaftspolitischen Prozesse des Irans gibt und in poetischen Bildern die Realität hinterfragt. Ein verschuldeter Häftling kann plötzlich einen Teil seiner Schulden tilgen, weil die  Frau, die nach einer Scheidung sein neues Lebensglück ist, Goldmünzen auf der Straße findet. Doch er gibt sie lieber zurück, um mit seinem Gewissen im Reinen zu sein. Das ist natürlich eine heiße Story für die Medien…

Film – Paul Schraders „The Card Counter“ – ein Thriller über die Instrumentalisierung des Menschen durch kriegspolitische Methoden

FIlmkritik "The Card Counter" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Ich hätte nie gedacht, dass ich auf der Enge einer Gefängniszelle leben könnte.“ William Tell gefällt der normierte Tagesablauf, das Pokern mit den anderen Inhaftierten. Er spielt ungewöhnlich konzentriert, rechnet alle Punkte während des Spiels mit und siegt. Schnitt. William mietet sich in einem Motel ein, reist von einem Spielcasino zum anderen. Immer wieder wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. „The Card Counter“ war als Soldat Spezialist „für erweiterte Verhörmethoden“. Nach zehn Jahren wird er aus dem Gefängnis entlassen. Die Schuldgefühle bleiben…

Berlinale 22 – sicher, aber ohne Glamour

Berlinale 22 präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Der erfolgreiche Abschluss der Berlinale 2022 stimmt uns froh und zuversichtlich. Das gemeinsame Kulturerlebnis ist auch in Pandemiezeiten möglich und wird gerade dann besonders wichtig“, resümieren die Organisatoren der Berlinale, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, über die 72. Internationalen Filmfestspiele. Wir wollten „Flagge zeigen für das Kino“ und tatsächlich ist es so, dass keiner der Filme in TV- oder PV-Format die Wirkung hätte, die er in Cinemascope entwickelt…

Berlinale – „Gangubai Kathiawadi“ – die Problematik von Mädchenhandel und Prostitution als Bollywood-Film

"Gangubai Kathiawadi" Bollywood auf der Berlinale präsentiert von www.scbabel-kultur-blog.de

Wieder wird ein hübsches Mädchen verkauft. Nach der Zugfahrt nach Bombay erwartet es nicht eine Filmkarriere, sondern die Versklavung als Prostituierte. Wegen ihres Widerstandes wird sie zunächst wie ein Tier an Ketten gefesselt. Gangubai Kathiawadi befreit sie und erzählt dabei ihr ähnliches Schicksal. Wer einen dokumentarisch aktuellen Film erwartet, wird enttäuscht sein. „Gangubai Kathiawadi“ ist Bollywood in Reinkultur, Illusionskino wie aus den 1950er Jahren in einem Kulissenambiente mit viel Tanz und grandiosem Happy-End…

Berlinale – Hong Sang-soos „So-seol-ga-ui Yeong-hwa“ („The Novelist’s Film“)

Berlinale Filmkritik "The Novelist´s Film" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Es ist ein seltsamer Tag“, konstatiert die Protagonistin im Film. Als sie spontan nach vielen Jahren ihre einstige Freundin besucht, trifft sie zufällig auch einen bekannten Filmregisseur, darauf eine von ihr bewunderte Schauspielerin und deren Neffen, ebenfalls ein Filmemacher, und später noch einen Freund aus früheren Zeiten, wie sie selbst ein Schriftsteller. Gemeinsamer Nenner sind ihre Blockaden ihre Kunst zu praktizieren. Alle zusammen trinken mehrere Runden Alkohol. Die Idee, einen authentischen Film zu drehen, kristallisiert sich heraus und wird tatsächlich realisiert. Man sieht diesen Film nicht. Er wird der Schauspielerin ganz alleine gezeigt…

Berlinale – Gold für „Alcarrás“ – Die Sieger in der Sektion Wettbewerb der 72. Internationalen Filmfestspiele

Berlinale 22 die Sieger präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wettbewerbsentscheidungen kann man oft nicht nachvollziehen. Wenn man alle prämierten Filme gesehen hat, wundert man sich immer wieder über die Vergabe der Trophäen. Man freut sich aber auch, wenn die eigenen Favoriten dabei sind, wie man an meinen Kritiken sehen kann.
Dass „Alcarrás“ mit dem heißbegehrten Goldenen Bären ausgezeichnet wurde , ist vor allem dem aktuellen Thema zu verdanken, wie Familien- und landwirtschaftliche Strukturen zerstört werden, der schauspielerischen Präsentation nicht nur der Kinder…

Berlinale  – Laurent Larivières neuer Film „A propos de Joan“ mit Isabelle Huppert 

Hätte man Isabelle Huppert nicht ohnehin mit dem Goldenen Ehrenpreis bei der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet, wäre der Bär für die beste schauspielerische Leistung angemessen gewesen. Laurent Lariviéres neuer Film „A propos de Joan“ ist eine Hommage an ihr Talent. „Ich habe mir diesen Film gewünscht“, bekannte sie bei der Verleihung des Golden Ehrenbären. 
Isabelle Huppert war schon auf dem Weg nach Berlin, aber ein positiver Corona-Test direkt vor dem Abflug machte ihre Präsenz bei der Preisverleihung unmöglich. Nur per Videoschaltung auf der Bühne sichtbar, wie ein perfektes Porträt nur am Wimpernschlag live erkennbar, büßte die Preisverleihung stark an Atmosphäre ein, auch wenn Lars Eidinger in der Laudatio seine persönlichen Verehrung für Isabelle Huppert sehr emotional und sichtlich ergriffen formulierte. Der prickelnde, typische Berlinale-Glamour fehlte dieses Jahr ohnehin allen Ecken und Enden.
Umso stimmungsvoller, maßgeschneidert für Isabelle Huppert ist der neue Film, der bei den 72. Internationalen Filmfestspiele in der Rubrik „Berlinale Special“ im Programm präsentiert wurde…

Berlinale – Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Berlinale Filmkritik präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine türkische Mutter in Bremen klagt gegen den Supreme Court der USA. Von 2001 bis 2005 kämpfte Rabiye Kurnaz um die Freilassung ihres Sohnes im US-amerikanischen Gefängnis Guantánamo auf Cuba. Ihr Sohn wurde ohne Gerichtsurteil inhaftiert und gefoltert. Andreas Dresen (Regie) macht aus diesem langwierigen historischen Fall eine Satire auf die US-amerikanische Justiz, die deutsche Bürokratie und Politik, in der ihm brillant die Kurve aus der Komik in die Tragik der Realität gelingt. 

Berlinale – Carla Simóns „Alcarrás“ – ein wehmütiges Porträt über den Wandel ländlicher Strukturen

Berlinale Carla Simßons "Alcarrás" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Durch eine schmutzige Windschutzscheibe über die Augen dreier Kinder erlebt der Zuschauer, wie sich der fantasierte Meteorit in einen realen Bagger verwandelt, der die Kinder aus dem Autowrack vertreibt. Aus den Augen der Erwachsenen spürt man am Schluss das Ohnmachtsgefühl der ganzen Großfamilie, als ein Bagger die Pfirsichbäume niederwalzt, um Solaranlagen Platz zu machen. Dazwischen entfaltet Regisseurin Carla Simón in kleinen Alltagsszenen ein fröhlich, temperamentvolles Familienporträt, dessen Harmonie durch den Druck der Bodenspekulationen völlig aus dem Gleichgewicht kommt…

Berlinale – Michael Kochs „Drii Winter – A Piece of Sky“ 

Filmkritk von Michael Koch "Drii Winter" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Weit oben in den Schweizer Bergen lebt Anna mit ihrer kleinen Tochter Julia, wo die Felsbrocken die Weide einschränken. Marco ist ihr neuer Freund. Aus dem Tal ist er gekommen, ein kräftiger Kerl den Nacken immer etwas hochgeschoben, den Blick gesenkt. Aber wenn Anna tanzt, beginnen seine Augen zärtlich zu leuchten und man versteht, warum Anna ihn mag. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan. Sehr berührend zeichnet Michael Koch diese innige Beziehung, von der das Leben so viel fordert…