Film – „Meine Stunden mit Leo“

Filmkritik "Meine Stunden mit Leo" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Ich hatte noch nie einen Orgasmus.“ Diese frustrierende Situation will Nancy (Emma Thompson) ändern. Ihre Ehe war stabil, aber langweilig. Seit zwei Jahren ist sie Witwe. Das Verhältnis zu ihren beiden Kindern ist nicht wirklich herzlich und der Beruf als Religions- und Ethiklehrerin alles andere als prickelnd. 55 Jahre alt versucht sie mit einem Callboy zu erleben, was sie versäumt hat. Ein heikles, bislang absolutes Tabuthema wird zum humorvoll subtilen Kammerspiel, das in keinem Moment entgleist, möglich durch die hervorragende Besetzung, das zündende Drehbuch und eine zarte Regie der Annäherung…

Carla Simóns „Alcarrás – Die letzte Ernte“ – ein wehmütiges Porträt über den Wandel ländlicher Strukturen

"Alcarras - Die letzte Ernte" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Es sind die drei Kinder, die in ihrer Spielfreude ständig für ein Lächeln sorgen. Iris fällt immer etwas Lustiges ein und die beiden Zwillingsbuben machen fröhlich mit. Wenn man ihnen ihre kreativen Spielorte aus arbeitstechnischen Gründen wegnimmt, spielen sie auch mal mit Salatköpfen Ball. Iris hilft liebevoll bei der Ernte und beerdigt die toten Hasen wie der afrikanische Hilfsarbeiter, den sie in seinem stillen Ritual genau beobachtet. Regisseurin Carla Simón weiß die richtigen Akzente zu setzen, um wie in einem Puzzle die strukturellen Veränderungen vor Ort in Alcarrás zu einem Symbol für globale Veränderungen zusammenzufügen. Jeder in der Familie ist anders, aber es gibt ein gemeinsames Ziel, den Erhalt der Pfirsichplantage…

Toshiaki Toyoda – „Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel“

"Shiver" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wenn japanische Musiker auf Taikos trommeln wird der Klang zum Energiefeld. Nicht nur die Körper der Musiker, sondern auch die der  Zuhörer geraten in Schwingung, soweit sie sich auf dieses Erlebnis einlässen. Fern jeglicher Musik-Mainstreams geht der vibrierende Grundrhythmus unter die Haut, berühren die archaischen Gesänge und Melodien die Seele. Mit wuchtigen Naturbildern collagiert fusionieren Musik und Elementarkräfte zu energetischen Explosionen.
Jetzt kann man das japanische Taiko-Trommel-Ensemble Kodo über die Großveranstaltungen ihrer Tourneen hinaus im Film erleben. „Shiver“ ist weit mehr als nur ein Musikfilm…

Film – „Corsage“ – die Sissy-Story ganz anders 

Film "Corsage" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wien, Österreich 1877. Majestät Kaiserin Sissi (1837-1898) taucht unter in der Badewanne. Ihre Hofdamen notieren, wie lange sie es aushält. Das Korsett wird noch enger geschnürt. Es sind Schlüsselszenen für Sissis eingeengtes Leben. Ihre Repräsentationspflichten, ganz auf ihre Schönheit fixiert, werden im 40. Lebensjahr, dem durchschnittlichen Sterbealter der Frauen im 19. Jahrhundert zur Tortur. Sie treibt Sport, isst zum Dinner nur zwei hauchdünne Orangenscheiben, um ihre Wespentaille zu erhalten und entflieht dem Wiener Hof so oft sie kann durch Reisen.

Dieses 40. Lebensjahr umkreist Regisseurin Marie Kreutzer in subtilen Szenen zwischen erotischen Sehnsüchten und verletzenden Distanzierungen, historischen Schauplätzen und Kostümen, dokumentarisch eingeblendeten Monatsangaben und ironischen Verfremdungen aus der Gegenwart. Dabei gelingt ihr über das Porträt der Kaiserin hinaus ein zeitloses Spiegelbild einer in narzistischen Klischees gefangenen Frau, die ganz überraschend unkonventionelle Befreiungsstrategien entwickelt…

Ryūsuke Hamaguchi „Drive My Car“

Filmkritik "Drive My Car" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Sie sitzen im Auto. Sie lieben sich. Sie erzählt. Er hört zu und memoriert Textpassagen von einer Textkassette. Der Zuschauer gerät in den Strudel einer magischen Beziehung, in der jeder Schuld auf sich geladen hat und er sich plötzlich selbst befragt, welche Mitverantwortung er im Leben trägt. Nach der gleichnamigen Geschichte des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami macht Regisseur Ryūsuke Hamaguchi einen sehr subtilen Film, der sich Schritt für Schritt als Epos der Seele entpuppt…

Francois Ozon „Alles ist gutgegangen“ – ein gelungener Beitrag zur Sterbehilfe

Filmkritik "Alles ist gutgegangen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Komme sofort“. Der Vater wurde wegen eines Schlaganfalls ins Krankenhaus eingeliefert. Er überlebt, aber mit beachtlichen Beeinträchtigungen. Zwar kann er allmählich wieder essen, sitzen und sprechen lernen, aber die durch halbseitige Gesichtslähmung entstandene entstellte Physiognomie bleibt. Als schwuler Bourgeois und Kunstsammler an einen stilsicheren Lebensstil gewohnt, will er unter diesen Umständen nicht mehr leben. Tochter Emmanuèle soll alles Nötige vorbereiten und auf ihrem autobiografischen Roman beruht François Ozons Film, der gerade durch seine Sachlichkeit, wie er die Hürden des Freitods in den Mittelpunkt rückt, durch den Kontrast von verzweifelten und humorvollen Szenen berührt, ohne sentimental zu wirken. 
Die Schwester Pascale hilft, ist aber zu sehr mit ihrer Familie und ihrem Beruf beschäftigt. Das Verhältnis zum Bruder ist längst entzweit und die verhärmte Mutter geht völlig auf Distanz. Traurige Kindheitserinnerungen tauchen in Rückblenden auf. Dieser Vater war und ist ein durch und durch egozentrischer Narzisst, „ein Mistkerl“, verletzend und ungerecht.…

Gaspar Noé „Vortex“ 

Filmkritik "Votex" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gaspar Noé „Vortex“ 

Wenn das Gehirn vor dem Herz stirbt, genau darum kreist Gaspar Noés neuer Film. Es sind die unkontrollierbaren Ausnahmesituationen, die ihn interessieren. 
Ein altes Ehepaar am Balkon scheint den Lebensabend zu genießen. „Ist das Leben nicht ein Traum“, konstatiert sie und er stimmt zu. Doch dieser Traum ist vorbei, bereits eine Rückblende. Sie wachen zwar gemeinsam im Bett auf, aber jeder befindet sich in seiner eigenen Welt und das Bild teilt sich. 
Via Split Screen erlebt der Zuschauer parallel zwei Lebenswelten, die sich auseinander und wieder zueinander bewegen …

Volker Schlöndorff „Der Waldmacher“ 

Filmkritik "Der Waldmacher" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Und Gott warf zwei Menschen auf die Erde und einige Samen…Mit phantastischen Landschaftsbildern hinterlegt mit dem Text einer afrikanischen Legende über die Entstehung der Menschen beginnt Volker Schlöndorff sein dokumentarisches, in mehrere Kapitel gegliedertes Essay „Der Waldmacher“, als wäre es ein Weltenepos zum Thema „Die Saat geht auf“. Doch das weltumspannende religiöse Narrativ ist nur der Rahmen für die Fakten der Realität, für Bodenzerstörung und Bevölkerungswachstum. 
Schlöndorff dokumentiert das Wirken Tony Rinaudos, eines australischen Agrarwissenschaftlers, der 1981 in den Niger reiste, um über unterirdische Wurzelwerke eine Methode zu entwickeln, ausgetrocknete Regionen Afrikas wieder zu bewalden. 2018 wurde er für sein Forschen und Wirken mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet …

Film – Asghar Farhadis „A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani“

Filmkritik "A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani"

Ist Herr Soltani nun ein Held oder nicht? Von den Medien wird er wegen seiner Ehrlichkeit als Ehrenmann gefeiert,  gleich darauf von den sozialen Netzwerken diffamiert. Raffiniert, für die strenge Zensur in seiner Heimat Iran nicht greifbar, konstruiert Asghar Farhadi eine persönliche Geschichte, die dennoch einen sehr guten Einblick in die gesellschaftspolitischen Prozesse des Irans gibt und in poetischen Bildern die Realität hinterfragt. Ein verschuldeter Häftling kann plötzlich einen Teil seiner Schulden tilgen, weil die  Frau, die nach einer Scheidung sein neues Lebensglück ist, Goldmünzen auf der Straße findet. Doch er gibt sie lieber zurück, um mit seinem Gewissen im Reinen zu sein. Das ist natürlich eine heiße Story für die Medien…

Film – Paul Schraders „The Card Counter“ – ein Thriller über die Instrumentalisierung des Menschen durch kriegspolitische Methoden

FIlmkritik "The Card Counter" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Ich hätte nie gedacht, dass ich auf der Enge einer Gefängniszelle leben könnte.“ William Tell gefällt der normierte Tagesablauf, das Pokern mit den anderen Inhaftierten. Er spielt ungewöhnlich konzentriert, rechnet alle Punkte während des Spiels mit und siegt. Schnitt. William mietet sich in einem Motel ein, reist von einem Spielcasino zum anderen. Immer wieder wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. „The Card Counter“ war als Soldat Spezialist „für erweiterte Verhörmethoden“. Nach zehn Jahren wird er aus dem Gefängnis entlassen. Die Schuldgefühle bleiben…

Berlinale 22 – sicher, aber ohne Glamour

Berlinale 22 präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Der erfolgreiche Abschluss der Berlinale 2022 stimmt uns froh und zuversichtlich. Das gemeinsame Kulturerlebnis ist auch in Pandemiezeiten möglich und wird gerade dann besonders wichtig“, resümieren die Organisatoren der Berlinale, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, über die 72. Internationalen Filmfestspiele. Wir wollten „Flagge zeigen für das Kino“ und tatsächlich ist es so, dass keiner der Filme in TV- oder PV-Format die Wirkung hätte, die er in Cinemascope entwickelt…

Berlinale – „Gangubai Kathiawadi“ – die Problematik von Mädchenhandel und Prostitution als Bollywood-Film

"Gangubai Kathiawadi" Bollywood auf der Berlinale präsentiert von www.scbabel-kultur-blog.de

Wieder wird ein hübsches Mädchen verkauft. Nach der Zugfahrt nach Bombay erwartet es nicht eine Filmkarriere, sondern die Versklavung als Prostituierte. Wegen ihres Widerstandes wird sie zunächst wie ein Tier an Ketten gefesselt. Gangubai Kathiawadi befreit sie und erzählt dabei ihr ähnliches Schicksal. Wer einen dokumentarisch aktuellen Film erwartet, wird enttäuscht sein. „Gangubai Kathiawadi“ ist Bollywood in Reinkultur, Illusionskino wie aus den 1950er Jahren in einem Kulissenambiente mit viel Tanz und grandiosem Happy-End…

Berlinale – Hong Sang-soos „So-seol-ga-ui Yeong-hwa“ („The Novelist’s Film“)

Berlinale Filmkritik "The Novelist´s Film" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Es ist ein seltsamer Tag“, konstatiert die Protagonistin im Film. Als sie spontan nach vielen Jahren ihre einstige Freundin besucht, trifft sie zufällig auch einen bekannten Filmregisseur, darauf eine von ihr bewunderte Schauspielerin und deren Neffen, ebenfalls ein Filmemacher, und später noch einen Freund aus früheren Zeiten, wie sie selbst ein Schriftsteller. Gemeinsamer Nenner sind ihre Blockaden ihre Kunst zu praktizieren. Alle zusammen trinken mehrere Runden Alkohol. Die Idee, einen authentischen Film zu drehen, kristallisiert sich heraus und wird tatsächlich realisiert. Man sieht diesen Film nicht. Er wird der Schauspielerin ganz alleine gezeigt…

Berlinale  – Laurent Larivières neuer Film „A propos de Joan“ mit Isabelle Huppert 

Hätte man Isabelle Huppert nicht ohnehin mit dem Goldenen Ehrenpreis bei der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet, wäre der Bär für die beste schauspielerische Leistung angemessen gewesen. Laurent Lariviéres neuer Film „A propos de Joan“ ist eine Hommage an ihr Talent. „Ich habe mir diesen Film gewünscht“, bekannte sie bei der Verleihung des Golden Ehrenbären. 
Isabelle Huppert war schon auf dem Weg nach Berlin, aber ein positiver Corona-Test direkt vor dem Abflug machte ihre Präsenz bei der Preisverleihung unmöglich. Nur per Videoschaltung auf der Bühne sichtbar, wie ein perfektes Porträt nur am Wimpernschlag live erkennbar, büßte die Preisverleihung stark an Atmosphäre ein, auch wenn Lars Eidinger in der Laudatio seine persönlichen Verehrung für Isabelle Huppert sehr emotional und sichtlich ergriffen formulierte. Der prickelnde, typische Berlinale-Glamour fehlte dieses Jahr ohnehin allen Ecken und Enden.
Umso stimmungsvoller, maßgeschneidert für Isabelle Huppert ist der neue Film, der bei den 72. Internationalen Filmfestspiele in der Rubrik „Berlinale Special“ im Programm präsentiert wurde…