Uraufführung „Tradition und Transformation, Konzertplakat © Ostasien-Institut e. V.
Sechs Uraufführungen in Berlin: 3PeopleMusic und das Sonar Quartett verbinden taiwanische Instrumente mit zeitgenössischer europäischer Kammermusik.
Wie entsteht neue Musik, wenn taiwanische Instrumente auf ein europäisches Streichquartett stoßen? Genau das erlebte das Publikum in Berlin beim Konzert „Tradition und Transformation“, präsentiert vom taiwanischen Ensemble 3PeopleMusic und vom Sonar Quartett.
Das Konzert war furios! Die Begegnung der beiden Ensembles erweiterte tonale und rhythmische Horizonte, ebnete Unterschiede nicht ein, sondern machte sie hörbarer und transformierte traditionelle in zeitgenössische Musik.
Tradition und Transformation: musikalischer Dialog zwischen Taiwan und Europa
Der Konzerttitel „Tradition und Transformation“ ist vortrefflich, denn die Basis beider Ensembles ist das traditionelle kammermusikalische Musizieren, das bedeutet gegenseitiges Zuhören, Abstimmen von Klangfarben, Artikulation, Rhythmus, Tempo und Dynamik. Jeder Musiker selbst ist dafür verantwortlich, dass sein Part hörbar bleibt und sich die Musik durch subtile Veränderungen im Dialog der Instrumente zu einem ganz neuen Klangerlebnis transformiert.
Dabei werden durch die europäischen und taiwanischen Instrumente und die Spieltechniken extrem unterschiedliche kulturelle Facetten hörbar. Kleinste Tonmodulationen erinnern an die fernöstlichen Wurzeln und lassen gleichzeitig durch überraschende zeitgenössische Transformationen aufhorchen.
Ein komplexes Projekt: Wie sechs Uraufführungen entstanden
Ein derartiges Projekt setzt ein hochprofessionelles Niveau aller Beteiligten voraus, sowohl musikalisch als auch kompositorisch, und eine tief verankerte Begeisterung für innovative Musik, um einen derart ungewöhnlichen Entstehungsprozess zu meistern. Die Komponist:innen hatten eine Partitur für Instrumente zu schreiben, deren musikalische Sprache sie noch gar nicht kannten.
Man musste zuerst die traditionellen taiwanischen Instrumente Zheng (Wölbbrettzither), Ruan (Langhalslaute) und Dizi/Xiao (Bambusquer- und längsflöte) mit ihren sehr spezifischen Klangsprachen und Spieltechniken kennenlernen. Die Komponisten setzten sich mit Studienmaterial auseinander. In Online-Workshops erprobten sie ihre Skizzen mit den Musiker:innen. In individuellen Coachings mit den drei Solist:innen von 3PeopleMusic und dem Dirigenten entwickelten sie aus den Skizzen komplexe Partituren, die nach einer gemeinsamen Probenphase in Berlin am 15. Oktober im Kühlhaus zur Uraufführung kamen und Begeisterung auslösten.
Unter der musikalischen Leitung von Yuãn Chang wurden sechs neue Kompositionen uraufgeführt, plus zwei gemeinsame Improvisationen.
Taiwanische Instrumente treffen auf euorpäisches Streichquartett
Wenn Zheng, Ruan und Dizi/Xiao mit zwei Violinen, Viola und Violoncello zusammenspielen, treffen unterschiedliche Klangprinzipien aufeinander. Ziel war nicht, sie zu mischen, sondern im kammermusikalischen Dialog ganz neue, experimentelle Klangräume zu entfalten: ein hoher Anspruch.
Die Zheng bringt schimmernde, perkussiv gezupfte Klänge und gleitende mikrotonale Tonhöhen, Glissandi, Tremoli und Vibrato ein. Die Ruan ergänzt baritonal warme, rhythmisch prägnante Saitenfarben und Akkorde. Die Dizi mit einer Vielfalt von Obertönen und die etwas tiefer, baritonaler und intimer klingende Xiao fungieren als Melodiestimme mit Trillern, Verzierungen, Luft- und Membrangeräuschen.
Hochkonzentriert folgt man als Zuschauer diesem subtilen, klangschönen Spiel, das durch kontrastierende Tonalitäten und Rhythmen neue Harmonien eröffnet, die emotional euphorisieren.
Der Reiz dieser Uraufführungen besteht darin, dass tonale Unterschiede sehr differenziert hörbar werden. Traditionen klingen an und gleichzeitig entsteht eine neue Klangsprache, eine neue Harmonie aus kontrastierender klanglicher Vielfalt. So lässt Musik – im Kontrast zur politischen Weltlage – eine visionäre Gemeinsamkeit erleben.
Sechs Uraufführungen: die Komponist:innen mit ihren Werken
Möglich war das Projekt „Tradition und Transformation“ nur durch die produktive Zusammenarbeit von sehr erfahrenen Komponist:innen, Chao-Ming Tung, Vincent Ho und Chihchun Chi-sun Lee, mit einer jüngeren Komponist:innen-Generation von der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM): Chiung-Wen Hsu, Felix Tetz und Michael A. Leitner.
Chao-Ming Tung blickt auf eine internationale Konzert- und Lehrerfahrung zurück. Der kanadische Komponist Vincent Ho ist ein Experte der zeitgenössischen Musik und Chihchun Chi-sun Lee ist ebenfalls international als Komponistin etabliert.
Vincent Ho aus Kanada, ein Experte für zeitgenössische Musik, lässt in „Crossroads“ Erfahrungen aus 35 Jahren kompositorischer Arbeit für westliche Musik einfließen und 14 Jahre zusammen mit ostasiatischen Instrumenten. Aus Glissando-Texturen des Streichquartetts und volksmusikalisch inspirierten Fragmenten entwickelt sich ein zunehmend gleichberechtigter Dialog aller sieben Instrumente.
Chihchun Chi-sun Lee lässt in „Silken Threads, Bamboo Mist“ die Rollen zwischen beiden Ensembles wechseln. Die Streicher greifen Zupftexturen von Ruan und Zheng auf, während die traditionellen Instrumente in kontrapunktischen Strukturen eintreten, sodass sich eine musikalische „Harmonie in der Differenz“ offenbart.
In Chiung-Wen Hsus „Gedächtnislücken“ lösen sich Erinnerungsfragmente in abstrakte Klangbilder auf.
Michael A. Leitner macht in „The Incident Shrouded in Fog“ die Interpret:innen zu Mitgestalter:innen, indem sie den Notentext, der als Grundlage dient, eigenständig ausgestalten können.
Chao-Ming Tung verbindet in „Playing under the Moonlight“ zeitgenössische Kompositionen mit Elementen taiwanischer Kultur. Strukturen traditioneller Hakka-Kinderlieder und -spiele werden dabei auf Rhythmus, Phrasierung und musikalische Form übertragen.
Felix Tetz überlagert und verschachtelt in seinen „3 Nocturnes für Septett“ Klangräume in eine Folge musikalischer Traumwelten.
Zwei weitere Konzerte in München
Zwei weitere Konzerte fanden in München statt. Hannes Schneider, Leiter des „Offene Ohren e.V.“ ermöglichte der 3PeopleMusic zusammen mit dem Münchner Elektroniker Gunnar Geisse spannende „Improvisationen“ im Muc – Münchner Untergrund im Einstein Kulturzentrum,
Am 18. Oktober gastierten die taiwanischen Musikter:innen mit „Kultursalon“ im Museum der fünf Kontinente.
Das Projekt zeigt, wie fruchtbar der musikalische Austausch zwischen Taiwan und Europa sein kann – und wie sehr sich eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit lohnt.














