München – „Einer gegen alle“ frei nach dem gleichnamigen Roman von Oskar Maria Graf als Uraufführung im Residenztheater

"Einer gegen alle" im Münchner Residenztheater präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Der, nein drei Kriegsheimkehrer in schillernden Abendkleidern mit Feldgepäck irritieren das Publikum. Als smarte Schönlinge im Krieg kaum vorstellbar singen, rezitieren, schreien sie ihren Kriegsfrust vom Morden hinaus. Nichts haben sie im Krieg gelernt außer zu töten. Nichts sind sie außer Kriegsmaterial, Gefangene eines Systems, das sie kurz in den Frieden entlässt, um sie dann neu zu rekrutieren.
Vor grauer Fassadenbühne mit einem Tod als Graffiti, von düsterer Musik untermalt, bleibt das Schlachtfeld leer, kehrt die Bürgerlichkeit scheinbar zurück. Doch der voyeuristische Blick durch Videoprojektionen, vorwiegend live quer über die obere Hälfte der Bühne leuchtet  in die Kammern dahinter, in den  Zugwaggon Richtung, Hof und in den psychischen Ausnahmezustand dieser Gestrandeten und Gestrauchelten. Entlang optischer Effekte inszeniert  Alexander Eisenach „Einer gegen alle“ als Groteske im Münchner Residenztheater…

Landshut – Goethes „Urfaust“ als stylische Inszenierung im Landestheater Niederbayern

Theaterkritik "Urfaust" im Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Knackig ist Goethes „Urfaust“ ohne Zueignung, Vorspiel und Prolog, ohne Pudelszene, Blutpakt, Verjüngungskur und Walpurgisnacht, erst 1918 entdeckt und uraufgeführt. Noch knackiger ist Peter Oberdorfs Inszenierung, die Uwe S. Niesig (Bühne, Licht-Design und Florian Rödl (Video) effektvoll zur Wirkung bringen. Distanzmaßnahmen werden so raffiniert integriert, dass sie gar nicht auffallen, sondern zusätzlich die Vereinsamung in einer völlig individualisierten Gesellschaft spiegeln…

Berlin – Uraufführung von  Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Gott“ im Berliner Ensemble

Theaterkritik "Gott" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine Frau, 78 Jahre alt, 42 Jahre lang verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen mit akademischen Berufen und Großmutter von drei Enkelkindern, will nach dem Tod ihres Mannes, nicht mehr weiterleben und bittet vor dem Ethikrat um Hilfe bei Suizid. Sie will nicht in die Schweiz fahren, sondern wie ihr Mann sagte, es richtig machen. Dieses Anliegen in der Öffentlichkeit zu diskutieren ist das Anliegen des Autors, des Regisseurs Oliver Reese und der Schauspieler.
Ähnlich wie schon bei seinem ersten Theaterstück „Terror“ konzipiert Ferdinand von Schirach „Gott“ als Tendenzstück“. Pro und Contra zum Thema Freitod durch ärztliche Unterstützung werden quer durch die Kulturgeschichte diskutiert, weder vor Gericht noch als Einzelfall, sondern vor dem Ethikrat von Experten zur Meinungsfindung. Die Zuschauer sollen sich ein Urteil bilden, um am Ende über die hochaktuelle Problematik abzustimmen…

Berlin – Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ im Berliner Ensemble

Theaterkritik "Panikherz" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine breite, sich verschmälernde Treppe mit dickem Teppich ausgelegt führt hinauf zu einer intim rot leuchtenden Bar eines alten Grand Hotels. Rechts und links positioniert ist die  5-köpfige Band. In diesem Umfeld haben Regisseur Oliver Reese und das Ensemble Benjamin von Stuckrad-Barres 500-seitigen autobiografischen Poproman „Panikherz“ auf 40 Seiten reduziert  und in ein zweistündiges Theaterstück verwandelt.
Benjamin hat die Öko-Pastoren-Idylle seiner Eltern satt, findet in Udo Lindenbergs Songs seine geistige und emotionale Heimat, bricht auf in die Großstadt, macht als destruktiver Musikkritiker Karriere und feiert sich auf Technopartys zu Grunde, zuerst mit Crack, dann mit Koks,  Bulimie, noch mehr Drogen, Entzug in Wiederholungsschleife plus Alkohol. Benjamins narzisstisches Ego ist so groß, dass Reese ihn von vier Schauspielern darstellen lässt…

Salzburg – Uraufführung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec Eine Szene“

Peter Handkes „Zdeněk Adamec Eine Szene“ präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Salzburger wagen, was angesichts der Pandemie-Folgen kaum vorstellbar ist, Festspiele, zwar nicht im ursprünglichen Umfang, wie es zum 100-jährigen Jubiläum geplant war, aber doch noch mit 90 Vorstellungen  unter strengsten Hygienevorschriften. Klappen die Salzburger Festspiele ohne ansteigende Covid-19-Infizierungen wäre das ein bahnbrechendes Zeichen für die Kultur und ihren Stellenwert gerade in Krisenzeiten und eine große Vorbildwirkung, dass man durch richtiges Hygienemanagement und korrektes Verhalten sehr viel erreichen kann. 
Mit Spannung erwartet wurde im Schauspielbereich zweifelsohne Peter Handkes neues Stück „Zdeněk Adamec Eine Szene“, die wahr ist, kein Märchen. Die erwartete Provokation, die man von Handkes Texten kennt, angefangen von der „Publikumsbeschimpfung“ (1966) bis zu seinen sehr kontrovers diskutierten Stellungnahmen im Jugoslawienkrieg der 90er Jahre, blieb aus. Sein neues Stück bleibt ganz im Menschlichen mit Bezug zu den global gesellschaftlichen Veränderungen. „Zdeněk Adamec Eine Szene“ eckt nicht an, puzzelt nur ein Bild eines an sich und der Welt verzweifelten Menschen, der sich 2003 aus Protest gegen den Zustand der Welt am Wenzelsplatz in Prag selbst anzündete.

München – Christian Stückl wird mit dem Abraham-Geiger-Preis ausgezeichnet.

Abraham-Geiger-Preis an Christian Stückl präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Christian Stückl blickt als Spielleiter der Passionsspiele in Oberammergau und Leiter des Münchner Volkstheaters auf eine  beachtliche Karriere. Ihm verdanken die Oberammergauer Festspiele, dass das Jüdische in der Passion gezeigt wird, „ohne Vorurteile, ohne Dämonisierung, ohne antisemitische Untertöne“, so Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.  Weil Stückl die international bekannten Oberammergauer Passionsspiele weg von christlichem Judenhass hin zu einer ausgewogenen Darstellung innerjüdischer Konflikte innovierte, hat die Jury unter Vorsitz von Josef Joff, Herausgeber der „ Zeit“  Stückl und den Oberammergauer Passionsspielen den Abraham-Geiger-Preis 2020 zuerkannt. „Wir denken, dass Sie (Stückl) einer wichtigen Botschaft Gewicht verliehen haben: dass wir in unserem Land gegen Rassismus und Antisemitismus eintreten müssen, um eine pluralistische Gesellschaft zu sichern“…

Landshut – „Love Letters“ open air im Prantlgarten

"Love Letters" vom Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit „Love Letters“ bringt das Niederbayerische Landestheater open air im Prantlgarten noch vor der Sommerpause den Zauber der Live-Bühne zurück.  
In weißer Unterwäsche, Schießer-Optik der 50er Jahre, steht er wie ein großer Tollpatsch da, wie immer einen Brief in der Hand, vis-a-vis das kleine zarte Mädchen aus reichem Haus, das ihm, seit es im zweiten Schuljahr in seine Klasse gekommen ist, den Kopf verdreht hat. Noch einmal zieht das Leben vorbei,…

München – „Theater als Chronist des Heute“ – Residenztheater thematisiert in der Spielzeit 2020/21, wie der Mensch mit Krisen umgeht

Spielplan Residenztheater München präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Spielzeitplanung 2020/2021 war gerade druckfertig, als der Lockdown am 11. März 2020 das kulturelle Leben zum Erliegen brachte. Vor dem Hintergrund der Pandemie reagierte Andreas Beck, seit 2019/20 Intendant des Residenztheaters, mit einem neuen Spielplan, der vor dem Hintergrund der Pandemie um die Frage kreist, wie Menschen auf Krisen reagieren, und  „Das Theater als Chronist des Heute“ begreift…

Bochum – „Ich ist ein Robinson. Bochumer Inselgeschichten“ im Schauspielhaus 

Schauspiel Bochum "Ich ist ein Robinson" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Vor 30 Jahren schrieb Daniel Defoe seinen weltberühmten Roman „Robinson Crusoe“. Die Geschichten über einen auf einer einsamen Insel gestrandeten jungen Mann begründete die Gattung der Robinsonaden. Die Thematik zwischen Schiffbrucherleben, Isolation und Einsamsein passt bestens in die Covid-19-Situation. „Jetzt sitzt jeder wie Robinson auf seiner Insel und redet per Skype mit seinem Nächsten, so wie wir gerade“, resümierte Filmemacher Alexander Kluge in einem Interview vor wenigen Wochen.

Regisseurin Anna Stiepani ließ sich von Defoes „Robinson Crusoe“ inspirieren. Während der Lockdown-Phase in Bochum entwickelte sie mit einem Großteil des Ensembles und dem Musiker Karsten Riedel eine ganz neue „Bochumer“ Robinsonade…

München – Wiederaufnahme von Svealena Kutschkes „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ im Metropoltheater 

Metropoltheater "zu unseren füßen, das Gold" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Münchens renommiertes Metropoltheater startet wieder. 1998 wurde es von Jochen Schölch im „Alten Kino Freimann“ im Münchner Norden als gemeinnützige GmbH gegründet. Alle Gewinne müssen wieder in künstlerische Produktionen investiert werden. Die 50er-Jahre-Ästhetik blieb bis heute unangetastet. Modern und packend sind die Inszenierungen. Vielfach wurde das Theater ausgezeichnet. Trotzdem bleibt der ständige finanzielle Kampf um das Überleben, verstärkt durch die Corona-Krise, auch wenn seit dem 20-jährigen Theaterjubiläum die Stadt München das Metropol etwas subventioniert. 
Svealena Kutschkes „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ passt bestens in die von der Rassismusdebatte geprägte Tagesaktualität…