Hamburg – Lessingtage 2021 unter dem Motto „Stories from Europe“ – eine Kooperation des Hamburger Thalia Theaters mit dem Royal Dramatic Theater Stockholm

Lessingtage präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Hamburger Lessingtage sind in diesem Jahr per Live-Stream zu erleben. Christopher Rüpling, einer der renommiertesten Regisseure im deutschsprachigen Raum und Festival-Direktor, verwandelte das Theatertreffen in eine internationale Streaming-Show. Vom 27. – 31. Januar wird jeden Tag eine hochkarätige Inszenierung in Originalsprache mit Untertiteln ausgestrahlt, richtungsweisende „Stories from Europe“. Den Auftakt macht Christoper Rüplings energetisches „Paradies“, das die Welt als Ort der Ausbeutung, als Antiparadies enthüllt …

Bochum – Sophokles „Ödipus, Herrscher“ als Live-Stream-Lesung im Schauspielhaus 

Einen Vorgeschmack auf die neue Inszenierung „Ödipus, Herrscher“ gab die Live-Stream-Lesung einer Theaterprobe. Noch ist alles erst im Werden. Die Rollen sind besetzt mit Steven Scharf in der Titelrolle und Elsie de Brauw als seine Frau bzw. Mutter Jokasta. Regie führt Johan Simons. Die Szenerie der Lesung beschränkt sich vorerst infolge der Hygieneregeln auf eine sehr distanzierte Konferenzatmosphäre in angedeuteten Kostümen …

Landshut – „Alles, was ich liebe“ – SchauspielerInnen präsentieren ihre literarischen Favoriten in den Kammerspielen Landshut

Stefanie von Poser "Alles was ich liebe" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit einer neuen Live-Stream-Reihe etablieren die Landshuter Kammerspiele „die vierte Spielsparte“, wie Intendant Sven Grunert Online-Formate über den Lockdown hinaus künfitg in der Theaterszene tituliert und visioniert. Bei dem Projekt „Alles, was ich liebe“ lesen, spielen, performen SchauspielerInnen Passagen aus ihren literarischen Lieblingstexten, die ihnen intellektuell, emotional oder ethisch wichtig sind. 
Den Anfang macht Stefanie von Poser, die bundesweit durch Filme wie „Wer früher stirbt, ist länger tot“, „Räuber Kneißl“ und von der ZDF-Reise die „Bergretter“ bekannt ist…

Landshut – „Du siehst aus wie eine Hundehütte“ – eine inszenierte Lesung mit Texten von Heinz Erhardt in den Kammerspielen

Theaterkritik "Du siehst aus wie eine Hundehütte" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Nach fast 9 Minuten Solo-Kruschelei in den Manuskripten am Tisch, drei weiteren Kruschel-Minuten im Duett an zwei Tischen feiert Alleinunterhalter Heinz Erhardt gedoubelt, gespielt und gelesen von Rudi Knauss und Matthias Kupfer ein Comeback als Livestream in den Landshuter Kammerspielen. Schwarz gekleidet vor schwarzem Hintergrund, der sich am Bildschirm zuweilen als Büro der 60er Jahre offeriert, wirken die Schauspieler auf Kopf und Hände skurril reduziert. In ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen sie sich wunderbar in ihrer zelebrierten Nostalgie…

München – „Borderline“ – eine Dokufiktion im Marstall Theater 

Theaterkritik "Borderline" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wie könnte es zu einer Wiedervereinigung in Korea kommen? Wo sind die Grenzen in uns? Wie wirken sich Grenzen aus? Das sind die Kernthemen, die die Dokufiktion „Borderline“ im Münchner Marstall Theater umkreist. Durch die Probearbeiten in Seoul, nicht zuletzt bedingt durch die Pandemie dauerte es zwei Jahre bis zur Uraufführung im vergangenen Juni. Jetzt ist die multimedial performative Inszenierung als Live-Stream auf der Webseite des Residenztheaters zu sehen…

Bochum – Canettis „Die Befristeten“ im Schauspielhaus

Theaterkritik "Die Befristeten" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Wir sind dankbar! Wofür? Es ist herrlich zu wissen, wann der Augenblick ist, dass wir uns trennen.“ Wirklich? Wie wäre es tatsächlich, wenn das Sterbedatum für alle bereits festgelegt wäre? Dieses experimentelle Gedankenspiel theatralisiert Elias Canetti in seinem Stück „Die Befristeten“.
Jeder Mensch hat eine Nummer, die sein Name ist, sein Lebensalter angibt und ihn gleichzeitig zur anonymen Nummer degradiert. Mit der Geburt ist auch „der Augenblick“ des Sterbedatums bekannt, das jeder in einer Kapsel um den Hals trägt. Johan Simons vom Schauspielhaus Bochum machte daraus einen spannenden, hochbrisanten Theaterabend, der nach der Premiere am 9. Juni, sieben Monate später am 9. Januar als Live-Stream als Geistervorstellung im leeren Schauspielhaus noch einmal zu sehen war…

Bochum – „Asche zu Asche“ im Schauspielhaus

Bochum "Asche zu Asche" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine Frau gibt stückchenweise Einblick in ihr Leben. Ein Mann hört ihr zu, hakt nach, insistiert, tappt trotzdem im Dunkeln, kann die Blitzlichter der Vergangenheit zu keiner Geschichte puzzeln. 
Harold Pinters „Asche zu Asche“, 1996 als eines seiner letzten Stücke geschrieben, ist ein sehr offenes Stück mit vielen Pausen. Man sucht nach einem Schlüssel für die beiden Figuren, aber es gibt keinen. Es eröffnet sich keine psychologische Erklärung. Das Schweigen dagegen ermöglicht viele Assoziationen seitens des Publikums. 
Inzwischen existieren von der Inszenierung von Regisseur Koen Tachelet drei Versionen, die Premiere im Januar vergangenen Jahres mit dem Publikum auf der Bühne, dann wegen der Hygienevorschriften für wesentlich weniger Zuschauer immer zweimal hintereinander über die Köpfe des Publikums hinweg im Zuschauerraum gespielt und seit dem zweiten Lockdown als Live-Stream im leeren Foyer. Durch die gute Kameraführung, durch Elsie de Brauw und Guy Clemens ausdrucksstarkes Spiels gelingt dennoch ein spannendes Kammerspiel…

Landshut – „Oh, wie schön ist Panama!“ im Landestheater Niederbayern

Theaterkritik "Oh wie schön ist Panama" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wer kennt sie nicht Janoschs berühmte Kindergeschichte „Oh, wie schön ist Panama!“ Bär und Tiger reisen nach Panama, dem Traum ihrer Sehnsüchte, laufen im Kreis und finden das Paradies zu Hause im eigenen Häuschen. Die Tigerente im Schlepptau wurde zur Kultfigur mehrerer Kindergenerationen.
Jetzt brachte das Landestheater Niederbayern „Oh, wie schön ist Panama!“ als inszenierte Lesung auf die Bühne, vorerst als Live-Stream…

München – Albert Ostermaiers „Superspreader“ im Residenztheater

Theaterkritik von Ostermaiers "Superspreader" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Der Unternehmensberater wird zum Superspreader, zum Virus, ausgerechnet der Mensch, der die Unternehmen retten soll, macht sie krank, um sie neu zu kreieren. Die Virologisierung des Menschen ist so neu nicht.
2000 schrieb der Münchner Dramatiker Albert Ostermaier das Theaterstück „Erreger“, in dem ein Börsenmakler sich von einem PC-Virus befallen fühlt und der Kapitalismus zum Virus avanciert. 2020 denkt Ostermaier vor dem Hintergrund der Pandemie diese Idee für das Residenztheater als „Superspreader“ zwischen Primärinfektion und Superstar weiter, ein Stück, das als Livestream für jeweils fünfzehn Personen Anfang Dezember uraufgeführt wurde, um die Zeit des Lockdowns zu überbrücken. 

In einem einstündigen assoziativen Monolog konfrontiert Florian Jahr als Superspreader das Publikum mit den spannenden Horrorvisionen eines schuldlos Infizierten, der zwischen Verzweiflung, Bewältigung seiner Kindheitserinnerung und Größenwahn schizophrene Charakterzüge entwickelt und den Kapitalismus personalisiert…

München – „Dantons Tod“ im Residenztheater

theaterkritik "Dantons Tod" im Residenztheater München präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Grandios ist das Bühnenbild, eine ruinöse Fassade, in der die Protagonisten irreal wie Geister, Untote aufleuchten, jeder eine geschundene Seele, mit verschatteten Augen, hohlwangig, verletzt am Kopf, mehr noch in der Seele, sich zersetzende Gestalten im  Flirren der Videoprojektionen. Sie schreien ihre Parolen hinaus, Büchner pur. Sie werden einfach weggedreht auf der Kreisbühne, während das Spiel um „Dantons Tod“ mit wuchtiger Dramatik aufflackert…

Bochum – Shakespeares „König Lear“  existentiell reduziert 

Theater Bochum "König Lear" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Bühne ist bis auf einen Grabhügel leer. Verschieden große Einschnitte durch eine Holzwand erweitern den Blick hinter die Bühne in die Geborgenheit behauster Räumlichkeit, überflimmert von grau trüben Videoprojektionen, die die Schauspieler aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen und in ständiger Bewegung das Kreisen um das eigene Ich verdeutlichen. Lichtwechsel produzieren ständig neue Emotionalitäten, verwandeln in bizarrer Schwarz-Weiß-Optik die Türöffnungen in Monolithe.
Ja, Monolithe macht Johan Simons aus den Figuren von Shakespeares „König Lear“, passgenau zur Pandemie. Die Menschen agieren starr und distanziert, jeder für sich ein Einzelkämpfer, jeder seines nächsten Feind. Monologisierend, analysierend treiben sie sich in Selbsterkenntnis in den Wahn, in dem „die Menschen auch nur Würmer sind“…

Landshut – „Livestreams als vierte Dimension des Theaters“ in den Kammerspielen Landshut 

Digitaler Spielplan im Kleinen Theater Landshut präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Wir spielen Theater. Wenn nicht wir, wer sonst.“ Solange der Kultur-Lockdown das Spiel auf der Bühne vor Publikum verbietet, baut Sven Grunert, Intendant der Landshuter Kammerspiele, die Internetpräsenz des Theaters aus. „Schwierige Zeiten bedürfen besonderer Lösungen.“
Mit seinem Team entwickelt Sven Grunert analoges Theater in digitaler Präsentation. Die Erfahrungen aus dem Lockdown im Frühling zeigten ihm, dass es durchaus ein digitales Publikum gibt. Deshalb plant er für Dezember im Falle eines anhaltenden Kultur-Lockdowns jeweils samstags Livestreams vergangener Premieren…

Berlin – Molières „Der Menschenfeind“ im Deutschen Theater 

Molieres "Der Menschenfeind" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Er macht es den anderen wirklich schwer, so groß ist seine Sturheit zu sagen, was er denkt. Doch ist nicht dieser strenge Ernst, mit dem er alles tut, nicht großer Mut? 
Zwischen diesen beiden Grundhaltungen schuf Molière 1666 seine Komödie „Der Menschenfeind“, eine Charakterstudie um einen Misanthropen par excellence. In jambische Verse gebunden, in das Statusdenken einer überheblichen Ständegesellschaft gebettet könnte das Spiel allzu leicht antiquiert wirken, nicht in der Inszenierung von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin. 
Sie wagt die absolute Reduktion auf Wort und Spiel auf einer leeren schwarzen Guckkastenbühne. Statt mit Wänden nur mit Gummiseilen begrenzt gelingt ein witzig symbolisches Ambiente für geistige Einengung und Flexibilität, verstärkt durch die schwarz-weißen Kostüme als Ausdruck ständiger Schwarz-Weiß-Malerei ohne Bereitschaft zu Kompromissen…

Zürich – „Der Mensch erscheint im Holozän“ nach einer Erzählung von Max Frisch jetzt im 3-Sat-Archiv

Theaterkritik "Der Mensch erscheint im Holozän" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Als beste Theaterinszenierung wurde „Der Mensch erscheint im Holozän“ dieses Jahr beim virtuellen „ 57. Berliner Theatertreffen“ mit dem 3sat- und dem Nestroypreis in der Kategorie „Beste deutschsprachige Aufführung“ ausgezeichnet. Vor 40 Jahren schrieb Max Frisch diese Erzählung, die jetzt als Bühnenversion in Zürich zeigt, wohin sich innovatives Theater bewegt. 
Die Geschichte, eine große Metapher über das Menschsein und seiner Bedeutungslosigkeit gegenüber der Natur, passt bestens in unsere Zeit zwischen Klimawandel und Pandemie, ohne dass explizit darauf verwiesen wird. 
Geiser, ein Witwer verbringt seinen Lebensabend in einem Tessiner Tal, wagt eine lebensgefährliche Wanderung nach Italien gegen die endlosen Regengüsse, die möglichen Erdrutsche und das zu erwartende Eingesperrtsein im Tal.
Regisseur Alexander Giesche macht aus dem Frisch-Text  ein visuelles Poem in atmosphärischen Bildern zwischen analoger Realität und digitalisierten Hologrammen, zwischen prasselndem Regen, Wohlfühlmusik und harten Techno-Beats…