Thomas Piketty „Der Sozialismus der Zukunft“

Buchkritik Thomas Piketty "Der Sozialismus der Zukunft" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„30 Jahre nach dem Mauerfall ist es wieder an der Zeit für Gleichheit, Kreislaufwirtschaft und partizipativen Sozialismus“ ist Pikettys These. Damit hat sich Thomas Piketty als lehrender und forschender Sozialwissenschaftler und Publizist einen Namen gemacht. Er sucht nach Konzepten gegen die soziale Ungleichheit, für eine innovative wirtschaftliche Entwicklung. In seinem Essayband „Der Sozialismus der Zukunft- Interventionen“ argumentiert er in 41 Texten, die er zwischen 2016 und 2021 publizierte, „Für eine andere Globalisierung“, analysiert die Ursachen für „Reagan hoch zehn“ und plädiert dafür „Wer Europa liebt, muss es verändern“. Verständlich und sachlogisch formuliert ergeben sich durch die chronologische Konzeption natürlich Überschneidungen, doch dadurch prägen sich seine Leitgedanken noch stärker ein…

Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen – Autobiografie der ethnografischen Forschung“ 

Heike Behrend "Menschwerdung des Affen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Da kommt Heike Behrend, eine Ethnologin, wiederholt nach Afrika, um die Kultur der Bevölkerung in den Tugenbergen zu erforschen und was passiert? Sie wird zum Affen gemacht, zur Fremden, zur Wilden. Genau so, wie die europäischen Kolonialherren die Afrikaner behandelten, widerfuhr Heike Behrend eine soziale Stigmatisierung. Doch während sie am Anfang ihrer ethnologischen Forschungen in Afrika sozial aufstieg, folgte in den 1980er Jahren der soziale Abstieg zur Kannibalin. 
Immer wieder taucht die Frage auf, wer erforscht eigentlich wen. In ihrer Autobiografie beschreibt sie sehr offen ihr „brüchiges“ Leben  als „Menschwerdung des Affen“ voller Irrungen, Missverständnisse, Konflikte und hinterfragt kritisch den Wahrheitsgehalt der ethnologischen Forschung. Im Epilog resümiert sie ihr Leben als Probebühne zwischen Spiegelungen des wilden Affen, der sich anpasst, und Kafkas „Bericht aus der Akademie“ eines angepassten Affen, zwischen Selbst- und Fremdzurichtung.
Heike Behrend fokussiert nicht allerdings nicht auf Gegensätze, sondern auf Einsichten, Gemeinsamkeiten infolge gegenseitiger Spiegelungen. Geistesbesessenheit, Hexenverfolgung und Kannibalismus gab und gibt es auch in Europa als Ausdruck der Macht…

Benedict Wells „Hard Land“

Buchkritik von Benedict Wells "Hard Land" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb“. Benedict Wells weiß zu erzählen. Mit dem ersten Satz zieht sein fünfter Roman „Hard Land“ sofort in seinen Bann und stellt sich durch den Bezug zu  „Salzwasser“, einem Roman des US-amerikanischen Autors Charles Simmons (1924–2017) auf dessen Augenhöhe. 
Benedict Wells‘ Ich-Erzähler Sam ist 15, introvertiert, ohne Selbstbewusstsein und voller Ängste. Subtil, sehr präzise, plastisch wie in einen Film baut Benedict Wells den Charakter seines jungen Nicht-Helden auf. Wenn Sam durch seine Heimatstadt Grady streift, ein „verschlafenes Siebzehntausend-Einwohner-Kaff“ im Mittelwesten der USA, wird schnell deutlich, warum er so ist, wie er ist, mit einem sehr stillen, arbeitslosen Vater und einer lieben, aber kranken Mutter ohne Perspektiven, ein Außenseiter ohne Freunde. In 49 Kapiteln wird Sam zum Mann in diesem „Hard Land“. Doch als er einen Ferienjob im Kino annimmt, verändert sich die Welt für ihn…

Volker Busch – „Kopf frei! Wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen“ 

Buchbesprechung von Volker Droemer "Kopf frei!" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wir pflegen Körper und Haare, aber weder Hirn noch Synapsen, obwohl ein ungeübtes Gehirn schädlicher ist als ein ungeübter Körper. Über Aufmerksamkeit kann man nach Volker Busch das Gehirn am besten steuern, was er in seinem Buch „Kopf frei! Wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen“ überzeugend, verständlich und präzise darlegt. Wer sich mit Gehirnforschung beschäftigt, weiß um die Fakten, doch ist es in unserer schnelllebigen, vergesslichen Gegenwart wichtig sich die Zusammenhänge von Reizüberflutung und Denkvermögen immer wieder ins Bewusstsein zu rufen…

„Flüsse – ein Lichtung-Lesebuch“

Buchbesprechung "Flüsse - ein Lichtung Lesebuch" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Flussabwärts/ bei den Steinen/ liegen Gedanken/ moosbewachsen und geheimnisvoll…“ mit diesen  Gedichtzeilen des oberpfälzischen Autors Friedrich Brandl beginnt das neue Lesebuch „Flüsse“, erschienen im Lichtung-Verlag. 
Von der Quelle bis zum Meer spiegeln sich in den Texten Kindheitserinnerungen, jugendliche Abenteuer, Wohlbefinden, sogar nationale Besonderheiten. Kein Phänomen der Natur rückt so in die Nähe der Philosophie wie der Fluss. Heraklits berühmter Spruch „panta rhei“, alles fließt, man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, ist Denkanstoß des Vorworts der beiden Herausgeberinnen Kristina Pöschl und Eva Bauernfeind von der Viechtacher edition Lichtung. Dabei wurden die gefährlichen Aspekte durch Wolfgang Sréters Erzählung „Von wilden Wassern“  zwischen sportlicher Herausforderung und Überschwemmungen  nicht ausgespart.
28 Autoren, die meisten aus der Oberplatz und Niederbayern, einige aus anderen Regionen Bayerns gestalteten das  Lesebuch „Flüsse“ als kurzweilige und vielseitige Lektüre für Momente der Muse, eine kleine poetische Unterbrechung des Tagesablaufs…

Ralph Bollmann „Angela Merkel – Die Kanzlerin und ihre Zeit“ 

Buchrezension Ralph Bollmann "Angela Merkel Die Kanzlerin und ihre Zeit" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Der Titel „Angela Merkel – Die Kanzlerin und ihre Zeit“ verdeutlicht, worauf es Ralph Bollmann als Historiker und wirtschaftspolitischer Journalist ankommt. Er ist ein Merkel-Experte und genauer Beobachter der politischen Szenarien. Bereits 2013 publizierte er ein Buch über Angela Merkel.
Präzise, flott, in faktischer Dichte des gesamten politischen Spektrums, ab und zu mit persönlichen Details zur Auflockerung unterlegt und über die Charaktereigenschaften Merkels leitmotivisch strukturiert, spannt Bollmann den Bogen von Merkels Eltern und Großeltern über die Kindheit und Sozialisation in DDR über Merkels Aufstieg im Westen zur Kanzlerin und ihre vier krisengebeutelten Regierungsperioden inklusive der Corona-Pandemie…

Annalena Baerbock  –  „Jetzt – Wie wir unser Land erneuern“ 

Buchbesprechung Annalena Baerbock "Jetzt" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Weiterwurschteln wie bisher ist keine Lösung. Wir müssen uns jetzt erneuern, um es in Zukunft besser zu machen.“ Annalena Baerbock schreibt, wie sie wirken will, als Frau, die mitten im Leben steht, den Kontakt zu der Bevölkerung hat, deshalb genau weiß, wo der Schuh drückt.
Unmittelbar nach dem Parteitag der Grünen mit ihrer Wahl zur offiziellen Kanzlerkandidatin erschien ihr erstes Buch „Jetzt – Wie wir unser Land erneuern“. Es liest sie wie eine Präambel für Weltverbesserung, viele idealistische Ziele, unterfüttert in erster Linie mit persönlichen Erfahrungen, finanziert von zwei- bis dreistelligen Milliardenbeträgen, mit dem Ziel eines effektiven und helfenden Staats als Rückgrat einer solidarischen und gerechten Gesellschaft…

Giora Feidmann „Der Klang der Hoffnung – Wie unsere Seele Frieden findet.

Buchrezension Giora Feidmann "Klang der Hoffnung" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Giora Feidman schreibt, wie er musiziert, im Bewusstsein seines existenziellen Auftrags den Menschen zu helfen. „Geh, Giora, nimm deine Klarinette und bring den Menschen mit deiner Musik Freude!“, so trägt ihm das seine innere Stimme auf, geprägt vom jüdischen Glauben, auf der Erde nur auf Durchreise zu sein, Liebe und Hoffnung unter die Menschen zu bringen.
Bei einem Konzert in Zingst war sein jetziger Verleger so berührt von Feidmans Musik, dass er ihm ein Buchprojekt vorschlug. Der Titel „Klang der Hoffnung – Wie unsere Seele Frieden findet“ passt vortrefflich. Es ist ein Buch, das gut tut in den problematischen Zeiten unserer Tage, ein erbauliches Buch frei von Eitelkeit über das Wesentliche im Leben…

Judith Hermann „Daheim“ 

Buchkritik von Judith Herrmann"Daheim" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wann ist der Mensch daheim? Um diese Frage kreist Judith Hermanns Roman. Ihre Figuren leben in einfachsten, sehr unterschiedlichen sozialen Milieus. Es sind seltsame Typen, jeder in sich versponnen, weltabgewandt, mit abstrusen Eigenschaften. Es passiert wenig, und wie sich die Schicksale verknüpfen, wie sich die Leitmotivik der Kiste als Symbol für die Einengung weiblicher Entfaltung herauskristallisiert, übt eine eigenwillige Magie aus, eingebettet in eine herbe Küstenlandschaft als Spiegel spröder Seelenlandschaften…

Iris Hanika „Echos Kammern“

Leipziger Buchmesse Iris Hanika "Echos Kammern" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Einen Roman über Spiegel und Spiegelungen will die Protagonistin Sophonisbe am Ende von „Echos Kammern“ schreiben und erklärt damit einmal mehr den Sinn von Iris Hanikas raffiniert konzeptioniertem Roman, der bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet wurde. 
Aus der Ferne betrachtet Iris Hanika ihre multikulturelle Protagonistin Sophonisbe, die sie als zeitgeistige Autorin in New York und Berlin auf den Spuren des Großstadtromans verortet. Über die Figur Sophonisbes vergleicht Iris Hanika Lebensstile und projiziert über die rasende Liebessehnsucht einer älteren Frau zu einem smarten Mann, der er ihr Sohn sein könnte, Ovids Narziss-Mythos aus dessen „Metamorphosen“ auf die Selbstbespiegelungsgesellschaft von heute. 
Dazwischen lässt Iris Hanika Sophonisbe immer wieder selbst in gebrochener Satzbauweise ihre Impressionen beschreiben, wie man das aus Anthony Burgess´ „Clockwork Orange“ kennt, was durchaus gewöhnungsbedürftig ist, aber auch diesem Roman damit eine gewisse Authentizität verleiht…

Eva Huttenlauch – „zeige deine Wunde. Hundert Jahre Beuys“ -Monografie über Joseph Beuys 

Buchbesprechung "100 Jahre Beuys-zeige deine Wunde" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit seinem Environment in einem klinisch weißen Raum bestückt mit jeweils fünf doppelt auftretenden Objekten, Leichenbahren, Lampen, Feldzeichen, Ausgaben der linksgerichteten italienischen Zeitung „Lotta Continua“ und zwei Schultafeln beschrieben mit „zeige deine Wunde“ fand Joseph Beuys 1976 im Kunstforum des Lenbachhauses noch wenig Resonanz. Erst als das Kunstwerk angekauft wurde, entstand eine heiße Polemik über „den teuersten Sperrmüll aller Zeiten“. Dessen ungeachtet schrieb Joseph Beuys Kunstgeschichte. Mit „zeige deine Wunde“ präsentiert Eva Huttenlauch, Sammlungsleiterin des Bereichs Kunst nach 1945 im Lenbachhaus, eine Monografie zu diesem Einzelwerk in Beuys 100. Geburtstagsjahr als siebter Band der Schriftenreihe „Edition Lenbachhaus“…

Friederike Mayröcker „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ 

Friederike Mayröckers "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Für den diesjährigen Literaturpreis der Leipziger Messe wurde Friederike Mayröckers Roman „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ nominiert. Die begehrte Auszeichung ging aber an Iris Hanikas zeitgeistigen Roman „Echos Kammern“.  Liest man Friederike Mayröckers Proem, wie sie selbst ihre Texte zwischen Prosa und Poesie nennt, versteht man die Entscheidung. 
Immer schon sehr eigenwillig im Stil, mehr an der Sprache als an den Inhalten ihrer komplexen Texte interessiert ist ihr, wie sie selbst sagt, letztes Werk nach über 80 Publikationen ein frei assoziierter Text, in erster Linie für ihre Fans und Literaturliebhaber. 
Schon der Titel „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ verweist auf ihre in Jahrzehnten kultivierte Anarchie der Sprache, dennoch eine Meisterleistung bedenkt man ihr Alter von 95 Jahren. Geschrieben von September 2017 bis zum November 2019 verschwimmen Gegenwart und Erinnerungen, die sie regelrecht mit Wörtern malt…

Leipziger Buchmesse 2021 – Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ – Siegerin in der Kategorie Sachbuch/Essayistik 

Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Affe“ und „Kannibalin“ nannten Frauen und Männer in Kenia und Uganda die Ethnologin, die Ende der 1970er-Jahre zu ihnen kam, um sie zu erforschen. Statt diese wenig schmeichelhaften Namen zurückzuweisen, stellt Heike Behrend sie ins Zentrum ihrer Autobiografie „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ und gewann damit den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik…