Eva Huttenlauch – „zeige deine Wunde. Hundert Jahre Beuys“ -Monografie über Joseph Beuys 

Buchbesprechung "100 Jahre Beuys-zeige deine Wunde" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit seinem Environment in einem klinisch weißen Raum bestückt mit jeweils fünf doppelt auftretenden Objekten, Leichenbahren, Lampen, Feldzeichen, Ausgaben der linksgerichteten italienischen Zeitung „Lotta Continua“ und zwei Schultafeln beschrieben mit „zeige deine Wunde“ fand Joseph Beuys 1976 im Kunstforum des Lenbachhauses noch wenig Resonanz. Erst als das Kunstwerk angekauft wurde, entstand eine heiße Polemik über „den teuersten Sperrmüll aller Zeiten“. Dessen ungeachtet schrieb Joseph Beuys Kunstgeschichte. Mit „zeige deine Wunde“ präsentiert Eva Huttenlauch, Sammlungsleiterin des Bereichs Kunst nach 1945 im Lenbachhaus, eine Monografie zu diesem Einzelwerk in Beuys 100. Geburtstagsjahr als siebter Band der Schriftenreihe „Edition Lenbachhaus“…

Friederike Mayröcker „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ 

Friederike Mayröckers "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Für den diesjährigen Literaturpreis der Leipziger Messe wurde Friederike Mayröckers Roman „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ nominiert. Die begehrte Auszeichung ging aber an Iris Hanikas zeitgeistigen Roman „Echos Kammern“.  Liest man Friederike Mayröckers Proem, wie sie selbst ihre Texte zwischen Prosa und Poesie nennt, versteht man die Entscheidung. 
Immer schon sehr eigenwillig im Stil, mehr an der Sprache als an den Inhalten ihrer komplexen Texte interessiert ist ihr, wie sie selbst sagt, letztes Werk nach über 80 Publikationen ein frei assoziierter Text, in erster Linie für ihre Fans und Literaturliebhaber. 
Schon der Titel „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ verweist auf ihre in Jahrzehnten kultivierte Anarchie der Sprache, dennoch eine Meisterleistung bedenkt man ihr Alter von 95 Jahren. Geschrieben von September 2017 bis zum November 2019 verschwimmen Gegenwart und Erinnerungen, die sie regelrecht mit Wörtern malt…

Leipziger Buchmesse 2021 – Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ – Siegerin in der Kategorie Sachbuch/Essayistik 

Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Affe“ und „Kannibalin“ nannten Frauen und Männer in Kenia und Uganda die Ethnologin, die Ende der 1970er-Jahre zu ihnen kam, um sie zu erforschen. Statt diese wenig schmeichelhaften Namen zurückzuweisen, stellt Heike Behrend sie ins Zentrum ihrer Autobiografie „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ und gewann damit den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik…

Leipziger Buchmesse – Timea Tankós „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ – bester Titel in der Kategorie „Übersetzung“

Leipziger Buchmesse Timea Tankós " Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit „Apropos Casanova“ gelang es Timea Tankós die Jury der Leipziger Buchmesse von ihren Übersetzungskünsten zu begeistern. Das ungarisches Original „Apropos Casanova“ des virtuosen Provokateurs Miklós Szentkuthy (1908 –1988) gibt es jetzt auch in Deutsch zu lesen, inklusive Miklós Szentkuthys höchst subjektiven Spiels mit der Sprache und der Geschichte Casanovas…

Beate Hausbichler „Der verkaufte Feminismus: Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde“

Buchbesprechung "Der verkaufte Feminismus" von Beate Hausbichler präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Der Konsumkapitalismus hat schon früh den Feminismus für sich in Anspruch genommen, um neue Absatzmärkte zu erschließen. Genau dieser Frage geht Beate Hausbichler in ihrem Buch nach „Der verkaufte Feminismus: Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde“. Anhand populärer Beispiele belegt sie ihre Behauptung, wie die Individualisierung des Feminismus die Gleichstellung der Frauen untergräbt. Allzu raffiniert wird das Label Feminismus inzwischen zweckentfremdet… 

Wolfgang Niedecken „Bob Dylan“

Sehr raffiniert vermarktet Wolfgang Niedecken sein neues Buch „Bob Dylan“. Hinter dem zugkräftigen Titel verbirgt sich allerdings mehr Lebensgeschichte von Wolfgang Niedecken als von Bob Dylan. Wie und mit welcher Gewichtung beides verwoben ist, demonstrieren bereits beider ineinander geschriebene Namen auf dem Cover. Bob Dylan in orangen Buchstaben eingehakt in die weißen plakativen Lettern von Wolfgang Niedecken und die weißen Buchseiten aus der orangen Bindung visualisieren Bob Dylans Bedeutung für den Kölschen Musiker, der wie kein anderer so nahen Kontakt zu Bob Dylan hatte, stark von ihm inspiriert wurde und etliche Songs von Bob Dylan coverte…

Augsburg – „Digitaler Buchclub“ im Staatstheater 

"Buchclub digital" präsentiert für www.schabel-kultur-blog.de

Zusammen liest man weniger allein! Unter dieser Prämisse trafen sich von Januar bis April die TeilnehmerInnen des digitalen Buchclubs, um Thomas Manns »Zauberberg« gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Die Resonanz war so groß, dass dieses Format, ursprünglich nur für die  Vorbereitung einer Inszenierung am Staatstheater gedacht, nun auf vielfachen Wunsch unabhängig vom Spielplan fortgesetzt wird…

Hilkje Hänel „Wer hat Angst vorm Feminismus – Warum Frauen, die nichts fordern, nichts bekommen“

Hilkje Hänel „Wer hat Angst vorm Feminismus" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gerade die Bewegung #MeToo zeigt, dass sexistisches Verhalten im Alltag überall zu finden ist. Männer und Frauen fügen sich in angedachte Rollen, die ihnen von einer sexsistischen Sozialisation aufoktroyiert wurden. Durch die Humangeschichte entstanden ritualisierte Praktiken, Stereotypen und Normen einer binären Geschlechterordnung mit ihren geschlechterrelevanten Regeln auf der Basis der Heterosexualität, in der die Männer immer noch das Sagen haben und ihren Anspruch auf Sex formulieren, der nach dem  Rollenmuster unterwürdige Frau und dominanter Mann funktioniert. In diesem System geben die Frauen, die Männer nehmen. Je mehr Macht sie haben, desto größer ist ihr Einfluss. Durch ihre Bewertungsstrukturen werden Frauen nicht nur wahrgenommen, sondern per se definiert. Frauen haben schön, fürsorglich, nachgiebig etc. zu sein. Entsprechen sie diesen Rastern nicht, wird ihnen die Weiblichkeit aberkannt. Frauen wollen erobert, gejagt, übermannt werden. Das passt in das Schema der Männer, die dabei keinerlei Schuldbewusstsein empfinden.
Wie stark Feminismus und Sexismus verflochten sind, dem spürt Philosophin Hilkje Hänel in ihrem Buch nach „Wer hat Angst vorm Feminismus – Warum Frauen, die nichts fordern, nichts bekommen“, eine spannende, perspektiverweiternde Lektüre. Feminismus wird hier zur natürlichen Weiterentwicklung gleicher Rechte für alle Menschen unabhängig von der sexuellen Ausrichtung…

Martin Walser „Sprachlaub oder Wahr ist, was schön ist“

Martin Walser "Sprachlaub" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Durch die inneren Konflikte der Antihelden in seinen Romanen wurde Martin Walser sehr bekannt. 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren gehört er zu den deutschen Schriftstellern, deren Bücher neugierig erwartet und regelmäßig ausführlich, zuweilen recht kontrovers besprochen wurden. In seinem neuen Buch, ein schmaler Band mit Aquarellen seiner Tochter Alissa, beleuchtet Martin Walser noch stärker als in seinen letzten Romanen seine eigenen inneren Konflikte. Reduziert ist seine Sprache, statt Epik prosaische Lyrik. In drei- und mehrteiligen Sequenzen findet er schlichte Metaphern für das Abschiednehmen vom Leben. Es sind nicht mehr die Jahre der Ernte. Die Elegie des Abschiednehmens erlaubt nur noch „Sprachlaub“….

Barrie Kosky „On Ecstasy“

Barrie Koskys Buch "On Ecstasy" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Nach der Premiere präsentiert Barrie Kosky regelmäßig euphorisch, sehr liebenswürdig, ehrlich und authentisch sein Team. Als langjähriger Intendant der Komischen Oper Berlin hat er das positive Image dieses Hauses geweitet, als nachgefragter Regisseur auf den großen Bühnen des deutsch-österreichischen Sprachraums gelingt ihm eine innovative Inszenierung nach der anderen. Wie es dazu kam, dass er, ein gebürtiger Australier, so theaterbegeistert wurde, enthüllte er in dem autobiografischen Büchlein „On Ecstasy“ (2007), das jetzt aus dem Englischen übersetzt, in Deutsch erschienen ist, ergänzt durch ein Interview mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz. Ekstase als überraschende Überwältigung beim erstmaligen Erleben ist Barrie Koskys Urerlebnis, auf dem seine innovative Kreativität beruht…

Rebecca Solnit – „Unziemliches Verhalten – Wie ich Feministin wurde“

„Der Tod einer schönen Frau ist fraglos das poetischste Motiv, das es gibt.“ Mit diesem Zitat von Edgar Allen Poe charakterisiert die US-amerikanische Autorin Rebecca Solnit das Frauenbild quer durch die Welt der Literatur und  Medien. In ihrem neuen autobiografischen Roman resümiert sie, „Wie ich Feministin wurde“, so der Untertitel und positioniert sich mit „Unziemliches Verhalten“ auf Augenhöhe von Joan Didion und Susan Sontag.
Schon als Kind erlebte sie in der Familie und im sozialen Umfeld die Gewalt an Frauen. Ihre Mutter war Opfer, der Vater der Täter wie in der Generation davor. Das Sozialisationsmuster für Mädchen war sich kleinzumachen und wegzuducken. Um dieses Grundmotiv baut Rebecca Solnit ihre autobiografischen Retrospektiven in ihrem neuen Roman „Unziemliches Verhalten“. 
Ihre persönliche Geschichte wird zum Spiegelbild der sich emanzipierenden Frau, die durchschaut „Es liegt nicht an dir, sondern am Patriarchat“, ihrem berühmtesten Satz aus ihrem Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“.
Auf der Suche nach vergessenen Verhaltensmustern, bevor die Welt in Brüche ging, findet Rebecca Solnit neue, die anderen Frauen helfen, nicht nur Systeme mit anderen Augen zu sehen, sondern auch neue Verhaltensweisen zu verinnerlichen… 

Heribert Prantl „Not und Gebot – Grundrechte in Quarantäne

Buchkritik Heribert Prantl "Not und Gebot" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Nicht die Freiheit soll sich rechtfertigen, sondern ihre Beschränkung.“ Von diesem Denkansatz konzeptioniert Heribert Prantl sein neues Buch.

Im Kampf gegen die Pandemie werden Maßnahmen ergriffen, die sonst nur in Kriegszeiten erfolgen. Die Freiheit der Menschen wird beispiellos eingeschränkt. „Nicht nur Menschen, auch Grundrechte sind in Quarantäne“ resümiert Prantl. Er greift die Befürchtungen der Corona-Kritiker auf, emotionalisiert durch Einzelschicksale und schreibt ein flammendes Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben unter Einhaltung der Hygienevorschriften.

Prantl beschäftigte von Beginn der Pandemie an die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Maßnahmen. In der Sehnsucht nach einem schützenden Staat werden die Grundrechte unterhöhlt, woraus sich ein Nährboden für Totalitarismus ergibt. Die Würde des Menschen ist aber auch in Pandemiezeiten unantastbar. Die Demokratie darf keine Virolokratie werden…