Uschi Glas „Ein Schätzchen war ich nie“ – Inszenierung einer Widerständischen

Buchkritik "Ein Schätzchen war ich nie" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit dem Film „Zur Sache Schätzchen“ machte Uschi Glas Karriere. Ein Schätzchen, wie sie oft in Medien genannt wurde, war sie nie. „Sie war anders als die anderen“, überaus diszipliniert, konsequent, werteorientiert kritisch, wenn es sein musste auch gegen den Mainstream, wodurch sich 1968 seitens der linken Szene die Türen schlossen. 80 Jahre alt blickt sie auf ihr Leben und fragt sich, ob sich das alles gelohnt hat, wobei sie die Kunst des Optimismus exzellent beherrscht und Negatives auslässt. 
Nüchtern, selbstironisch, ohne sich groß in Szene zu setzen, recherchiert sie entlang ihrer persönlichen und sozialisierten Werteskala mit sehr viel Respekt gegenüber anderen ihre Biografie und überrascht immer wieder durch die „zufälligen“ Schnittstellen in ihrem Leben ….

Berlinale – Anja Salomonowitz „Mit einem Tiger schlafen“ – ein Künstlerporträt der besonderen Art

Filmkritik "Mit dem Tiger schlafen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

In Schießer-Feinripp-Unterwäsche, den Rücken angespannt, leicht gekrümmt sitzt sie auf einem Gartenstuhl und starrt auf die weiße Leinwand am Boden. Immer wieder taucht diese Szene auf, nur die Farbe der Unterwäsche ändert sich, um die meditative Suche nach Farbe und Form des künstlerischen Prozesses auszudrücken. Von der Kindheit bis ins hohe Alter verfolgt Filmemacherin Anja Salomonowitz den Lebensweg dieser Künstlerin von Kärnten über Wien mit Abstechern nach Paris und New York, hervorragend von Birgit Minichmayr umgesetzt. Ziel ist nicht eine authentische Biografie, sondern der schmerzhafte Prozess künstlerischen Schaffens… 

Berlinale – Edgar Reitz‘ „Filmstunde 23“ – Film als soziales Gedächtnis mit Premiere bei der Preisverleihung

Edgar Reiz "Filmstunde 23" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

91 Jahre alt wurde Edgar Reitz dieses Jahr für sein filmisches Lebenswerk mit der „Berlinale Kamera“ ausgezeichnet. Er gilt als einer der renommiertesten Filmemacher seiner Generation und Vertreter des Autorenkinos. Anlässlich seiner Ehrung wurde sein neuester Film „Filmstunde 23“ in Zusammenarbeit mit seinem Ko-Regisseur Jörg Adolph im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. 1968 setzte sich Edgar Reitz dafür ein, Film als Unterrichtsfach einzuführen. Ein Semester unterrichtete er im Münchner Luisengymnasium 26 Mädchen im Alter von durchschnittlich 13 Jahren in Filmkunde…

74. Berlinale – Goldener Bär für „Dahomey“ – ein Resümee zu den Wettbewerbsfilmen

74. Berlinale Goldener Bär und Resümee präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Preisverleihungen in der Kunst sind immer schwierig. Aber dass Mati Diop mit ihrem Dokumentarfilm „Dahomey“ über die Rückführung von kolonialer Beutekunst aus Frankreich nach Benin den goldenen Bären der 74. Berlinale gewann, überrascht. Es ist eine politische Entscheidung. Schon im letzten Jahr wurde Nicolas Philiberts Dokumentarfilm „Auf der Adamanta“, einem Treffpunkt für alte Menschen, ausgezeichnet. Mit derartigen Entscheidungen erodiert die Berlinale ihr eigenes Image als Förderung des großen Erzählkinos und innovativer Filmtechniken. Der goldene Bär wird  immer mehr zu einem Symbol gesellschaftspolitischer Interessenvertretung. Aber letztendlich lebt das Festival nicht durch die Preisverleihungen, sondern durch das breite Spektrum der Filme. Das Angebot von 400 auf 200 Filme in 13 verschiedenen Rubriken reduziert ist immer noch gigantisch. Allein die 20 Filme der Kategorie „Wettbewerb“ in zehn Tagen zu sehen ist eine Herausforderung, die sich lohnt…

Berlinale – Min Bahadur Bhams „Shambhala“ – der erste Film aus Nepal

Filmkritik "Shambhala" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Es gibt viel mehr Männer als Frauen in Tibet. Deshalb darf Pema gleich drei Männer heiraten. Es sind drei Brüder, von denen nur Tashi als tatsächlicher Ehemann in Frage kommt. Sein Bruder Karma ist Mönch in Diensten des Rinponches, des Dorfweisen, unseren Priestern vergleichbar. Dawa ist noch ein Junge, der sehr ungern in die Schule geht. Sie soll sie alle gleich behandeln, rät Pemas Vater. Alle sollen glücklich sein, so lehrt es der nepalesische Buddhismus. Doch das junge Glück schwindet, als der zweite Bräutigam auf eine Handelsreise geht und wegen des Gerüchts, Pema sei vom Dorflehrer schwanger, nicht mehr zurückkommt. Sie macht sich auf die Suche, um ihm die Wahrheit zu sagen. Karma begleitet sie auf Wunsch des Rinponches. Es wird „Shambhala“, eine Reise, in der sich der Glaube an die buddhistische Reinkarnation offenbart…

Berlinale – Andreas Dresens Film „In Liebe, Eure Hilde“ – Mut zum Widerstand

Filmkritik "Liebe Grüße, Eure Hilde" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Hilde, schwanger, wird abgeholt, nicht in die Klinik, sondern zum Verhör. Man wirft ihr Spionage vor. Es gibt kein Entrinnen weder für sie noch für ihren Freund und die ganze Clique, die unter Anleitung eines sowjetischen Spions mit Russland kooperierten. Auf der Basis der NS-Widerstandskämpferin Hilde Coppi gelingt Regisseur Andreas Dresen ein berührendes Porträt über jugendliche Zivilcourage und Liebe …

Berlinale – Meryam Joobeur „Mé el Aïn“ (Wem gehöre ich?) – ein Drama mit mythologischer Tragik – bärenstark

Filmkritik "Who I Belong To" präesentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

Der Blick auf einen windzersausten alten, teilweise morschen Baum in dürrer Landschaft lässt instinktiv an ein Drama denken. Umso mehr überrascht die erste Szene. Eltern und Sohn einer Hirtenfamilie im nördlichen Tunesien scherzen fröhlich im Bett, machen sich fein für eine Hochzeitseinladung. Die zwei größeren Söhne wollen nachkommen, stattdessen verschwinden sie. Jeder im Ort weiß, was das bedeutet, IS, Gehirnwäsche und Ausbildung zum Todeskommando in Syrien.
Die Idee zu diesem Film entstand nach der tunesischen Revolution in Folge von Meryam Joobeurs Kurzfilm „Brotherhood“, der ebenfalls die Vater-Sohn-Beziehung thematisiert. Zusammen mit Kameramann Vincent Gonneville arbeitete sie fünf Jahre an dem Film „Wem gehöre ich?“, castete Laien und ProfischauspielerInnen und schuf ein Familiendrama in drei Kapiteln mit mythologischen Zügen, das um die menschlichen Beziehungen kreist, in denen bedingungslose Liebe, abgrundtiefer Hass und grenzenloses Leid aufeinanderprallen. Die drei Jungen stammen tatsächlich von einer tunesischen Hirtenfamilie ab. Mit ihren sommersprossigen Gesichtern und roten Haaren entsprechen sie so gar nicht dem arabischen Klischee, wodurch sich das Geschehen weitet. Was hier passiert, kann überall passieren…

Berlinale – Margherita Vicarios „Gloria“ ein mitreißender, unterhaltsamer Historienfilm 

Filmkritik "Gloria" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

Jemand singt und plötzlich beginnen alle im Rhythmus mitzuschwingen. Die Arbeitsgeräusche, das Wäscheglätten, Bodenschrubben, Gemüseschneiden und Fleischklopfen werden zur Perkussion und nehmen den Zuschauer sehr beschwingt mit auf eine unterhaltsame Reise in die Vergangenheit. Margherita Vicarios, Schauspielerin und Musikerin gelingt mit ihrem Debütfilm „Gloria“ ein mitreißender Historienfilm voller Ästhetik trotz der ärmlichen Verhältnisse, getragen von Musik aus zwei Welten, die miteinander fusionieren und alle Begrenzungen sprengen…

Berlinale – Abderrahmane Sissako „Black Tea“ – ein multikultureller Märchenfilm

© Olivier Marceny / Cinéfrance Studios / Archipel 35 / Dune Vision

Dicht gedrängt sind die Hochzeitspaare, die an diesem heißen Tag in Côte d’Ivory heiraten wollen. Aya, eine wunderschöne Braut, verweigert das Ja. Zu sehr hat sie der Seitensprung ihres Bräutigams verletzt. Sie wandert nach China aus, wo zwei Welten aufeinandertreffen. Abderrahmane Sissako macht daraus einen atmosphärischen Film aus der dezenten Distanz der Beobachtung, der harmonisch um ein kulturelles Miteinander kreist, die selbstbewusst extrovertierte Lebensweise der Afrikaner mit der höflich introvertierten Art der Asiaten kontrastiert, wobei die subtile Zubereitung des Tees zur Parabel des gesellschaftlichen Miteinanders wird…

Berlinale – Veronika Franz‘ und Severin Fialas „Des Teufels Bad“ als historischer Horrorfilm

Filmkritik "Des Teufels Bad" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine Frau tötet ihr Kind, eine andere bekommt kein Kind, weil ihrem Mann die sexuelle Potenz fehlt. Was die beiden Frauenschicksale vereint, greift über die Problematik der Mutterschaft hinaus. Veronika Franz’ und Severin Fialas Film „Des Teufels Bad“ eröffnet einen Blick in die grausame Vergangenheit des 18. Jahrhunderts. 33 Jahre vor Kants kategorischem Imperativ „Habe den Mu,t dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, ticken die Uhren noch ganz anders. Die Kirche macht gläubige Frauen durch die Absolution bei Selbstanklage zu Mörderinnen. Die Schicksale in „Des Teufels Bad“ sind keine fiktiven Geschichten, sondern beruhen auf einem deutschen und österreichischen Gerichtsprotokoll…

Landshut – „So gesehen“, Malerei und Mixed Media von Thomas Heger im Kunstverein

Ausstellung "So gesehen" von Thomas Heger im Kunstverein

Schon der Titel „So gesehen“ verweist auf die persönliche Perspektive des Stuttgarter Künstlers Thomas Heger. Die ausgestellten Werkzyklen präsentieren einen Querschnitt seiner Techniken und Motivgruppen in den letzten 25 Jahren. Seine Bilder wirken abstrakt und erzählen doch von der Natur, vor allem wenn sie figurative Elemente enthalten…

Berlinale – Nelson Carlos De Los Santos Arias „Pepe“ – ein Nilpferd als Symbol für unsere Welt

Filmkritik "Pepe" auf der Berlinale präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine dunkle, verzerrte Stimme beginnt zu erzählen. Die Leinwand bleibt dunkelgrau. Sind hier Menschen verschüttet? Mitnichten. Nilpferde wurden im Auftrag eines reichen Ranchers gefangen, in die Dominikanische Republik exportiert und Nachfahre Pepe als einziges Nilpferd auf dem amerikanischen Kontinent getötet.
Nelson Carlos De Los Santos Arias verwandelt die historische belegte Geschichte eines Nilpferds als in eine mehr oder weniger geglückte Parabel von Versklavung, Freiheit, Diktatur und Mord. Pepe, bereits in die ewigen Jagdgründe eingegangen, erinnert sich seines Lebens, eine durchaus originelle Idee…

Berlinale – Matthias Glasners Film vom „Sterben“ als Soziogramm unserer Zeit

Filmkritik "Sterben" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Beide Eltern sind krank und kommen alleine nicht zurecht. Gleichzeitig erlebt Sohn Tom die Entbindung einer Frau, die ihm sehr nahe steht. Die Schwester Ellen interessiert das alles nicht. Sie rebelliert durch rauschhafte Exzesse gegen die Enge kleinbürgerlichen Lebens. 
Zwischen Tod, Liebe, Siechtum und Exstase navigiert Matthias Glasner neuer Film „Sterben“ auf dem schmalen Grat der Authentizität. Es ist für ihn ein sehr persönlicher Film, in dem er die Erfahrungen verarbeitete, als beide Eltern starben und seine Tochter geboren wurde. Den nüchtern analytischen Blick auf den Alltag erweitert er durch die metaphorische Ebene der Musik…

 Berlinale – Mati Diops Film „Dahomey“ – eine fiktive Dokumentation über Raubkunst 

Filmkritik "Dahomey" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Nacht ist dunkel und opak. Tausende fühlen sich entwurzelt und ausgebeutet. Als Nr. 26 kehrt er zurück in seine Heimat. Er ist kein Mensch, sondern eine Skulptur, genauer ein ehemaliger König von Dahomey, einstiges Königreich im Süden des heutigen Benin. Im Rahmen einer fiktiven Dokumentation konzipierte Regisseurin Mati Diop die Restitution von kolonialer Raubkunst. Es gelingt eine ungewöhnliche Reise aus zwei Perspektiven, die das Gespür für diese aktuelle Problematik weitet, wobei Verborgenes sichtbar wird…