© Neue Visionen, Manuel Moutier
„Die reichste Frau der Welt“: Isabelle Huppert brilliert in Thiery Klifas neuem Spielfilm in Anlehnung an die Affäre von Liliane Bettencourt. Thierry Klifa macht aus der High-Society-Story ein unterhaltsam ironisches Gesellschaftsporträt…
High-Society-Lady trifft auf einen Fotografen, der kein Blatt vor dem Mund nimmt, sie durch seine Direktheit und Fröhlichkeit beeindruckt, wobei sie immer mehr in seinen Bann gerät.
Es entwickelt sich kein erotisches Verhältnis, aber ein freundschaftliches, eine Win-Win-Situation. Sie fühlt sich nicht mehr einsam, lebt wieder auf, braucht keine Tabletten mehr. Er wird immer reicher, amüsiert sich ungeniert mit seinem Boyfriend, demütigt Jérôme, den schönen homosexuellen Butler. Der Ehemann akzeptiert die Situation, damit seine Frau nicht alleine ist, wenn er stirbt. Nur die Tochter interveniert. Sie erträgt das proletarische Verhalten des Fotografen, seine zur Schau gestellte Homosexualität und die Verschwendungssucht der Mutter nicht mehr und geht gegen sie gerichtlich vor, um die Firma zu retten.
Handlung: Die Geschichte hinter der High-Society-Story
Das klingt sehr trivial, beruht aber auf der Affäre von Liliane Bettencourt. Sie galt als Hauptanteilseignerin von L’Oréal bei ihrem Tod 2018 als reichste Frau der Welt. Die Tochter verklagte den Vertrauten ihrer Mutter wegen Erschleichung von Geschenken im Wert von über einer Milliarde. Bei den Ermittlungen wurden Steuerhinterziehungen offenbart, die sich zu einer politischen Affäre ausweiteten.
Regie und Umsetzung: Reduktion ohne Tiefgang
Regisseur Thierry Klifa reduziert die Geschichte auf ein Familienporträt garniert mit nationalsozialistischer Vergangenheit, Denunziationen und jüdischem Schwiegersohn. Durch Interviewfragen über Marianne, vor schwarzem Hintergrund immer wieder zwischengeschaltet, gewinnt die Geschichte eine dokumentarische Aura, die allerdings sehr spannungslos und rein fiktiv bleibt. Warum ist der Film besser als das Drehbuch?
Isabelle Huppert: Highlight als „Reichste Frau der Welt“
Ganz einfach, Isabelle Huppert ist großartig. Thierry Klifa weiß ihr Können als elitäre Lady im zweiten Frühling aufleuchten zu lassen. Schon bei der ersten Begegnung mit dem provozierend frechen Fotografen funkt es. Isabelle Huppert verwandelt sich in eine spritzige junge Frau, die zu flirten weiß und es genießt, über den Fotografen den Kontakt zur Welt und zur Kunst zu bekommen.
„Die reichste Frau der Welt“: Figurenanalyse
Sie will „Geschichte schreiben“. Doch nicht sie benutzt ihn, sondern er sie. Als Fotograf nimmt er kein Blatt vor den Mund. Ihre Kleidung sei viel zu spießig, kommentiert er ein Outfit nach dem anderen. Die Lady fühlt sich als Frau gesehen, blüht regelrecht auf. Er gibt ihr das Gefühl, wieder jung und begehrenswert zu sein. Zwei überaus selbstbewusste Narzissten treffen aufeinander. Eine Win-Win-Situation.
Als Kunstmäzenin entdeckt sie neugierig und naiv wie ein Kind neue Welten. Wenn er sie umarmt, fühlt sie sich geborgen. Wenn sie tanzen, lächelt sie beseelt wie ein verliebter Teenager. In jeder Szene zeigt Isabelle Huppert eine neue Facette, immer freigeistiger und liebenswerter. Sie ist nicht irre, sondern, so scheint es, zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig verliebt und frei von jeglicher Etikette.
Laurent Lafitte als gewiefer Hochstapler:
Mit einem breiten Darstellungsvermögen brilliert auch Laurent Lafitte. Er lässt den hochstaplerischen Flegel Fantin anfangs durchaus charmant erscheinen. Sein Humor gefällt ihr, seine Schlagfertigkeit und Entschlossenheit. Gewohnt, immer selbst den Ton anzugeben, ist sie offen für seine Anregungen, bemerkt dabei aber nicht, wie er sich durch ihre Großzügigkeit verändert, wie seine gierige Aufsteigernatur durchschlägt. Szene für Szene zeigt Laurent Lafitte die Untiefen dieses miesen Typen, der nur um sich selbst kreist, aber immer wieder im richtigen Moment Marianne das Gefühl vermittelt, er sei ihr Lebensglück.
André Marcon als diskreter Butler:
Ganz anders agiert der Butler. André Marcon zeichnet ihn als subtilen, diskreten Charakter, der dem Haus treu ergeben ist und seine persönlichen Träume hintanstellt. Mariannes Ehemann, Guy Farrère, sieht ihn wie seinen Sohn, bietet ihm Geld für das lang ersehnte Hotel. Jérôme lehnt ab und sorgt letztendlich durch eine heimliche Tonaufnahme, dass Mariannes Tochter Frédérique gegen die Verschwendungssucht der Mutter vor Gericht Recht bekommt.
Familienkonflikt:
Dass Marina Foïs mit ziemlich dämlicher Ponyfrisur schon optisch auf ein eindimensionales Denkformat eingerahmt wird, ist arg simpel, passt so gar nicht zum Umfeld der „Reichsten Frau der Welt“, unterstreicht aber die kalte Beziehung von Mutter und Tochter. Sie weiß nicht, ob sie ihre Tochter liebt, auch wenn sie alle Tonträger aufgekauft hat, um ihrer Tochter das Gefühl einer Karriere als Pianistin zu geben. Die Tochter siegt, und ist letztendlich die Verliererin. Die Sympathie ist bei Marianne, aber nur, weil Isabelle Huppert sie so sympathisch spielt.
Fazit:
„Die reichste Frau der Welt“ ist in erster Linie ein Film Isabelle-Huppert-Fans. Ansonsten bleibt die Geschichte Mittelmaß, bis auf die Interviews traditionell erzählt, ohne überraschende Filmsequenzen.
Infos zum Film
| Künstlerisches Team: | Drehbuch: | Thierry Klifa Céderic Anger Jaques Fieschi | |
| Regie: | Thierry Klifa | ||
| Besetzung der Hauptrollen: | Isabella Huppert | Marianne Farrère | |
| Marina Foïs | Fréderique Spielmann | ||
| Laurent Lafitte | Pierre-Alain Fantin | ||
| Raphaël Personnaz | Jerome | ||
| André Marcon | Guy Farrère | ||
| Dauer: | 121 Min. | Seit 16. April 2026 in deutschen Kinos | |
| Bewertung: | ⭐⭐☆☆☆ | Ein schlichter Unterhaltungs-film getragen von sehr guten Schauspieleri:nnen |













