Berlinale – Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Berlinale Filmkritik präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine türkische Mutter in Bremen klagt gegen den Supreme Court der USA. Von 2001 bis 2005 kämpfte Rabiye Kurnaz um die Freilassung ihres Sohnes im US-amerikanischen Gefängnis Guantánamo auf Cuba. Ihr Sohn wurde ohne Gerichtsurteil inhaftiert und gefoltert. Andreas Dresen (Regie) macht aus diesem langwierigen historischen Fall eine Satire auf die US-amerikanische Justiz, die deutsche Bürokratie und Politik, in der ihm brillant die Kurve aus der Komik in die Tragik der Realität gelingt. 

Berlinale – Carla Simóns „Alcarrás“ – ein wehmütiges Porträt über den Wandel ländlicher Strukturen

Berlinale Carla Simßons "Alcarrás" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Durch eine schmutzige Windschutzscheibe über die Augen dreier Kinder erlebt der Zuschauer, wie sich der fantasierte Meteorit in einen realen Bagger verwandelt, der die Kinder aus dem Autowrack vertreibt. Aus den Augen der Erwachsenen spürt man am Schluss das Ohnmachtsgefühl der ganzen Großfamilie, als ein Bagger die Pfirsichbäume niederwalzt, um Solaranlagen Platz zu machen. Dazwischen entfaltet Regisseurin Carla Simón in kleinen Alltagsszenen ein fröhlich, temperamentvolles Familienporträt, dessen Harmonie durch den Druck der Bodenspekulationen völlig aus dem Gleichgewicht kommt…

Berlinale – Michael Kochs „Drii Winter – A Piece of Sky“ 

Filmkritk von Michael Koch "Drii Winter" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Weit oben in den Schweizer Bergen lebt Anna mit ihrer kleinen Tochter Julia, wo die Felsbrocken die Weide einschränken. Marco ist ihr neuer Freund. Aus dem Tal ist er gekommen, ein kräftiger Kerl den Nacken immer etwas hochgeschoben, den Blick gesenkt. Aber wenn Anna tanzt, beginnen seine Augen zärtlich zu leuchten und man versteht, warum Anna ihn mag. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan. Sehr berührend zeichnet Michael Koch diese innige Beziehung, von der das Leben so viel fordert…

Berlinale – Ulrich Seidl „Rimini“ – von der Tristesse des Alterns

Filmkritik Ulrich Seidl "Rimini" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„So ein Tag, so wunderschön wie heute…“ singt die Dementkranken im Heim. Reine Satire! Wie immer macht Seidl sich die Schattenseiten menschlicher Existenz zum Thema. Dieses Mal konfrontiert er das Publikum mit der Problematik des Altwerdens zwischen Showbusiness und Altenheim, kombiniert mit der Migrationsproblematik im winterlichen Rimini…

Berlinale – Li Ruijuns „Yin ru chen yan“ – eine poetische Annäherung an die Armut

Berlinale „Yin RU Chen Yan“präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Es schneit im Dorf. Eine traditionell chinesische Hochzeit wird in der armseligen Hütte ausgehandelt. Ma, ein schweigsamer Mann, soll die behinderte Guiying heiraten. Sie wuchs im Hinterhof in einem Bretterverhau auf, wurde viel geschlagen und hat ihre Blase nicht unter Kontrolle. Sie müssten gut zusammenpassen, meint die Heiratsvermittlerin. Und sie bekommt im Laufe des Films Recht, der die zärtliche Annäherung unter den ärmsten Verhältnissen im agrarisch rückständigen China zeigt…

Berlinale – „A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe“ – Liebe zauberhaft neu erzählt 

Berlinale Filmkritik "A E I O U Das schnelle Alphabet der Liebe" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Zuerst klaut er ihr die Handtasche, kurz darauf nimmt er Sprechunterricht bei ihr. Adrian lebt bei der Pflegefamilie, hat die Klasse nicht geschafft und Sprachschwierigkeiten. Er ist im Leben noch nicht angekommen. Anna erlebt die Gegenseite. Als 60-jährige Schauspielerin nicht mehr so nachgefragt macht sie Hörspiele und arbeitet als Sprachcoach. In ihrer Gegenwart fühlt sich Adrian zum ersten Mal menschlich angenommen. Der Unterricht entwickelt sich voll fröhlicher Beschwingtheit. Das A ist der Anfang von allen Lauten, klingt durch sich selbst steht für Staunen und Leidenschaft. Genau aus diesem Staunen über sich selbst und den anderen, das Wohlgefühl sich gegenseitig positiv zu beurteilen, entwickelt sich, was zu erwarten ist, eine intensive Liebesgeschichte über Altersgrenzen hinweg…

Berlinale – Kamila Andinis Film „Nana“ – „Before, Now & Then“ kreist um die Rolle der indonesischen Frauen 

Filmkritik Berlinale, Andinis "Nana" präsentier von www.schabel-kultur-blog.de

Der tropische Wald scheint den Frauen vertraut, doch die Musik, Vögel, Geräusche schaffen Ängste. Nana ist auf der Flucht. Der Film verhandelt ihr Leben danach als wohlhabende Ehefrau eines wesentlich älteren Mannes in der elitären indonesischen Gesellschaftsschicht, doch die Albträume der Vergangenheit holen sie wieder ein. In wunderbaren, perfekt gestylten Bildern mit emotional aufgeladener Musik zeigt Drehbuchautorin und Regisseurin Kamila Andini in „Nana. Before, Now &Then“, wie sich die Rolle der sundanesischen Frau in den 1960er Jahren veränderte. „Nana“ ist eine Hommage an die Generation der Mütter und Großmütter, insbesondere, wie die Produzentin Gita Fara auf der Pressekonferenz bekannte, an die eigene Mutter, was die smarte, perfekte Präsentation in Hollywood-Manier erklärt…

Berlinale – Joaquin del Paso – „Robe of Gems“ – ein berührendes kollektives Porträt von Mexiko

Berlinale Filmkritik "Robe of Gems" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Aus der Dämmerung entwickelt sich die Helligkeit des Tages ohne wirklich die Geschehnisse zu erhellen. Menschen fliehen, Menschen verschwinden, werden tot auf Brachland oder Müllhalden gefunden. Unter der tadellosen Planierung wird der Schrecken vergraben. Es gibt kein Vertrauen mehr. Die organisierte Kriminalität greift um sich, lässt Familien auseinander brechen. 
Die Kamera fokussiert auf mehrere Menschen über drei Generationen hinweg. Ihre Lebenswege sind verknüpft, bleiben aber ein Geheimnis, wie die Orte, wo sie sich befinden. Komplex, multiperspektivisch entwickelt sich ein kollektives Porträt von Mexiko, das durch die Geräusche und den Sound sehr empathisch die Wirklichkeit hinter den Bildern in faszinierender Weise erforscht, ein absolut innovativer und faszinierender Film, der die psychologischen Untiefen zum Vibrieren bringt…

François Ozon „Peter von Kant“

Eröffnunge Berlinale mit "Peter von Kant" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die 72. Berlinale rückt Rainer Werner Fassbinder mit dem Eröffnungsfilm „Peter von Kant“ ins Zentrum der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Seine großartigen Filme sind in Deutschland in der Versenkung verschwunden, werden aber in Frankreich noch sehr geschätzt. 1972 drehte Fassbinder „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, eine Auseinandersetzung über Liebe mit der Einsicht „Man muss lernen zu lieben, ohne zu fordern“. 
Regisseur François Ozon macht aus Petra Peter und weitet den Film so zu einem Porträt Fassbinders. In der Ästhetik der 70er Jahre, in intensiven, schwülen Farben und Songs gelingt ein subtiles Kammerspiel, das Außenwirkung und Innenleben, Liebe und Macht, Abhängigkeit und Freiheit in allen menschlichen Beziehungen der Geschichte nachspürt, die Wechselhaftigkeit und Sensibilität Fassbinders offenlegt und sein vergebliches Suchen nach Liebe bis in Rausch, Aggression und Zusammenbruch nachzeichnet. Es entfaltet sich ein weichgezeichnetes, ästhetisch gestyltes Fassbinder-Porträt des ehemaligen Enfant Terrible des deutschen Films zwischen der Ernsthaftigkeit eines Kammerspiels und Hollywood-Glamour…

Berlinale – Die Wettbewerbsfilme 2022

Berlinale Wettbewerbsfilme präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Neben Cannes und Venedig zählt die Berlinale zu den großen Internationalen Filmfestspielen der Welt. Unter strengen Corona-Auflagen werden sie vom 10. bis 17. Februar in reduzierter Form mit 50-prozentiger Auslastung der Kinos beschränkt auf die Präsentation der Wettbewerbsfilme ohne Partys und Empfänge durchgeführt. Als größtes Publikumsfilmfestival der Welt werden zudem für die Öffentlichkeit bis 20. Februar Wiederholungen der Wettbewerbsfilme zu sehen sein. Mariette Rissenbeek freut sich ganz besonders, dass die Berlinale 2022 wieder als Präsenzfestival durchgeführt werden kann. „Kultur ist ein wichtiger Anker für die Gesellschaft, gerade in der Pandemie“. 
Die Pandemie ist nur in zwei Filmen Thema. Über die Hälfte der 18 ausgewählten Wettbewerbsfilme spielen in der Gegenwart vor familiären Hintergrund. Emotionale Beziehungen bilden den roten Faden. 17 Filme sind Welturaufführungen, davon sieben von Regisseurinnen. Elf RegisseurInnen haben schon einmal auf der Berlinale ihre Filme präsentiert, acht von ihnen im Wettbewerb und fünf ehemalige Bären-Gewinner…

Berlin – Die Jury für die Wettbewerbsfilme Berlinale 2022 präsentiert sich aus fünf Kontinenten

Berlinale-Jury 2022 präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wer letztendlich einen der heißbegehrten Goldenen oder Silbernen Bären bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin bekommt, entscheidet eine 7-köpfige, hochkarätige Jury. Sie muss die PreisträgerInnen aus 18 Filmen herausfiltern. Am letzten Tag der Berlinale, dem 16. Februar werden sie verkündet. Die Namen der Jury sind in Deutschland wenig bekannt. Doch jedes Jurymitglied hat eine Vita aufzuweisen, die seine Professionalität attestiert…

72. Berlinale – Isabelle Huppert bekommt den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk

Berlinale 2022 Goldener Ehrenbär für "Isabelle Huppert" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Isabelle Huppert ist mehr als eine gefeierte Schauspielerin, sie ist eine unnachahmliche Künstlerin, die nicht zögert, Risiken einzugehen oder sich dem Mainstream entgegenzustellen. Die Vergabe unseres prestigeträchtigsten Preises an Isabelle Huppert ist ein Bekenntnis zum Kino als unabhängige und bedingungslose Kunstform“, kommentiert die Entscheidung das Berlinale-Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. Isabelle Huppert ist ein Beispiel dafür, dass SchauspielerInnen nicht nur ein Werkzeug in den Händen von RegisseurInnen sind, sondern selbst filmische Konzepte mitgestalten und emotionale Impulse setzen können.

72. Berlinale – Start mit „Peter von Kant“

Eröffnunge Berlinale mit "Peter von Kant" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wer ist „Peter von Kant“? François Ozons neuer Film ist eine freie Interpretation von Rainer Werner Fassbinders Meisterwerk „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972). Ozon macht aus Petra einen Mann, gespielt von Denis Menochet, an seiner Seite Isabelle Adjani und Hanna Schygulla, zwei charismatische Schauspielerinnen. Ozons Film ist eine Hommage an den Originalfilm und gleichzeitig an Fassbinder…

Grandiose Verfilmung von Joel Coen „The Tragedy of Macbeth“ in limitierter Auflage in deutschen Kinos

Filmkritik Joel Coens "Macbeth" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Weit oben am Himmel kreisen drei Vögel. Sie wirken im Nebeldunst wie weiße Tauben, doch je tiefer sie tauchen, desto dunkler, größer, bedrohlicher werden sie. Sie sind ähnlich wie in „Krabat“ Symbole des bösen Zaubers, hier durch eine Hexe statt der drei in Shakespeares „Macbeth“. In der neuen Coen-Verfilmung werden die Vögel in Schwärmen dramatisches Überraschungsmoment wie bei Hitchcock, zusätzlich zum mythischen Bild des Bösen schlechthin. „Macbeth“ gehört zu den großen Königsdramen Shakespeares, zigmal verfilmt und jetzt wie ein wuchtiges expressives Theaterstück mit filmischen Ausdrucksmitteln. 
In Schwarz-Weiß-Optik zwischen stilisierter Betonburg und magischen Landschaften, in historischer Optik und altertümlich rhythmisiertem Englisch gelingt Coen, der zum ersten Mal ohne seine Bruder Ethan Regie führt, ein grandioses „Macbeth“-Epos, erstklassig besetzt mit Denzel Washington und Frances McDormand , zweifache Oscar-Preisträgerin und Ehefrau Joel Coens…

Ridley Scotts „House of Gucci“

Filmkritik "The House of Gucci" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Ermordung des Gucci-Erben Maurizio Gucci sorgte 1995 für Schlagzeilen. Plötzlich kam das ganze Familienunternehmen, das „House of Gucci“ auf den Prüfstand. Sara Gay Fordens gleichnamiger Roman mit „eine sensationelle Geschichte von Mord, Wahnsinn, Glamour und Gier“ untergetitelt, gibt die Eckdaten für Regisseur Ridley Scotts herrlich parodistischen Film, in dem das menschliche Elend aufblitzt, ohne wirklich weh zu tun, weil in der Welt der Superreichen Sorgen in Watte gebettet sind und die Menschen egal wie immer 150prozentig nur ihre Egos befriedigen. Untergang und Neuerfindung der Gucci-Marke bilden den Hintergrund, im Mittelpunkt stehen aber die Guccis dominiert von der eingeheirateten Patrizia Reggiani.
In Überlänge, fast drei Stunden, glaubt der Zuschauer hinter die Kulissen einer außerordentlich kultivierten Familie zu blicken und entdeckt nur, was er ohnehin kennt, menschliche Schwächen, Dummheit, Sturheit, skrupellose Gier nach Geld und Macht, Eigenschaften, wie sie die kapitalistische Gesellschaft am laufenden Band produziert. Dieses Leben ist nicht besonders spannend, aber angenehm wie ein Wellnessurlaub auf höchstem Level…