Berlinale – Nelson Carlos De Los Santos Arias „Pepe“ – ein Nilpferd als Symbol für unsere Welt

Filmkritik "Pepe" auf der Berlinale präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Eine dunkle, verzerrte Stimme beginnt zu erzählen. Die Leinwand bleibt dunkelgrau. Sind hier Menschen verschüttet? Mitnichten. Nilpferde wurden im Auftrag eines reichen Ranchers gefangen, in die Dominikanische Republik exportiert und Nachfahre Pepe als einziges Nilpferd auf dem amerikanischen Kontinent getötet.
Nelson Carlos De Los Santos Arias verwandelt die historische belegte Geschichte eines Nilpferds als in eine mehr oder weniger geglückte Parabel von Versklavung, Freiheit, Diktatur und Mord. Pepe, bereits in die ewigen Jagdgründe eingegangen, erinnert sich seines Lebens, eine durchaus originelle Idee…

Berlinale – Matthias Glasners Film vom „Sterben“ als Soziogramm unserer Zeit

Filmkritik "Sterben" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Beide Eltern sind krank und kommen alleine nicht zurecht. Gleichzeitig erlebt Sohn Tom die Entbindung einer Frau, die ihm sehr nahe steht. Die Schwester Ellen interessiert das alles nicht. Sie rebelliert durch rauschhafte Exzesse gegen die Enge kleinbürgerlichen Lebens. 
Zwischen Tod, Liebe, Siechtum und Exstase navigiert Matthias Glasner neuer Film „Sterben“ auf dem schmalen Grat der Authentizität. Es ist für ihn ein sehr persönlicher Film, in dem er die Erfahrungen verarbeitete, als beide Eltern starben und seine Tochter geboren wurde. Den nüchtern analytischen Blick auf den Alltag erweitert er durch die metaphorische Ebene der Musik…

 Berlinale – Mati Diops Film „Dahomey“ – eine fiktive Dokumentation über Raubkunst 

Filmkritik "Dahomey" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die Nacht ist dunkel und opak. Tausende fühlen sich entwurzelt und ausgebeutet. Als Nr. 26 kehrt er zurück in seine Heimat. Er ist kein Mensch, sondern eine Skulptur, genauer ein ehemaliger König von Dahomey, einstiges Königreich im Süden des heutigen Benin. Im Rahmen einer fiktiven Dokumentation konzipierte Regisseurin Mati Diop die Restitution von kolonialer Raubkunst. Es gelingt eine ungewöhnliche Reise aus zwei Perspektiven, die das Gespür für diese aktuelle Problematik weitet, wobei Verborgenes sichtbar wird…

 Berlinale – „My Favorite Cake“ (Mein Lieblingskuchen) berührt – Prädikat sehr sehenswert 

Filmkritik "My Favourite Cake" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Und immer wieder sind es die Filme über alte Menschen, aber auch die Filme aus dem Iran, die besonders berühren und in ganz einfachen alltäglichen Geschichten das ganze gesellschaftliche Drama des Menschen erzählen.
In „My Favorite Cake“ treffen beide Aspekte zusammen. Die Dreharbeiten begannen kurz vor der „Woman Life, Freedom Movement“ im Iran. Vor diesem Hintergrund ist der an sich alltägliche Film über die Einsamkeit des Alters hochpolitisch zu sehen, schon allein dadurch, dass eine Frau im Mittelpunkt steht. Durch ihr mutiges Auftreten und sehr umsichtiges Vorgehen ist die Bedrohung durch die Sittenpolizei und die politischen Repressalien ständig präsent. Humorvoll, mit großer Empathie, sehr poetisch gelingt Maryam Moghaddam und  Behtash Sanaeeha mit „My Favorite Cake“ ein latent politischer, trotzdem herzerfrischender Film…

Ein Kosmos von Filmen

Filmkritik "Little Things Like These" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Ganz gegen die Gewohnheiten der letzten Jahren beginnt die 74. Berlinale fern glamouröser Besetzungen und unterhaltsamer Sujets mit einem sehr nachdenklichen Film. „Little Things Like These“, eine irische, belgische, englische Koproduktion, ist ein Spielfilm auf der dokumentarischen Basis der Skandale über die Magdalenenheime für gefallene Mädchen in Irland. Anstatt Zuflucht zu finden wurden Mädchen und Frauen auf das Schlimmste malträtiert und misshandelt. 

Berlin – 74. Berlinale – ein Kosmos von Filmen, in denen sich unser Leben spiegelt

Berlinale 2024, die Wettbewerbsfilme, präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Dreieinhalb Wochen vor Festivalbeginn wurde heute das Programm der 74. Berlinale veröffentlicht. Es ist ein „Kosmos“ von Filmen, so Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter. Er vergleicht das Festivalprogramm „mit einem Baum, der in der Vergangenheit wurzelt und seine Äste in die Zukunft streckt.“ Dem Festivalpublikum will er Geschichten präsentieren, die ihn und sein Team in den zurückliegenden Monaten zum Nachdenken gebracht und inspiriert haben. In einer Zeit, in der die Bilderflut so groß wie nie zuvor ist, bekommen nachhaltige Bilder umso größere Bedeutung. Gute Filmsequenzen  graben sich in unser Gedächtnis, provozieren zum Dialog und lassen Zukunft ahnen. Auffällig ist 2024 die große Anzahl von breit angelegten Koproduktionen. Kein Film wurde aus politischen Gründen abgelehnt. Das Filmprogramm ist für Carlo Chatrian ein Angebot. Die Bewertung liegt beim Betrachter….

Berlin – 74. Internationale Filmfestspiele Berlin  –  Edgar Reitz mit der „Berlinale Kamera“ 

91 Jahre alt wird der deutsche Regisseur und Autor Edgar Reitz, einer der einflussreichsten Filmemacher seiner Generation, mit der „Berlinale Kamera“ geehrt. Diese Auszeichnung geht seit 1986 an Persönlichkeiten und Institutionen, die sich um das Filmschaffen besonders verdient gemacht haben und mit denen sich das Festival verbunden fühlt. Die Berlinale Kamera besteht aus 128 Einzelteilen und ist einer realen Filmkamera nachempfunden. Hergestellt wird sie von dem Düsseldorfer Goldschmiedekünstler Georg Hornemann…

Tina Satters Debütfilm „Reality“ über die US-Whistleblowerin Reality Winner

Filmkritik "Reality" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

In einem US-amerikanischen Großraumbüro laufen ständig Meldungen ein. Schnitt. Eine junge Frau sieht sich vor ihrem Haus plötzlich mit zwei FBI-Agenten konfrontiert. Sie haben einen Hausdurchsuchungsbefehl, stellen ganz allgemeine Fragen, doch man merkt am Gesicht der Frau, dass etwas in der Luft liegt. Das Gespräch zieht sich, immer mehr Sicherheitskräfte kommen dazu. Was steckt dahinter?…

Erich Toledinos und Olivier Nakaches amüsante Filmkomödie „Black Friday for Future“

Filmkritik "Black Friday for Future" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Es ist einfach grandios, wie das Regisseur-Duo, Erich Toledino und Olivier Nakache, angefangen von „Ziemlich beste Freunde“ (2011) oder „Das Leben ist ein Fest“ (2017) nun gleich zwei hochaktuelle Themen voller Charme und Witz in „Black Friday for Future“ verhandelt. Nach dem Schwelgen in Freundschaft und Luxus stehen nun mit „Une année difficile“, so der französische Titel, Konsumorgie und Klimawandel im Zentrum ihrer neuen Komödie. Sie beginnt grotesk und endet märchenhaft, ist Amüsement mit Tiefgang, voll witziger Überraschungen vom ersten bis zum letzten Moment…

Simon Verhoevens „Girl You Know It’s True“ – die Wahrheiten hinter der größten Fakeband von „Milli Vanilli“

Filmkritik "Milli Vanilli" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Es ist wahr und längst, seit 1990, bewiesen. Das weltweit gefeierte Discopop-Duo „Milli Vanilli“ war von Anfang an ein Fake. Die beiden gut aussehenden Tänzer mit afrikanischen Wurzeln wollten singen, wurden aber vom Hitproduzenten Frank Farian nur wegen ihrer Optik engagiert. Ihr Rastalocken-Look und ihre sexy Ausstrahlung kam bei den weißen Frauen bestens an. Über Farians Songs wie „Girl You Know It’s True“ und „Girl I’m Gonna Miss You“ wurden sie weltweit berühmt. In einer gekonnten Collage aus Konzert-Livemitschnitten und nachgespielten Szenen porträtiert Simon Verhoeven sehr umsichtig und mit viel Sympathie für alle Beteiligten die Story einer frappierenden Karriere und den freien Fall in die Unbedeutsamkeit…

Wim Wenders „Perfect Days“ – ein Film für Wesensverwandte

Filmkrtik "Perfect Days" von Wim Wenders präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Aufstehen, den Futon im Miniwohnzimmer einrollen, Zähneputzen im Spülbecken der Küche, Overall anziehen, lächelnd mit Blick zum Himmel das Minihaus verlassen, einen Dosenkaffee aus dem Automaten und mit dem Auto zur Arbeit, abends zum Schnellimbiss und dann zurück nach Hause, lesen und schlafen. Tag für Tag. Sind das perfekte Tage? Ja, zumindest für Koji Yakusho, Toilettenputzer in Tokio. Um ihn kreist Wim Wenders neuer Film „Perfect Days“, entstanden aus der Idee einen Film über die japanischen Toiletten zu machen, entstand ein Film über einen Toilettenputzer. Koji Yakusho liebt sein Leben. Warum erklärt nicht er, sondern Wim Wenders Film. Was in der ersten Sequenz, wie ein stummer Dokumentarfilm wirkt, entwickelt sich zu einem subtilen Psychogramm gelungener Tage durch die Freude an der Natur und die kleinen menschlichen Begegnungen…

Gilles Legardinier „Monsieur Blake zu Diensten“ – ein heiterer Wohlfühlfilm mit dreifachem Happyend passend zur Weihnachtszeit 

Filmkritik "Mr. Blake zu Diensten" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit Evergreen „Once in my Life“, einer Preisverleihung für den Unternehmer des Jahres in mondänem Ambiente schlägt der Film „Monsieur Blake zu Diensten“ zuerst Hollywood Lifestyle an. Gleichzeitig thematisiert der Song den Plot. Mr. Blake vor wenigen Monaten verwitwet verweigert die Ehrung. Er reist lieber nach Frankreich zu dem herrschaftlichen Gut, wo er seine Frau kennengelernt hat, um sie in Erinnerungen an das verloren gegangene Glück zu suchen. Das romantische Schloss gibt es immer noch, aber wegen des desolaten Zustandes stehen keine Zimmer zur Vermietung zur Verfügung. Um bleiben zu können, nimmt er das Angebot als Butler an…

Hendrik M. Dahlsbakken „Munch“ – ein Psychogramm

Filmkritik von "Munch" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gebückt, mürrisch, misstrauisch, sehr resolut komplimentiert der 80-jährige Edvard Munch einen Nazi aus seiner norwegischen Villa hinaus. Nach den Wirren seines Lebens widmet sich der weltberühmte Künstler ganz der Malerei. Seine 30000 Werke hinterlässt er in der Schlussszene dem norwegischen Staat, um sie vor dem Zugriff der Nazis zu schützen. Dazwischen fokussiert Regisseur Hendrik M. Dahlsbakken auf Edvard Munchs psychische Probleme. Wer eine biografische Dokumentation von Munchs Leben und seiner künstlerischen Entwicklung erwartet, wird enttäuscht. Dahlsbakken interessiert, was das Genie ausmacht, und präsentiert eine vielschichtige Konzeption um die Psyche des Malers zu beleuchten, der mit dem legendären Bild „Der Schrei“ eine expressive Ikone des vereinsamten Menschen schuf…

Pia-Luisa Lenz‘ Dokumentarfilm „Für immer“ – ein Film der Erinnerungen aus der Perspektive des Alters

Filmkritik "Für immer" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Was du gerade wohl machst?“, fragt sich die junge Eva, sehr verliebt in Dieter. „Es könnte so schön werden!“, visioniert sie. Bei den Dreharbeiten ist das Paar Simons schon 69 Jahre zusammen, lebt in einem außerordentlich schön gelegenen Haus mitten im Wald und blickt zurück auf das gemeinsame Leben, von Dokumentarfilmerin Pia-Luisa Lenz in ruhigen Bildern vorwiegend aus der Perspektive Evas eingefangen. Die Beziehung hat sich verändert im letzten gemeinsamen Lebensjahr…