Iris Hanika „Echos Kammern“

Leipziger Buchmesse Iris Hanika "Echos Kammern" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Einen Roman über Spiegel und Spiegelungen will die Protagonistin Sophonisbe am Ende von „Echos Kammern“ schreiben und erklärt damit einmal mehr den Sinn von Iris Hanikas raffiniert konzeptioniertem Roman, der bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet wurde. 
Aus der Ferne betrachtet Iris Hanika ihre multikulturelle Protagonistin Sophonisbe, die sie als zeitgeistige Autorin in New York und Berlin auf den Spuren des Großstadtromans verortet. Über die Figur Sophonisbes vergleicht Iris Hanika Lebensstile und projiziert über die rasende Liebessehnsucht einer älteren Frau zu einem smarten Mann, der er ihr Sohn sein könnte, Ovids Narziss-Mythos aus dessen „Metamorphosen“ auf die Selbstbespiegelungsgesellschaft von heute. 
Dazwischen lässt Iris Hanika Sophonisbe immer wieder selbst in gebrochener Satzbauweise ihre Impressionen beschreiben, wie man das aus Anthony Burgess´ „Clockwork Orange“ kennt, was durchaus gewöhnungsbedürftig ist, aber auch diesem Roman damit eine gewisse Authentizität verleiht…

Eva Huttenlauch – „zeige deine Wunde. Hundert Jahre Beuys“ -Monografie über Joseph Beuys 

Buchbesprechung "100 Jahre Beuys-zeige deine Wunde" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit seinem Environment in einem klinisch weißen Raum bestückt mit jeweils fünf doppelt auftretenden Objekten, Leichenbahren, Lampen, Feldzeichen, Ausgaben der linksgerichteten italienischen Zeitung „Lotta Continua“ und zwei Schultafeln beschrieben mit „zeige deine Wunde“ fand Joseph Beuys 1976 im Kunstforum des Lenbachhauses noch wenig Resonanz. Erst als das Kunstwerk angekauft wurde, entstand eine heiße Polemik über „den teuersten Sperrmüll aller Zeiten“. Dessen ungeachtet schrieb Joseph Beuys Kunstgeschichte. Mit „zeige deine Wunde“ präsentiert Eva Huttenlauch, Sammlungsleiterin des Bereichs Kunst nach 1945 im Lenbachhaus, eine Monografie zu diesem Einzelwerk in Beuys 100. Geburtstagsjahr als siebter Band der Schriftenreihe „Edition Lenbachhaus“…

Friederike Mayröcker „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ 

Friederike Mayröckers "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Für den diesjährigen Literaturpreis der Leipziger Messe wurde Friederike Mayröckers Roman „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ nominiert. Die begehrte Auszeichung ging aber an Iris Hanikas zeitgeistigen Roman „Echos Kammern“.  Liest man Friederike Mayröckers Proem, wie sie selbst ihre Texte zwischen Prosa und Poesie nennt, versteht man die Entscheidung. 
Immer schon sehr eigenwillig im Stil, mehr an der Sprache als an den Inhalten ihrer komplexen Texte interessiert ist ihr, wie sie selbst sagt, letztes Werk nach über 80 Publikationen ein frei assoziierter Text, in erster Linie für ihre Fans und Literaturliebhaber. 
Schon der Titel „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ verweist auf ihre in Jahrzehnten kultivierte Anarchie der Sprache, dennoch eine Meisterleistung bedenkt man ihr Alter von 95 Jahren. Geschrieben von September 2017 bis zum November 2019 verschwimmen Gegenwart und Erinnerungen, die sie regelrecht mit Wörtern malt…

Leipziger Buchmesse 2021 – Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ – Siegerin in der Kategorie Sachbuch/Essayistik 

Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Affe“ und „Kannibalin“ nannten Frauen und Männer in Kenia und Uganda die Ethnologin, die Ende der 1970er-Jahre zu ihnen kam, um sie zu erforschen. Statt diese wenig schmeichelhaften Namen zurückzuweisen, stellt Heike Behrend sie ins Zentrum ihrer Autobiografie „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ und gewann damit den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik…

Leipziger Buchmesse – Timea Tankós „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ – bester Titel in der Kategorie „Übersetzung“

Leipziger Buchmesse Timea Tankós " Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit „Apropos Casanova“ gelang es Timea Tankós die Jury der Leipziger Buchmesse von ihren Übersetzungskünsten zu begeistern. Das ungarisches Original „Apropos Casanova“ des virtuosen Provokateurs Miklós Szentkuthy (1908 –1988) gibt es jetzt auch in Deutsch zu lesen, inklusive Miklós Szentkuthys höchst subjektiven Spiels mit der Sprache und der Geschichte Casanovas…

Beate Hausbichler „Der verkaufte Feminismus: Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde“

Buchbesprechung "Der verkaufte Feminismus" von Beate Hausbichler präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Der Konsumkapitalismus hat schon früh den Feminismus für sich in Anspruch genommen, um neue Absatzmärkte zu erschließen. Genau dieser Frage geht Beate Hausbichler in ihrem Buch nach „Der verkaufte Feminismus: Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde“. Anhand populärer Beispiele belegt sie ihre Behauptung, wie die Individualisierung des Feminismus die Gleichstellung der Frauen untergräbt. Allzu raffiniert wird das Label Feminismus inzwischen zweckentfremdet… 

Dr. Lucy Pollock „Das Buch über das Älterwerden (für Leute, die nicht darüber sprechen wollen)“

Buchkritik von Lucy Pollock "Das Buch über das Älterwerden" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gesund und munter, dann schnell tot, dieses Modell funktioniert durch die wesentlich höhere Lebenserwartung aufgrund der Verbesserung der Medizin, Hygiene und Ernährung nicht mehr. Langes Leben geht meist einher mit einer Reihe von Krankheiten, ein Thema, über das man nicht so gern spricht. Erst wenn es in der Familie zum Problem wird, merkt man die eigene Hilflosigkeit. 
Lucy Pollock, weiß, wovon sie schreibt im „Buch über das Älterwerden (für Leute, die nicht darüber sprechen wollen)“. Seit über dreißig Jahren arbeitet sie in Großbritannien in der Geriatrie. Ihr Buch versteht sie als Botschaft, dass ein langes Leben ein Geschenk ist. Es ist ein Buch für Einsteiger in die Thematik. Aber selbst wer schon mit der Problematik altersbedingter Krankheiten befasst ist, findet zuweilen hilfreiche Impulse…

Wolfgang Niedecken „Bob Dylan“

Sehr raffiniert vermarktet Wolfgang Niedecken sein neues Buch „Bob Dylan“. Hinter dem zugkräftigen Titel verbirgt sich allerdings mehr Lebensgeschichte von Wolfgang Niedecken als von Bob Dylan. Wie und mit welcher Gewichtung beides verwoben ist, demonstrieren bereits beider ineinander geschriebene Namen auf dem Cover. Bob Dylan in orangen Buchstaben eingehakt in die weißen plakativen Lettern von Wolfgang Niedecken und die weißen Buchseiten aus der orangen Bindung visualisieren Bob Dylans Bedeutung für den Kölschen Musiker, der wie kein anderer so nahen Kontakt zu Bob Dylan hatte, stark von ihm inspiriert wurde und etliche Songs von Bob Dylan coverte…

Augsburg – „Digitaler Buchclub“ im Staatstheater 

"Buchclub digital" präsentiert für www.schabel-kultur-blog.de

Zusammen liest man weniger allein! Unter dieser Prämisse trafen sich von Januar bis April die TeilnehmerInnen des digitalen Buchclubs, um Thomas Manns »Zauberberg« gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Die Resonanz war so groß, dass dieses Format, ursprünglich nur für die  Vorbereitung einer Inszenierung am Staatstheater gedacht, nun auf vielfachen Wunsch unabhängig vom Spielplan fortgesetzt wird…

Jia Tolentino „Trick Mirror – Über das inszenierte Ich“

Jia Tolentino „Trick Mirror - Über das inszenierte Ich“ präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Drei Seiten Laudatio vor Beginn des Buches sagt schon einiges aus über das Vermarktungstalent von Jia Tolentino. Rebecca Solnit hält sie für „die beste junge Essayistin der USA“ und die New York Times spricht von „einer unnachahmlichen Mischung aus Kraft, Poesie und vom Internet geschliffenen Humor“. Man muss nicht dieser Meinung sein, aber Jia Tolentinos erster, sehr autobiografisch eingefärbter Roman „Trick Mirror – Über das inszenierte Ich“ gibt trotz bekannter Argumente, arg flanierender Gedankenassoziationen, historischen Entwicklungen, detailreichen Fallschilderungen, einen interessanten Blick auf die gesellschaftlichen Prozesse in der westlichen Welt. Jia Tolentino reißt die betrügerischen Fassaden ihrer Sozialisation nieder und betrachtet sich und die Gesellschaft überaus kritisch. „Trick Mirror – Über das inszenierte Ich“ entpuppt sich von Kapitel zu Kapitel immer mehr als Kaleidoskop menschlicher Betrügereien und Unterdrückungsmechanismen…

Hilkje Hänel „Wer hat Angst vorm Feminismus – Warum Frauen, die nichts fordern, nichts bekommen“

Hilkje Hänel „Wer hat Angst vorm Feminismus" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gerade die Bewegung #MeToo zeigt, dass sexistisches Verhalten im Alltag überall zu finden ist. Männer und Frauen fügen sich in angedachte Rollen, die ihnen von einer sexsistischen Sozialisation aufoktroyiert wurden. Durch die Humangeschichte entstanden ritualisierte Praktiken, Stereotypen und Normen einer binären Geschlechterordnung mit ihren geschlechterrelevanten Regeln auf der Basis der Heterosexualität, in der die Männer immer noch das Sagen haben und ihren Anspruch auf Sex formulieren, der nach dem  Rollenmuster unterwürdige Frau und dominanter Mann funktioniert. In diesem System geben die Frauen, die Männer nehmen. Je mehr Macht sie haben, desto größer ist ihr Einfluss. Durch ihre Bewertungsstrukturen werden Frauen nicht nur wahrgenommen, sondern per se definiert. Frauen haben schön, fürsorglich, nachgiebig etc. zu sein. Entsprechen sie diesen Rastern nicht, wird ihnen die Weiblichkeit aberkannt. Frauen wollen erobert, gejagt, übermannt werden. Das passt in das Schema der Männer, die dabei keinerlei Schuldbewusstsein empfinden.
Wie stark Feminismus und Sexismus verflochten sind, dem spürt Philosophin Hilkje Hänel in ihrem Buch nach „Wer hat Angst vorm Feminismus – Warum Frauen, die nichts fordern, nichts bekommen“, eine spannende, perspektiverweiternde Lektüre. Feminismus wird hier zur natürlichen Weiterentwicklung gleicher Rechte für alle Menschen unabhängig von der sexuellen Ausrichtung…

Martin Walser „Sprachlaub oder Wahr ist, was schön ist“

Martin Walser "Sprachlaub" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Durch die inneren Konflikte der Antihelden in seinen Romanen wurde Martin Walser sehr bekannt. 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren gehört er zu den deutschen Schriftstellern, deren Bücher neugierig erwartet und regelmäßig ausführlich, zuweilen recht kontrovers besprochen wurden. In seinem neuen Buch, ein schmaler Band mit Aquarellen seiner Tochter Alissa, beleuchtet Martin Walser noch stärker als in seinen letzten Romanen seine eigenen inneren Konflikte. Reduziert ist seine Sprache, statt Epik prosaische Lyrik. In drei- und mehrteiligen Sequenzen findet er schlichte Metaphern für das Abschiednehmen vom Leben. Es sind nicht mehr die Jahre der Ernte. Die Elegie des Abschiednehmens erlaubt nur noch „Sprachlaub“….

Barrie Kosky „On Ecstasy“

Barrie Koskys Buch "On Ecstasy" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Nach der Premiere präsentiert Barrie Kosky regelmäßig euphorisch, sehr liebenswürdig, ehrlich und authentisch sein Team. Als langjähriger Intendant der Komischen Oper Berlin hat er das positive Image dieses Hauses geweitet, als nachgefragter Regisseur auf den großen Bühnen des deutsch-österreichischen Sprachraums gelingt ihm eine innovative Inszenierung nach der anderen. Wie es dazu kam, dass er, ein gebürtiger Australier, so theaterbegeistert wurde, enthüllte er in dem autobiografischen Büchlein „On Ecstasy“ (2007), das jetzt aus dem Englischen übersetzt, in Deutsch erschienen ist, ergänzt durch ein Interview mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz. Ekstase als überraschende Überwältigung beim erstmaligen Erleben ist Barrie Koskys Urerlebnis, auf dem seine innovative Kreativität beruht…