Samira El Ouassil, Friedemann Karig „Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen“ 

Buchrezension "Erzählende Affen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Von Kindesbeinen bis ins hohe Alter begleiten die Menschen in allen Kulturen Geschichten. Sie erklären uns die Welt, unsere Existenz, bestimmen unser Denken und Handeln. Samira Ouassil und Friedemann Karig, beide publizieren online und in Printmedien, zeigen in ihrem ersten gemeinsamen Buch das Spektrum der „Erzählenden Affen“, sprich Menschen, deren Geschichten sich nach immer gleichen Mustern zusammensetzen. Sie beweisen, dass unsere Heldengeschichten entlang der Gewalt die Maßlosigkeit der Mächtigen darstellen. Damit sich die Welt ändert, brauchen wir neue Geschichten. Wer „Erzählende Affen“ liest, wird diesen Transformationsprozess beim Denken erleben und heutigen Narrativen wesentlich kritischer gegenüberstehen…

Hans Kollhoff  „Architekten. Ein Metier baut ab“

Endlich einmal ein Buch, das die Misere der modernen Architektur sehr gut darstellt. Hans Kollhoff benennt den Etikettenschwindel klar, argumentiert überzeugend und entlarvt die gegenwärtig forcierte Bauweise als reine Nachhaltigkeit der Profitmaximierung ohne jegliche bauliche Nachhaltigkeit. Was jetzt gebaut wird, ist in 20 Jahren wieder abrissreif. Statt Lebensqualität zu schaffen bietet moderne Architektur nichts weiter als rüden Funktionalismus. „Ein Metier baut ab“…

Michel Houellebecq  „Vernichten“

Buchkritik Houellebecqs "Vernichten" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Ein Hinrichtungsvideo des Wirtschaftsministers Bruno Juge sorgt für Irritationen, zumal es keine Animation zu sein scheint, sondern eine Tötung durch die Guillotine live. Doch was wie ein Thriller beginnt, endet in Michel Houellebecqs neuem Roman „Vernichten“ als  Auseinandersetzung mit dem Alter und – reichlich klischeehaft – als rosarote Ode an die Liebe. Michel Houellebecq kratzt an Klischees, formuliert wie immer die Schwächen der französischen Gesellschaft und Politik und erklärt, das ist neu,  Sex als Ausdruck zutiefst empfundener Liebe. Aufgepeppt mit Alpträumen, die das real Erlebte bizarr abwandeln, und einer Mixtur unterschiedlichster Philosophiesplitter kommt „Vernichten“ über eine belanglose Unterhaltungslektüre nicht hinaus, obwohl die Grundkonstellation durchaus interessant ist…

Hans Blossey „Mallorca von oben. Die schönsten Luftbilder der Insel“

Buchkritik "Mallorca von oben" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mallorca ist eines der wichtigsten Reiseziele der Deutschen. Als Ballermann-Partyzone und Rentnerüberwinterungsinsel hat Mallorca ein zwiespältiges Image. Man assoziiert Massentourismus von der negativsten Art. Doch die Massen kamen nicht von ungefähr. Wie schön die Insel ist, zeigen die Schräg- und Senkrechtaufnahmen Hans Blosseys. Nicht aus dem Cockpit des eigenen Fliegers, sondern vom Rücksitz einer gecharterten Piper PA-18 fotografierte er „Mallorca von oben – Die schönsten Luftbilder der Insel“. Er entdeckt die landschaftlichen Schönheiten abseits des Fremdenverkehrs, kulturelle Kleinode wie die Klosterberge Randa und Petra. In Zeiten der Pandemie lässt er selbst normalerweise stark frequentierte Strände und Innenstädte als Orte der Ruhe und Entspannung erleben…

Siegfried Kohlhammer „Piraten. Vom Seeräuber zum Sozialrevolutionär“

Buchrezension von Kohlhammer "Piraten" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Schon kleine Kinder zeigen im Fasching ihre Liebe zu Piraten. Als Robin Hood der Armen, Symbol eines freien Lebens sind Piraten in der Literatur und in Filmen immer noch sympathisch gezeichnet, wie die Erfolge der Störtebeker-Festspiele und der „Fluch der Karibik“ beweisen.
Siegfried Kohlhammer räumt mit dem edlen Mythos der Piraten auf. Piraterie war von Anfang an nichts anderes als gutorganisiertes Verbrechen. Seeräuber fingen nicht Fische, sondern Menschen und verbreiteten Schrecken auf dem Meer und an der Küste. Anhand von Quellen beweist Siegfried Kohlhammer, sachlich, aber trotzdem sehr spannend geschrieben, dass die These von der Entwicklung vom Seeräuber zum Sozialrevolutionär eine Romantisierung ist, die so nicht stimmt…

Mariana Mazzucato „Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern“

Mazzucato "Wie kommt der Wert in die Welt" präsentiert von schabel-kultur-blog.de

Wertschöpfung oder nur Wertabschöpfung? Apple argumentiert Werte für die Gesellschaft geschaffen zu haben und darum keine Steuern bezahlen zu müssen. Das ist ein Paradebeispiel für reines Abschöpfen, denn die Innovationen von Apple waren nur über die Förderung durch Steuergelder möglich. 
Die Schere zwischen echten Innovationen für die Allgemeinheit und Renditen in die eigene private Tasche geht auseinander. Wie und warum das immer krasser wird, recherchiert Mariana Mazzucato in ihrem neuen Buch „Wie kommt der Wert in die Welt?“ Der Raubtierkapitalismus belohnt „Rent-Seeker“, Menschen, die zusätzliche Bezüge absahnen und dadurch Investitionen in Innovationen verhindern…

Markus K. Brunnermeier „Die resiliente Gesellschaft. Wie wir künftige Krisen besser meistern können.“ 

Brunnenmeiers Buch "Die resiliente Gesellschaft" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gerade die Pandemie zeigt, dass die Gesellschaft derzeit überfordert ist, auf Krisen adäquat zu reagieren. So wie in der Elektrizität die Parallelschaltung die Serienschaltung ablöste und damit flächendeckend für eine Versorgung mit Licht ermöglicht wurde, muss man auch sozialpolitische Modelle entwickeln, Krisen effektiv begegnen zu können.
Genau darum geht es in Markus K. Brunnermeiers Buch „Die resiliente Gesellschaft. Wie wir künftige Krisen besser meistern können.“ Gleich zu Beginn bringt Brunnermeier einen anschaulichen Vergleich mit der Natur. Nicht wie eine Eiche soll die Gesellschaft sein, sondern wie Schilfrohr. Die Eiche bricht beim Sturm, das Schilfrohr nicht, was bedeuten soll, „ich beuge mich, aber ich breche nicht.“ Brunnermeier will Panik durch tragfähige Modelle ersetzen, statt Schockstarre flexibles Reagieren, robust, alias resilient, so das derzeitige Trendwort, auf Krisen reagieren …

Gottfried Schenk „West-Berlin. Kiez & Subkultur Hood & Subculture 1975 – 1990 

Buchrezension "West-Berlin" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Was trinken wir?“ Für Cinzano und Schultheiß-Bier wird auf den Brandmauern Berlins geworben. Das Amüsement gehörte zu Berlin wie der politische Widerstand. West-Berlin die freie, wenn auch eingesperrte Insel mitten in der DDR, dazu ist ein neuer Bildband erschienen. 
Gottfried Schenk fotografierte nicht die Berliner Vorzeigebauten. In seinen Schwarz-Weiß- und Farbfotografien leuchtet das Lebensgefühl zwischen 1975 und 1990 wieder auf, die Kraft der Rebellion gegen das Establishment, gegen die Bauprojekte der Neuen Heimat und das Geschick, ohne etwas zu haben, feiern zu können. Protestfahnen und Wandsprüche geben seinen dokumentarischen Fotografien eine besondere Authentizität, in der auch eine Portion morbider Nostalgie mitschwingt…

Barack Obama, Bruce Springsteen „Renegades: Born In The USA. Träume – Mythen -Musik“ – Dialog zweier Außenseiter

Buchrezension "Renegades.Born to the USA" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Geboren im Land der Hoffnung ist die Prämisse von Barack Obamas neuem Buch. Es beruht auf der „unwahrscheinlichen Freundschaft“ mit dem 12 Jahre älteren Rocksänger Bruce Springteen. Die groß aufgemachte Foto-Text-Publikation entstand in Folge eines Podcasts der beiden US-Idole. Der inhaltliche Bogen spannt sich von der „Story Amerikas“, „Amacing Grace“ und „American Skin“ zum „allmächtigen Dollar“. „Mit Geistern ringen“ beide bezüglich der Männlichkeitsklischees. Sie  bekennen sich zur „Furchtlosen Liebe“, Familie über alles, und hoffen auf „The Rising“ von Amerika.
Im lässigen, privaten Gesprächston hinterfragen sie mit großer Offenheit und Empathie, mit Humor und Überzeugung, wie die Kluft zwischen Amerikas Idealen und der Realität entstehen konnte…

Werner Bartens – „Lob der langen Liebe. Wie sie gelingt und warum sie unersetzbar ist“ 

Buchrezension von Bartens "Das Lob der langen Liebe" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

40 Prozent der Menschen leben in den Großstädten als Singles. Immer öfter lassen sich auch alte Ehepaare scheiden, wenn die Kinder selbstständig sind und die Antwort auf die Generalinventur von verkrusteten Eheritualen nur noch die Scheidung sein kann. 
Werner Bartens dagegen vertritt das „Lob der langen Liebe“. Er argumentiert in eingängigen Bildern angefangen von den griechischen Sagen bis zum 400-m-Lauf der Liebe, der sich mit den Jahren in einen 400-m-Hürdenlauf verwandelt…

Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses, Chronik eines Gefühls von 1929 -1939“

Buchrezension "Liebe in Zeiten des Hasses" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Wer Liebesgeschichten erwartet, ist mit Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“ im falschen Roman. Extrem nüchtern blitzt Liebe auf und erlöscht. Als kaleidoskopischen Querschnitt konzipiert Florian Illies seine Bücher. In seinem neuem Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ lässt er die literarische, künstlerische, schauspielerische, mitunter politische Haute Voleé wie auf einem Laufsteg auf und ab spazieren, zuerst „Davor“, dann „1933“ direkt im Jahr von Hitlers Machtergreifung und „Danach“. Zehn Jahre von 1929 bis 1939 präsentiert Florian Illies Liebesbeziehungen von fast 300 prominenten Persönlichkeiten, ein Querschnitt der Gefühle, der nicht immer nur die Liebe spiegelt, denn während der Weltwirtschaftskrise, des Aufstiegs der Nationalsozialisten und ihrer Machtübernahme spitzte der Hass die Liebe zu. Die Menschen wurden liebesbedürftiger. Manche erkannten plötzlich ihre wahre Liebe, andere Lieben zerbrachen in diesen  Zeiten des Hasses…

„Franz Kafka Die Zeichnungen“ herausgegeben von Andreas Kilcher

Buchrezension "Franz Kafka. Die Zeichnungen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Nur 41 Zeichnungen Franz Kafkas haben den Weg in die Öffentlichkeit gefunden, vor allem über seine Buch-Cover in den 1950er Jahren. Das Gros der Zeichnungen wurde bis 2019 unter Verschluss gehalten, ihre Veröffentlichung per Gericht erklagt. Als expressionistischer, von Angst gebeutelter Dichter ist Franz Kafka berühmt geworden. Dabei hatte er während seines Jurastudiums parallel zum Schreiben auch Kunst studiert, viel gezeichnet und über seinen Freund Max Brod den Kontakt zu Künstlerkreisen gesucht.
Dass Kafka als Dichter seinen Weg machte, lag am Umgang mit seinem Nachlass. Max Brod vernichtete ihn nicht, wie es Kafkas Wunsch war, sondern rettete seine Texte und auch die Zeichnungen, die er zu Kafkas Lebzeiten bereits fleißig vor dem Zugriff der Nazis gesammelt hat. Erst 2019 konnte die Veröffentlichung der Zeichnungen durch richterlichen Beschluss erwirkt werden. Andreas Kilcher präsentiert mit einer im doppelten Sinne gewichtigen Gesamtausgabe „Franz Kafka Die Zeichnungen“ den Dichter als Zeichner…

Eric-Emmanuel Schmitt „Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin“

Buchkritik Eric-Emmanuel Schmitt „Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin“ präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Und wieder überrascht Eric-Emmanuel Schmitt mit seinem neuen Buch mit einem ungewöhnlichen Titel.  Durch seinen Roman „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ wurde er weltberühmt. Mit einer kleinen alltäglichen Geschichte, die letztendlich alles andere als gewöhnlich ist, verzaubert er jetzt durch die seltsame „Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin“ seine Leser. Der Ich-Erzähler, wie sich am Schluss herausstellt, mit deutlich autobiografischen Zügen, ist als Kind fasziniert, wenn seine Tante Aimee dem alten Flügel Chopin entlockt. Ein prägendes Erlebnis…

Richard Powers „Erstaunen“

Buchkritk Richard Powers "Erstaunen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Robin, ein 9-jähriger hochbegabter Junge mit Asperger-Zügen kommt über den tödlichen Unfall seiner Mutter nicht hinweg. Zwischen Apathie und Aggression wird er zum Außenseiter. Sein Vater, ein Wissenschaftler will ihn schützen, wehrt sich gegen die Schulleiterin seinen Sohn mit Psychopharmaka einzustellen. Als der Sohn wegen einer verbalen Provokation einem Schulkameraden durch einen aggressiven Schlag das Nasenbein bricht, eskaliert die Situation…

Catarina Mora „Herzklopfen – Hommage an einen leidenschaftlichen Tanz – Das Stuttgarter Flamenco Festival“ 

Catatrina Mora "Herzklopfen" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Catarina Mora „Herzklopfen – Hommage an einen leidenschaftlichen Tanz – Das Stuttgarter Flamenco Festival“ 
Herzklopfen hatte Catarina Mora oft, in den letzten 10 Jahren, in denen sie das Stuttgarter Flamenco-Festival aufbaute. Eine Hommage auf ihre Arbeit ist das großformatig broschierte Buch „Herzklopfen“, das Lust auf Flamenco macht. Die Fotos sind großartig, die Texte informativ, eine Hommage an den Tanz und die 10-jährige Geschichte des Stuttgarter Flamenco Festivals. Darüber hinaus erfährt man wie „Carmen“, alias Catarina Mora, nach Stuttgart kam und „Don Juan“ in seiner Rolle blieb. Allein schon die Kapitelüberschriften machen neugierig…