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„Ingeborg Bachmann, Jemand, der ich einmal war“ – Filmkritik zu Regina Schillings Doku-Porträt 

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„Ingeborg Bachmann, Jemand, der ich einmal war“ – Filmkritik zu Regina Schillings Doku-Porträt 

Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann © Elliott Kreyenberg

Regina Schilling porträtiert Ingeborg Bachmann zwischen literarischem Erfolg, Beziehungskrisen und Krankheit als starke Frau – Kritik zum Dokumentarfilm mit Sandra Hüller 

Sandra Hüller spielt nicht Ingeborg Bachmann. Hüller performt sie, wie sie einmal war und wie sie sich verändert. Regina Schilling gelingt nach „Igor Levit“ wieder ein faszinierendes Doku-Porträt, das auf das Wesentliche zielt.

Handlung – eine Neubewertung von Ingeborg Bachmann

Sandra Hüller, in diesem Film blond, attraktiver Frauentyp von heute, probiert verschiedene Brillen auf, während ihre smarte Stimme aus dem Off die Gedanken Ingeborg Bachmanns über das „kleine Land“ Österreich räsoniert, „in dem nichts mehr geschieht. Was hat hier ein Schriftsteller hier noch zu sagen? Wo sind die, über die ich schreiben könnte? Meine Herkunft, Zeit der Kindheit und Jugend, Jahre in Wien Studium, ist das einzige Kapital, was ich habe“.

Ingeborg Bachmann konnte, wie der Film zeigt, etwas daraus machen, aber es war ein beschwerlicher Weg, sich in der männerdominierten Literaturszene durchzusetzen. Zum 100. Geburtstag der Dichterin kommt am 25. Juni „Ingeborg Bachmann, Jemand, der ich einmal war“ offiziell in die deutschen Kinos, in manchen ist er bereits zu sehen. Durch die Premiere als Eröffnungsfilm beim DOK.fest 2026 unter der Rubrik „Starke Frauen“ gelingt ein neuer Blick auf Ingeborg Bachmann. 

Ingeborg Bachmann – biografische Fakten

Als Kind war Ingeborg Bachmann schon sehr klug mit einem „Gehirn, in dem alles Platz hat“, aber sie war auch ängstlich, kränklich, umsorgt. Nach dem Krieg hatte sie keine Ängste mehr. Sie wollte schreiben und das Schreiben wurde ihre Leidenschaft, auch wenn es schwer fiel. Genau so schwierig war es für sie Beziehungen einzugehen, v. a. sie aufrecht zu erhalten. Sie begann sich mit Nikotin, Alkohol Tabletten zu betäuben. Eine Unterleibsoperation schwächte sie physisch und psychisch. Die Ängste kamen wieder. „Die Angst sitzt im Kopf, sie ist die Krankheit selbst.“ Der Tod war schrecklich. Ingeborg Bachmann verbrannte im Bett durch eine glimmende Zigarette. 

Dokumentarisches Doppelporträt

Der Reiz dieses dokumentarischen Porträts liegt in der klaren Trennung der beiden Erzählebenen: zum einen der Werdegang Ingeborg Bachmanns und den damit einhergehenden psychischen Veränderungen, zum anderen die Auseinandersetzung Sandra Hüllers als junge Frau mit Ingeborg Bachmanns Lebenswelten. 

Ingeborg Bachmann mit Sandra Hüllers Stimme 

Während Sandra Hüller die innersten Gedanken Ingeborg Bachmanns beim Schreiben, Vorlesen markanter Textstellen, Kommentieren des eigenen Verhaltens enthüllt, spielt Regisseurin Regina Schilling dokumentarische Filmaufnahmen ein. Ingeborg Bachmann, ganz konzentriert an der Schreibmaschine in Schwarz-Weiß-Optik, wird zum Leitmotiv. 

Trotz männlicher Kritik wagt sie den Lebensweg als Schriftstellerin. Hermann Hakel, Herausgeber und Lyriker, beschreibt sie abfällig „getrieben von einem herrschsüchtigen Ehrgeiz“. Doch sie überzeugt thematisch und sprachlich, was sie aus der weiblichen Perspektive klingt weder peinlich noch exhibitionistisch, sondern gibt den Frauen eine Stimme. Der Erfolg stellt sich schnell ein: der Preis der Gruppe 47, die Auszeichnung durch den Hörspielpreis der Kriegsblinden, der Durchbruch trotz warnender Stimmen als Romanschreiberin. In der männerdominierten Literaturszene avanciert sie zur begehrten Frau.

Das Porträt auf dem Cover des „Spiegel“ ist eine Sensation, umrahmt von Fotografien einer strahlenden Ingeborg Bachmann, untermalt mit Arienmusik. Sandra Hüller tanzt als assoziierbare „Malina“ zu „Exsultate, jubilate“.

Ingeborg Bachmann und die Männer 

Ingeborg Bachmann liebte männliche Gesellschaft, fühlte sich intellektuell und emotional Männern näher als Frauen. „Ich denke und lache wie sie.“ Mit Komponist Hans Werner Henze verbrachte sie die schönste Zeit ihres Lebens. Er vertonte ihre Gedichte. Sie schrieb für ihn Libretti „Unser Alltag war ein Fest.“ Doch seine Homosexualität führte zu Problemen. „Jeder Bauernjunge ist attraktiver für ihn als ich. Nach der Trennung zieht Apathie in ihren Kopf ein. Bei Max Frisch, im Gegensatz zu Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmanns Reise in die Wüste“ https://schabel-kultur-blog.de/kino/magarethe-von-trottas-ingeborg-bachmann-reise-in-die-wueste-klug-konzipiert-exzellent-gespielt/ nur kurz erwähnt, fühlt sich sich aufgehoben. Als er geht, verliert sich nicht nur ihn, sondern die Welt. Sie will nie mehr mit einem Mann zusammenleben. 

Umso wichtiger wird das Schreiben, auch wenn es auch noch so schwer fällt, zum Martyrium wird. „Ich existiere nur, wenn ich schreibe… Ich bin mir fremd, völlig aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“ 

Sandra Hüller – Ingeborg Bachmanns Alter Ego

Inspiriert von den Texten und Dokumentaraufnahmen performt Sandra Hüller die Dichterin. Sie lebt nicht in einer wienerisch eingerichteten Wohnung in Rom, sondern in einer hellen Wohnung mit weißen Bücherregalen, probiert die unterschiedlichsten Outfits, verschiedene Make-ups aus, immer die Zigarette in der Hand, einen Drink in der Nähe, als ironische Spiegelung weiblichen Narzissmus. Wie „Undine geht“, fährt Hüller aus Rom hinaus und meditiert in einer Nekropolis. Euphorisch rennt und tanzt sie an der Promenade entlang, sinniert melancholisch am Fluss sitzend, steht mit falschen Wimpern lächelnd stumm da, torkelt betrunken in der Wohnung herum und endet mit strähnigen Haaren, versoffenem Gesicht und sichtbar gealtert vor ihrem Spiegelbild.

Fazit der Kritik

Regina Schillings Film eröffnet nicht nur einen neuen Blick auf Ingeborg Bachmanns menschliche Problematik, sondern zeigt sie als starke Frau, deren literarisches Schaffen, das unter der Prämisse steht: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. 

Als Alter Ego von Ingeborg Bachmann spannt sie den Bogen von der tiefgründigen Schriftstellerin zu der Veräußerlichung eines ganz speziellen heutigen Frauentyps. 

Nach diesem Film bekommt man Lust, ihre Gedichte und Romane wieder zu lesen oder wie „Malina“ https://schabel-kultur-blog.de/theater/berlin-malina-ingeborg-bachmanns-roman-in-der-buehnenfassung-von-regisseurin-fritzi-wartenberg-im-berliner-ensemble-als-spannendes-psychogramm/ im Theater zu sehen. 

Filminfos

Künstlerisches Team:Drehbuch, Regie:Regina Schilling

Kamera:Johann Feindt

Schnitt:Carina Mergens
Mit:
Sandra Hüller
Dauer:1 Std. 44 Min.
Genre:Dokumentarfilm
Premiere:Eröffnungsfilm beim DOK.fest 2026
Filmstart:26.06.2026
Filmverleih: Weltkino Filmverleih
Bewertung⭐⭐⭐⭐⭐