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„Vatermal“ am Maxim Gorki Theater Berlin – Kritik zur Bühnenfassung von Necati Öziris postmigrantischen Roman

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„Vatermal“ am Maxim Gorki Theater Berlin – Kritik zur Bühnenfassung von Necati Öziris postmigrantischen Roman

„Vatermal“ © Maxim Gorki Theater, Foto: Ute Langkafel

Mit „Vatermal“ bringt Hakan Savaş Mican Necati Özıris gefeierten Roman am Maxim Gorki Theater Berlin als postmigrantische Familiengeschichte im Showformat auf die Bühne.

Worum geht es in„Vatermal“?

Der Titel „Vatermal“ lässt den biblischen Ausdruck „Kainsmal“ assoziieren. Als Kain seinen Bruder Abel aus Eifersucht tötete, bestrafte ihn Gott mit einem Zeichen im Gesicht. Seitdem verweist das „Kainsmal“ auf eine Schuld, die schwer loszuwerden ist. Was ist Ardas Mal? Er kennt seinen Vater nicht. Seine türkische Abstammung ist das Mal, das seine Kindheit so beschwerte.

Ardas Mutter Ümran lernte ihren Mann beim Tanzen kennen. Als das erste Kind unterwegs ist, ein Mädchen, heiraten sie. Als Mutter muss Ümran ihren Ausbildungsplatz aufgeben. Die Ehe mit einem zweiten Kind, einem Sohn, zu kitten, misslingt. Der Vater verlässt die Familie und Ümran muss ums Überleben kämpfen. Sie gibt das Mädchen zu Pflegefamilien, was ihr die Tochter nie verzeiht. Der Sohn träumt von einer Künstlerkarriere, doch eine Krankheit grätscht dazwischen.

Wie inszeniert Hakan Savaş Mican den Roman?

Ein Schwarz-Weiß-Video bildet den Vorspann zur Bühnenversion. Arda mit türkischen Wurzeln scheint es geschafft zu haben. Er studiert Literaturgeschichte, hebt sich durch seine elegante Kleidung von seinem studentischen Umfeld ab. Plötzlich verlässt er die Mensa, erbricht, fühlt sich krank. Im Krankenhaus wird er mit der Diagnose konfrontiert: autoimmune Hepatitis. Schnitt. Die Bühne verwandelt sich in eine Showbühne in erotischer Rot-Schwarz-Optik, eingerahmt von oszillierenden Dekoren, durch Lichtachsen räumlich geweitet, atmosphärisch gekonnt untermalt mit bekannten Songs aus den 1960er Jahren, Cello und Perkussion. Es wird live geprobt. Arda versagt die Stimme. Er krümmt sich vor Schmerzen. Ist das das Aus seiner gerade beginnenden Karriere? Schnitt. Er erinnert sich.

Inszenierung von Hakan Savaş Mican

In dieser Schocksituation sucht Arda nach seinen Wurzeln. Seine Schwester und seine Mutter setzen ihre Perspektiven dagegen. Die drei ineinander verwobenen Biografien verdichten sich über zwei Generationen hinweg zu einem Fallbeispiel, in dem sich das leidvolle Schicksal postmigrantischer Nachkommen spiegelt. Doch durch das Showambiente, die smarten Kostüme, die Frauen ganz in Rot, Arda im Smoking und Fliege rückt die Inszenierung weg von der Realität ins Reich der Träume, die allesamt, das wiederum sehr stringent, zerplatzen. Diese showästhetische Brechung untermalt mit subtilen Klangspielen, ornamentalen Bühnenumrahmungen und Lichtkegeln wirkt bis auf einige belastende Erinnerungsmomente unterhaltsam und verweilt zunächst sehr auf der Erzählebene. 

Sesede Terziyan als facettenreiche Mutter

Nur wenige dramatisierte Szenen haken sich durch das expressive Spiel, ins Gedächtnis ein. Sesede Terziyan gelingt ein außerordentlich facettenreiches Porträt dieser Mutter, deren Alkoholismus durch den biografischen Hintergrund verständlich wird, die aber trotz ihrer eigenen psychischen Schieflage immer zu ihren Kindern gestanden hat. Sie ist nicht die Rabenmutter und Schnapstante, wie sie von der Tochter (Flavia Lefèvre) gezeichnet wird, sondern eine verzweifelte Frau. Ihr ganzes Leben hat sie damit verbracht, auf etwas zu warten. Jeder Behördengang, eine der besten Szenen, war eine einzige Schikane. Aber Ümran kämpft für ihre Kinder und sie weiß: „Ein akzentfreies Deutsch zahlt sich aus.“ Ihre Kinder sind integriert. 

Doch die Tochter, Flavia Lefèvre, zeichnet sie als sehr stur, bleibt unversöhnlich. Sie kommt kurz zurück, um ihren Bruder zu sehen, aber sie geht, sobald die Mutter erscheint. Doğa Gürer als Sohn hört in erster Linie zu, moderiert und bleibt gefasst, als er erfährt, dass der Vater noch lebt. Ein türkisches Gefängnis war ihm lieber als das Leben im deutschen Exil. Der Sohn verzeiht dem Vater, dass er ohne Vater aufwachsen musste, womit sich das postmigrantische Stück in eine allgemein menschliche Geschichte weitet, aber durch die Show-Einbettung gleichsam parodiert wird. 

Resümee zu Hakan Savaş Micans „Vatermal“.

Die Konzeption ist durchaus raffiniert, aber emotional und atmosphärisch derart überzeichnet, dass die Inszenierung umrahmt von Musikshow-Elementen partiell wie eine Seifenoper wirkt. 

Romanvorlage„Vatermal“Necati Öziri 
Künstlerisches Team:Regie:Hakan Savaş Mican

Bühne:Alissa Kolbusch

Kostüme:Sylvia Rieger

Video:Sebastian Lempe

Musik:Nils Ostendorf

Livemusik:Kristina Koropecki, Mascha Juno

Theaterfassung, Dramaturgie:Anahit Bagradjans, Holger Kuhla
Mit:SohnDoğa Gürer

SchwesterFlavia Lefèvre

MutterSesede Terziyan
Dauer:2 Stundenohne Pause
Premiere:21.12.2024
Bewertung:⭐⭐⭐☆☆