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Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ beim Berliner Theatertreffen – Theaterkritik zur Stuttgarter Inszenierung von Lucia Bihler

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Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ beim Berliner Theatertreffen – Theaterkritik zur Stuttgarter Inszenierung von Lucia Bihler

„Die Welt im Rücken“ beim Berliner Theatertreffen © Schauspiel Stuttgart, Foto: Julian Baumann

Lucia Bihlers Inszenierung von Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ begeistert beim Berliner Theatertreffen 2026. Die Theaterkritik zur gefeierten Aufführung des Schauspiel Stuttgart zeigt, warum die Produktion zu den Höhepunkten des Festivals zählt.

Ein fulminanter rosa Vorhang? Die ungewöhnliche Optik irritiert. Entführt die Regisseurin in ein Märchenland? Ganz im Gegenteil!

Bühne: Der Vorhang als Mitspieler

Das rosa wattierte Bühnenbild entpuppt sich als Innenansicht von Thomas Melles bipolarer Erkrankung. Im Spannungsfeld zwischen manisch-depressiven Zuständen, fremdgesteuert durch ein Arsenal von Tabletten, erlebt Thomas Melle und mit ihm das Publikum einen grotesken Alptraum. Der Vorhang wird zum Mit-Akteur, zur Metapher einer Krankheit, der man sich nicht entziehen kann, zum Deus ex Machina, der diesen Thomas Melle jeglicher Freiheit beraubt und ihn zum clownesken Tabletten-Candy-Monster degradiert, das gegen die Windmühlen seiner unaufhaltsamen Krankheit kämpft. 

Was ist eine bipolare Störung?

Vorlage für die Inszenierung ist Thomas Melles’ dritter Roman „Die Welt im Rücken“ (2016), der autobiografisch um seine bipolare Störung kreist, die mit extremen Stimmungsschwankungen verbunden ist. Manischen Phasen mit starken Emotionen und vielen Gedanken, überdrehtem Optimismus und übersteigertem Selbstwertgefühl wechseln mit depressiven Verstimmungen, geprägt von Konzentrationsschwierigkeiten, Verzweiflung und Suizidgedanken.

Lucia Bihlers Konzept: Der Vorhang als Metapher für eine bipolare Störung

Lucia Bihler wählte ganz bewusst dieses Thema, das ihr sehr am Herzen liegt, um die Stigmatisierung durch eine psychische Krankheit und den gesellschaftlichen Umgang damit sichtbar zu machen. Wie sie das auf der Bühne in Zusammenarbeit Paula Wellmann (Bühne), Victoria Behr (Kostüme), Björn Leese (Choreografie), Sixtus Preis (Musik) und dem Ensemble umsetzt, ist beeindruckend und bewegend. So sehr Paulina Alpen als Thomas Melles gegen die Krankheit ankämpft, der Vorhang verschluckt sie regelrecht, zieht sie weg von den Menschen, hinein in den Strudel der Krankheit. 

„Die Krankheit hat ihm die Heimat genommen und ist ihm Heimat geworden“. Positioniert auf einer rosa Couch wird Thomas Melle zum Gefangenen seiner Krankheit. Sechsfach multipliziert entwickelt sich ein bewegendes Kräftespiel, eine Tour de France durch den Körper, den der Vorhang durch hautfarbenes Rosa assoziieren lässt.

Thomas Melles mit sechs Doppelgänger:innen

Der Text auf das Wesentliche reduziert, schiebt sich der Vorhang als Körper in den Mittelpunkt. Windbewegt scheint er zu atmen. Er türmt sich auf, formt sich zum Zylinder, fällt zusammen. Paulina Alpen und ihre sechs Doppelgänger:innen, in roten aufgeblasenen Kostümen wie animierte Tabletten, umkreisen das rosa Zentrum, rennen und kämpfen mit und gegeneinander, stolpern, fallen, stehen wieder auf. Das physische und psychische Chaos im Körper wird so erlebbar. Welche Qual muss es sein, das auszuhalten. 

Die Doppelgänger fungieren als unterstützender Chor, sorgen für Beruhigung, indem sie die Kritiken über Thomas Melles’ Roman vorlesen und entwickeln tänzerisch eine mitreißende Schwarmdynamik. Der Euphorie folgen die nächsten Angstattacken, mit noch mehr Pillen optisch und akustisch scheppernd bekämpft, verursachen sie neben den manisch-depressiven Phasen einen dritten, künstlich gedämpften Zustand. 

Langsam baut sich der zusammengefallene Vorhang wie ein Zirkuszelt wieder auf. An der Spitze schwebend: Paulina Alpen. Endlich frei? Mitnichten, ihre eigenen Doppelgänger holen sie wieder in die Niederungen der Krankheit. Ein grandioser Moment! So plastisch, sinnlich und berührend war Krankheit bislang kaum auf der Bühne zu erleben.

Paulina Alpen als Thomas Melles

So schrill wie die Inszenierung visualisiert ist, so empathisch und subtil ist sie im Detail. Das liegt in erster Linie an der Darstellungskunst von Paulina Alpen, die für diese Rolle mit dem diesjährigen Alfred-Kerr-Preis beim Berliner Theatertreffen ausgezeichnet wurde. Sie spielt nicht, sie lebt diese Rolle, stülpt die manisch-depressiven Phasen, die innere Überreizung nach außen. Was der Sound wuchtig hörbar macht, visualisiert Paulina Alpen durch ungewöhnliches Tempo, aber auch durch Retardierung, vor allem durch ihre Blicke, die trotz clownesker Schminke, grenzenlose Traurigkeit, aber auch eruptive Freude aufleuchten lassen. Über Paulina Alpen erlebt das Publikum sehr authentisch die ganze Gefühlsintensität, die ein Mensch mit bipolarer Störung mit „Der Welt im Rücken“ aushalten muss. 

Resümee: Lucia Bihlers Inszenierung von Thomas Melles’ Roman „Die Welt im Rücken“ 

Lucia Bihlers Inszenierung am Schauspiel Stuttgart ist thematisch, konzeptionell und schauspielerisch von ungewöhnlicher Qualität. Kunst tritt hier auf Lebensalltag. Sie bewirkt einen Bewusstseinsprozess, der Verständnis, auch Verhaltensänderungen gegenüber Menschen mit bipolaren Störungen bewirken kann. Nicht unbedingt jedermanns Geschmack, aber in unserer egozentrischen Zeit sehr wichtig.

Infos zur Stuttgarter Inszenierung von Lucia Bihlers „Die Welt im Rücken“

Literarische Vorlage:„Die Welt im Rücken“Roman von Thomas Melles
Künstlerisches Team:Textfassung, Regie:Lucia Bihler

Bühne: Paula Wellmann

Kostüme:Victoria Behr

Musik:Sixtus Preiss

Choreografie:Björn Leese

Outside Eye:Mats Stühoff

LichtFelix Dreyer

DramaturgieGwendolyne Melchinger
Besetzung.Paulina AlpenThomas Melle

Tim Bülow, Pauline Großmann, Felix Jordan, Mina Pecik, Karl Leven Schroeder, Silvia SchwingerDoppelgänger
Dauer:1 Std. 45 Minutenohne Pause
Premiere:27.09.2025
gesehenTheatertreffen Berlin 2026
Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐