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„Unser Deutschlandmärchen“ am Maxim Gorki Theater Berlin – Kritik zur Inszenierung von Hakan Savaş Mican

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„Unser Deutschlandmärchen“ am Maxim Gorki Theater Berlin – Kritik zur Inszenierung von Hakan Savaş Mican

Sesede Terziyan in „Unser Deutschlandmärchen“, Maxim Gorki Theater Berlin © Maxim Gorki Theater Berlin, Foto: Ute Langkafel

Theaterkritik zu ‚Unser Deutschlandmärchen‘ am Maxim Gorki Theater Berlin: Hakan Savaş Mican adaptiert Dinçer Güçyeters preisgekrönten Migrationsroman als emotionale Fusion von und Musikshow

Im Dinçer Güçyeters Roman glückt das Deutschlandmärchen. In Hakan Savaş Micans Bühnenversion zerplatzt der Traum, das Migrationsmilieu zu verlassen, wie eine Seifenblase.

Dinçer Güçyeters autofiktionalen Roman

Die Handlung steht generationenübergreifend für viele türkische Migranten:nnen, die mit hohen Erwartungen nach Deutschland kamen und enttäuscht wurden. Mit 17 Jahren übersiedelt Dinçers Mutter Fatma, mit ihrem Mann von Anatolien ins niederrheinische Nettetal, um ihre Mutter und die zwei behinderten Brüder zu unterstützen. Als Fatma endlich einen Sohn bekommt, wird er ihre Stütze. In schwieriger finanzieller Lage erkennt ein Richter vom Amtsgericht Dinçers literarische Begabung und fördert ihn. 

Mit seinem autofiktionalen Debütroman, 2022 erschienen, ein Jahr später mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, erlebte Dinçer Güçyeter sein persönliches „Deutschlandmärchen“.

Handlung von Hakan Savaş Micans Bühnenversion

Den großen Familienroman, der bis zu den griechischen Wurzeln von Fatmas Großeltern zurückführt, verdichtet Hakan Savaş Mican auf die Mutter-Sohn-Beziehung. Wie im Roman entwickelt er aus dem Kaleidoskop unterschiedlicher Perspektiven, monologisierender Stimmen, kurzen Dialogen, Gebeten und Liedern ein hochemotionales Spiel, das die Problematiken der ersten und zweiten Einwanderungsgeneration sehr atmosphärisch vermittelt.

Inszenierung am Maxim Gorki Theater

Schon in der ersten Szene enthüllt Regisseur Hakan Savaş Mican das Kernproblem dieser exemplarischen Migrationsgeschichte. Am weißen Sarg der Mutter klagt Sohn Dinçer im schwarzen Abendkleid, warum sie ihm immer nur in der Rolle der funktionierende Ehefrau und Mutter begegnet war, sie ihm nie ihre Tränen erklärte und sie niemals ihre Sehnsüchte realisierte. Von zarter Musik untermalt, schiebt der schwarze Untergrund nach oben. Der Sarg verschwindet in Wolkengebirgen als eleganter Übergang in die Vergangenheit, in der das Schicksal der beiden über Spiel und Musik einen mitreißenden Spannungsbogen aufbaut – nur möglich durch die großartige Besetzung.

Sesede Terziyan als funktionierende Mutter

Mit Sesede Terziyan und Taner Şahintürk in den Hauptrollen gewinnt die Inszenierung eine überaus authentische und empathische Aura. Sie sprechen spielen nicht nur außergewöhnlich facettenreich und temperamentvoll, sie singen auch höchst bewegend. Trotz des bedrückenden Schicksals der Mutter lässt Sesede Terziyan die reine Seele und weibliche Erotik dieser jungen Frau aufleuchten. Die Szene, in der sie unter Glockengeläut die heilige Maria um ein Kind bittet, und sich mit einem lapidaren „Allah verzeih mir“ entschuldigt, ist eine der originellsten Szenen dieser tiefgründigen Inszenierung. Und immer wenn Sesede Terziyan zum Mikrofon greift, entführt sie das Publikum durch herzbewegende traditionelle Liebeslieder in die harmonischen Welten ihrer Kultur. 

Taner Şahintürk als rebellischer Sohn

Taner Şahintürk spielt den 7-jährigen Jungen, der von seinem ersten Lohn seiner Mutter pinkfarbene Stöckelschuhe kauft, genauso überzeugend wie den rebellischen Jugendlichen und lustlosen Lehrling. Mit Sand von anderen Kindern beworfen, auf der Bühne effektvoll als Sandstrahl von oben inszeniert, rät ihm seine Mutter, sich zu wehren. Als er beim nächsten Mal mit Faustschlägen reagiert, wird sie in die Schule zitiert. Später bricht er die Lehre ab. Er will nicht ein Leben lang wie seinen Kollegen eingelegten Hering essen und Bier trinken. Die Mutter hat ihn „als Arbeiterkind in Deutschland“ erzogen. Aber er ist sehr sensibel, will schreiben, seine eigene Stimme finden. Als wegen eines Festessens ein Kalb getötet wird, akustisch ein Cello das Muhen der Mutterkuh hörbar macht, ist Dinçer schockiert. 

À la Grönemeyer röhrt Taner Şahintürk seine Frustrationen und Sehnsüchte ins Mikrofon. „Gib mir mein Herz zurück, bevor es bricht.“ Er verlässt die Mutter. „Ich will mehr.“ Er lebt sich in Köln aus und kommt doch nach Jahren ernüchtert zurück, um wenigstens seine Existenz durch einen Brotberuf zu sichern. „Man kann die Vergangenheit nicht auslöschen“, ist seine bittere Erkenntnis. Doch der Abend klingt, wenn auch melancholisch, harmonisch aus, weil Mutter und Sohn sich wiederfinden. „Wenn die Liebe nicht wäre, war wäre dann die Welt? Wer auf der Erde nicht liebt, ist nach dem Tode nichts.“ 

Musikensemble zwischen traditioneller türkischer Musik und Deutschrock 

Immer mehr löst sich das Spiel in eine musikalische Show auf, in der harmonische Melodien und perkussive Beats die Unterschiedlichkeit der beiden Generationen rhythmisch erlebbar machen. Gleichzeitig werden die Musiker:innen in kurzen Moderationsszenen als Familienmitglieder vorgestellt, wodurch sich, dramaturgisch sehr geschickt arrangiert, die Mutter-Sohn-Beziehung zum Dinçer Güçyeters Familienepos weitet.

Fazit zur Theaterkritik 

Hakan Savaş Micans Bühnenversion präsentiert mit Dinçer Güçyeters autofiktionalem Romandebüt eine gelungene Fusionierung von Theater und Musik, die neue atmosphärische Dimensionen eröffnet und mehr als jeder Text unter die Haut geht. Die Einladung zum Berliner Zehnertreffen 2025 ist nachvollziehbar. 

Mit ähnlicher Konzeption adaptierte er Necati Özıris postmigrantischen Roman „Vatermal“. Man darf gespannt, wie Hakan Savaş Mican seinen Regiestil weiterentwickelt. 

Infos zu „Unser Deutschlandmärchen“ 

Romanvorlage„Unser DeuschlandmärchenDinçer Güçyeter 
Künstlerisches TeamTextfassung, RegieHakan Savaş Mican

Bühne:Alissa Kolbusch

Kostüme:Sylvia Rieger

Livemusik:Claire Cross, Bekir Karaoglan, Peer Neumann, Cham Saldum, Ceren Bozkurt

Video:Sebastian Lempe

Komposition:Peer Neumann

Lichtdesign:Carsten Sander

Dramaturgie:Clara Probst, Holger Kuhla
Mit:Sohn Tanar Sahintürk

MutterSesede Terziyan
Premiere:06.04.2024
Auszeichnung:Einladung zum Berliner Theatertreffen2025
Dauer:2 Std. 10 Min. 
Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐