Isabel Mautes und Gerhard Wittmann in „Kalter weißer Mann“ © Komödie im Bayerischen Hof, Foto: Leonid Levi Zimmermann
In Dietmar Jacobs’ und Moritz Netenjakobs Erfolgskomödie „Kalter weißer Mann“ knallen traditionelle Rituale auf woke Genderkultur – Theaterkritik zur Inszenierung in der Komödie am Bayerischen Hof
In „Extrawurst“ ist es der Grill, in „Kalter weißer Mann“ der Text der Kranzschleife, um die ein lebhafter, überaus pointierter Streit um Genderkultur, Sexismus und Rassismus entbrennt. Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob beweisen ein zweites Mal ihr Talent gesellschaftspolitisch brisante Themen als pfiffigen Schlagabtausch eskalieren zu lassen.
Statt in stiller Trauer Abschied zu nehmen, eskaliert die Beerdigung des 94-jährigen Unterwäsche-Unternehmers Steinfels zum Schlagabtausch dreier Generationen. Anlass ist der Text auf der Kranzschleife. „In tiefer Trauer. Deine Mitarbeiter“ – das geht gar nicht, findet die Marketing-Leiterin Alina, unterstützt von dem Social-Media-Experten Kevin und der Praktikantin. Die Debatte um „Mitarbeiterinnen“ oder ein Gendersternchen explodiert.
„Kalter weißer Mann“ – Doppeldeutiger Titel
Schon der Titel ist doppelbödig. Der „kalte“ Unternehmer ist nicht nur tot, sondern war, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, ein unsympathischer, narzisstischer, emotional kalter Machtmensch, der seine Position ausnützte, seine Launen an den Mitarbeitern ausließ, seinem Stellvertreter Bohne 30 Jahre die Nachfolge versprach, um ihn dafür 30 Jahre lang drangsalierte und nacheinander seine drei jungen Sekretärinnen als Ehefrauen rekrutierte. Kein Wunder, dass die Beerdigung für Bohne ein Freudentag ist, den er präzise vorbereitet hat, wäre da nicht -Social Media-Kollegin Alina Bergreiter, die sich als Konkurrentin outet.
Dietmar Jacobs’ und Moritz Netenjakobs pointierter Schlagabtausch
Jeder Satz wird in Dietmar Jacobs’ und Moritz Netenjakobs pointierter Argumentation zur Handgranate, die Gegenfeuer auslöst, weil Bohne, als typisierter „alter weißer Mann“ einfach nicht einlenken kann. Der Streit eskaliert, als ein Foto der Schleife in kürzester Zeit eine Welle der Empörung auslöst. Alina bekommt Rückendeckung, von Kevin, dem Social-Media-Experten der Firma, der, wie sich später herausstellt, ihr Exfreund ist, und von der Praktikantin, die als Influencerin ihr Geld verdient. Selbst die lang gediente, brav-naive Sekretärin schwenkt auf die Genderseite um. Doch Bohne weiß sich zu wehren. Je mehr ihn Alina bloßstellt, desto stärker wird deutlich, dass sie selbst wie ein alter weißer Mann agiert. Die Allianzen verschieben sich. Plötzlich steht Alina alleine da, während die Kommentare im Netz explodieren.
„Alter weißer Mann“ und die Kirche
Der Pfarrer ist von diesem Durcheinander ganz perplex, fühlt sich wie ein Statist in der eigenen Kirche und hat die Nase voll von Gläubigen, die mit dem Neuen Testament nur noch ein neues Erbrecht assoziieren. „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Katherina Schmidts Inszenierung
Die Inszenierung Katherina Schmidts bleibt bewusst sehr konventionell im Rahmen einer traditionellen Beerdigungszeremonie. Die Bühne wird zur Kirche, die Kostüme sind dem Anlass entsprechend in Schwarz. Es gibt keine inszenatorische Überraschungsmomente, nur zu Beginn eine zweistufige Beleuchtung zur symbolischen Scharfstellung und kurz eingespielte Kirchenmusik, um die Diskrepanz zwischen Kirche und Beerdigung zu karikieren.
Katherina Schmidt vertraut dem Text. Allein das gestische Zeichen für „kurz“ wird zum Running Gag. Die manipulierende Kraft dieser pointierten Thesenkomödie mit ihren schrittweisen Koalitionsverschiebungen visualisiert sie geschickt durch Stellungswechsel links oder rechts vor der Grabschleife. Ein paar Überraschungsgags und ein präziseres Timing mit rhythmisierenden Pausen hätten der Inszenierung noch mehr Wirkung verliehen.
Gerhard Wittmann in der Titelrolle
Gerhard Wittmann macht Herrn Bohnes Achterbahn der Gefühle optisch und stimmlich erlebbar. Egal, was er sagt, und wenn er nur bemerkt, „es geht zu wie bei den Hottentotten“, wird ihm daraus rassistisches Verhalten unterstellt und die Beerdigung immer mehr zu seinem Tribunal. Doch er behält immer wieder die Contenance und schlägt auf Alinas Attacken spitzfindig zurück. Es ist ein amüsantes Ping-Pong auf gleicher Augenhöhe wie in „Extrawurst“. Jede Seite hat auf ihre Weise Recht. Jede Figur nervt und offenbart zugleich, wenn auch oft nur für einen Moment, sympathische Züge.
Kim Borrmanns Mimik und Blicke suggerieren, dass Alina ganz gezielt von Anfang an die Führung im Unternehmen anvisiert und sie Männer nur als Steigbügelhilfe benutzt, was selbst Kevin (Benedikt Paulun) allmählich dämmert. Wer steckt überhaupt hinter dem Account Butterblume 23, der den diskriminierenden Text auf der Trauerschleife gepostet hat?
Isabel Mautes als Sekretärin
Isabel Mautes brilliert als Sekretärin. Ein Leben lang gehorsam, trauert sie rollengemäß hysterisch um den Chef. Sie nervt durch dummes Dazwischenreden, noch mehr als sie beginnt, traditionelle Sprachkonventionen naiv zu überdenken und die neuen woken Anglizismen zu hinterfragen. Doch sie öffnet sich dem Neuen, nicht zuletzt, weil ihr Alina und die Praktikantin, von Anna Drózd sehr straight gespielt, zum Gaudium des Publikums alles so genau erklären. Sie ist die eigentliche Gewinnerin dieser Beerdigungszeremonie, weil sie sich weiterentwickelt. Federn lassen die anderen.
„Kalter weißer Mann“ – Die Lösung des Problems
Überraschend ist die Position der jüngsten Generation. Die Praktikantin bzw. Influencerin plädiert für Höflichkeit, gegenseitigen Respekt, dafür, sich mit mehr Menschlichkeit zu begegnen und Neues auszuprobieren, worauf die Sekretärin endlich singen darf: „All You Need is Love“ und das Publikum klatscht fröhlich mit.
Fazit der Kritik
Obwohl die Thematik rund um die woke Genderkultur inklusive der Abwertung des alten weißen Mannes inzwischen derart überstrapaziert ist, dass sie nur noch nervt, gelingt durch die rhetorisch pointierte Dynamik der Dialoge ein unterhaltsamer Abend, der nicht schwarz-weiß zeichnet, sondern auf Augenhöhe gegenseitig ironisiert und damit Horizonte auf beiden Seiten eröffnet. Das passt bestens zum Profil der Komödie im Bayerischen Hof.
Infos zur Inszenierung „Kalter weißer Mann“ in München
Regie: | Katherina Schmidt
Mit: | Gerhard Wittmann (Horst Bohne)
| Isabel Mautes (Sekretärin)
| Kim Borrmann (Alina Bergreiter)
| Benedikt Paulun (Kevin Packert,
Social-Media-Experte)
| Anna Drózd (Praktikantin, Influencerin)
| Ralf Komorr (Pfarrer)
Dauer: | 2 Std. inkl. Pause
Uraufführung: | 26.04.2026 im Renaissance-Theater Berlin
Premiere München: | 04.06.2026
zu sehen bis: | 12.07.2026
Bewertung: | ⭐⭐⭐☆ ☆ mit mehr Regie noch flotter














