„Der Geizige“ mit Lars Eidinger © Schaubühne Berlin, Foto: Gianmarco Bresadola
Theaterkritik zu Thomas Ostermeiers neuer Molière-Inszenierung „Der Geizige“ an der Schaubühne Berlin mit Lars Eidinger als Harpagon
Molières „Der Geizige“ inszeniert Thomas Ostermeier an der Schaubühne Berlin als schrille Slapstick-Performance. Lars Eidinger entdeckt als Harpagon über die Groteske hinaus neue Facetten. Das Publikum amüsiert sich.
Thematik und Figurenkonstellation übernimmt Thomas Ostermeier von Molières Komödie. Der Geizige will Sohn und Tochter gegen ihren Willen finanzkräftig verheiraten und selbst Marianne, die große Liebe des Sohnes, ehelichen. Text, Bühne und Spiel verwandelt Thomas Ostermeier zusammen mit Maya Zade in eine skurrile Farce, in der das Ensemble, rhythmisch getaktet, eine Slapstickeinlage nach der anderen zündet, allen voran Lars Eidinger als Harpagon in der Hauptrolle.
Molières „Der Geizige“ im Autohaus
Gespielt wird nicht in Paris, sondern in einem nüchternen Autohaus. Eine verhüllte Limousine, die Büros im ersten Stock, eine elegante Wendeltreppe lassen gute, Geschäfte im Verborgenen ahnen. Mit Glatzentoupet, Schnauzbart und Speckbauch, mit roter Trump-Krawatte, etwas trottelig, mehr wie ein Hausmeister als ein Unternehmenschef, sorgt Lars Eidinger sofort für Gelächter. Es dauert an bis zum Finale.
Thomas Ostermeier Molière-Inszenierung als Slapstick-Komödie
Man spürt die ungebremste Spiellust des Ensembles, das in bester Komödienart, flott getaktet, agiert, Dinner-For-One-mäßig stolpert, lauthals kommuniziert und sich um Stargast Lars Eidinger dekorativ gruppiert. Vater und Sohn liefern sich Gefechte. Hechtet der Alte über die Schnauze der Limousine, kann das der Junge noch besser. Immer öfter quietscht der Autoalarm, provozieren orgiastische Hüftbewegungen Gelächter auf simplem Niveau.
„Der Geizige“: Gesellschaftssatire
Eine reine Kalauer-Inszenierung ist diese Schaubühne-Molière-Version dennoch nicht. Die Neufassung besticht durch spitzfindige Pointen und Anspielungen auf die fragwürdigen Lebensziele unserer Zeit. „Geld, Geld, Geld“ heißt die Devise, wobei die Geldgier ein betrügerisches Kreditwesen und eine Verarmung der Arbeitnehmer und des Lebensstils provoziert. Aus einem roten Papiertütchen futtert Harpagon seine Chips. McDonald’s-Fastfood lässt grüßen. Die Modebesessenheit der Kinder parodiert einmal mehr Sein und Schein inklusive Heiratsvermittlerin und Coaching-Satire. Finanzielle Ausbeutung, wohin man auch blickt, kombiniert mit Unzufriedenheit, Konkurrenzdenken und der Sehnsucht nach Anerkennung werden zum Zerrspiegel unseres Alltags, vortrefflich formuliert als ironisches Bonmot: „Ich bin dumm, aber nicht hübsch.“
Lars Eidinger als Harpagon
Letztendlich ist es aber Lars Eidinger, der neugierig auf die Inszenierung macht. Unter Ostermeiers Regie darf er sich wie immer schauspielerisch verausgaben. Er spielt, singt, tanzt, hält die Balance trotz artistischer Verdrehungen, überrascht durch scheinbar spontanes Agieren und durchbricht dabei auch den klischeehaften Blick auf den Geizigen. Wenn er plötzlich das Treppengeländer hinunterrutscht, leuchtet der Schalk eines Kindes auf. Denkt Harpagon über sein Alter nach, gewinnt dieser Ichling, allerdings nur sehr kurz, sympathische Züge. Final bleibt er in existenzieller Ratlosigkeit zurück: „Weiß nicht mehr, wer ich bin, was ich tue“ sinniert er völlig hilf- und haltlos ins Publikum, das auch keine Lösung weiß, sich in diesen humorlosen Zeiten aber bestens über die banalsten Lacher amüsieren kann. Nach 1¾ Stunden Unterhaltung breitet sich beim Finale ohne Happyend eine realistische Leere aus. Nicht einmal die Liebespaare finden sich. Was bleibt, ist Lars Eidingers Wer als facettenreicher geiziger Jedermann. Wer ihn erleben will, muss weit im Voraus Karten reservieren lassen.
Infos zur Neufassung von Molières „Der Geizige“ an der Berliner Schaubühne:
| Künstlerisches Team: | Textfassung: | Maja Zade Thomas Ostermeier |
| Regie: | Thomas Ostermeier | |
| Bühne: | Magda Willi | |
| Kostüme: | Vanessa Sampaio Berg mann | |
| Musik: | Lars Eidinger | |
| Licht: | Erich Schneider | |
| Dramaturgie: | Maja Zade | |
| Besetzung mit: | Harpagon: | Lars Eidinger |
| Cléante: | Damir Avdić | |
| Elise: | Magdalena Lermer | |
| Valére: | Pablo Moreno | |
| Marianne: | Mano Thiravong | |
| Frosine: | Cathlen Gawlich | |
| Simon/Jaques: | Falk Rockstroh | |
| Le Flèche/Kommissar | Robert Beyer | |
| Anselme: | Alex Wandtke | |
| Dauer | 1 Std. 45 Min. | ohne Pause |
| Premiere: | 02.04.2026 | |
| Bewertung | ⭐⭐⭐☆☆ |














