18.06.2026
„Subject to Change“, Jakob Feyferlik, Laurretta Summerscales© Bayerisches Staatsballett, Foto: Katja Lotter
Das Bayerische Staatsballett präsentiert „Konstellationen“ – fünf Choreografien aus dem Repertoire und eine Uraufführung – Kritik zur Premiere im Prinzregententheater.
Mit „Konstellationen“ präsentiert das Bayerische Staatsballett bei den Opernfestspielen München einen Abend mit sechs sehr unterschiedlichen Pas-de-deux-Choreografien. Einer klassischen folgen fünf zeitgenössische. Zwischen Marius Petipa und einer Uraufführung von Simon Adamson-De Luca spannt sich ein Bogen über 150 Jahre Tanzgeschichte. Die Vielfalt besticht. Doch genügen Repertoirestücke, um die Erwartungen eines Festivalpublikums zu erfüllen?
Konzept der „Konstellationen“
Klassik trifft Moderne. Dabei sollen die Tänzer:innen wie Sterne am Himmel am Balletthimmel funkeln, wenn sie in immer neuen „Konstellationen“ unterschiedlichste Paarbeziehungen vertanzen und die stilistische Vielseitigkeit der Tänzer:innen zeigen.
Marius Petipa – „Grand Pas Classique“ aus „Paquita“
Der Auftakt mit dem „Grand Pas Classique“ aus Marius Petipas romantischen Ballett „Paquita“ (1882) ist ein Musterbeispiel der Petersburger Choreografie-Ästhetik. Der geraffte Samtvorhang im Hintergrund und große Kronleuchter signalisieren festliche Stimmung, die auf elegante Schönheit, klare choreografische Linien und höchste Professionalität abzielt. Das Corps de Ballet mit 14 Tänzerinnen verzaubert durch federleichte Schritttechnik auf Spitze, makellose Synchronität und Anmut. Violette Keller und Julian MacKay begeistern durch ihre außerordentliche Sprungkraft, mitreißende Endlos-Pirouetten und majestätische Hebungen. Solistisch und umrahmt und dekoriert vom Corps de Ballet entfaltet Petipas Choreografie den Zauber perfekter Harmonie.
Uraufführung von „Shipwreck“
Vom Ballsaal assoziativ ans Meer, wo die Wellen ein Paar an Land geschwemmt haben, gelingt mit Simon Adamson-De Lucas Uraufführung „Shipwreck“ der Sprung in die Gegenwart. Severin Brunhuber und Ana Gonçalves vertanzen im Lichtspot existenzieller Einsamkeit, umbrandet vom Wellenschlag des Meeres, das Überleben durch Zweisamkeit. Berührungen beleben, Aufeinanderzurollen und immer neue Formen von Verschlingungen verdeutlichen das Bedürfnis nach Schutz. Doch letztendlich ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen. Die Sequenz endet, wie sie beginnt, und wird zum Symbol, dass das Leben nur ein Wellenschlag ist. Dabei wird deutlich, wie stark sich Ballett verändert hat und sich Richtung Performance entwickelt.
Edward Clug „Pas de deux“ aus „Radio and Juliet“
Immer wieder inspiriert „Romeo und Julia“ Choreografien. Edward Clugs Version (2005) geht neue Wege. Er wählt Musik von der britischen Rockband „Radiohead“ und lässt Julia überleben. Sein „Pas de deux“ hat mit der klassischen Vorlage nichts mehr gemeinsam. Violetta Keller im weißen Minikleid und Jakob Feyferlik im Anzug tanzen kantig, roboterartig. Wie im Breakdance knicken sie in irrsinnig schnellem Tempo Körperteile ab, frieren ihre Zuckungen plötzlich ein, um umso explosiver wieder zu starten. Hier werden nicht romantische Liebesgefühle vertanzt, sondern die Spannungen, Führungsansprüche, das Fragile einer Beziehung zwischen Distanz und Nähe und die Problematik, sich gegenseitig aushalten zu können.
Höhepunkt des Abends – Angelin Preljocajs „Un trait d’union“
Höhepunkt vor der Pause ist Angelin Preljocajs „Un trait d’union“, das nach seinem Studium des Nō-Theaters in Japan 1989 in Paris uraufgeführt wurde und an der Münchner Staatsoper im Rahmen von „Sphären.02“ 2024 zum ersten Mal in Deutschland zu sehen war. Ein Mann arbeitet sich an einem Ledersessel, der ihm seine Einsamkeit spiegelt und ihn fast erdrückt. Ein zweiter Einsamer kommt hinzu. Beide kämpfen um Macht, verteidigen ihre Reviere, nähern sich und stoßen sich ab. Spektakulär ist der Tanzstil. Severin Brunhuber und Konstantin Ivkin schweben, fallen wie ein Brett, heben einander auf, beschützen sich, sind gegenseitig „Un trait d’union“, ein „Bindestrich“, und gehen trotzdem wieder in der nächsten Sekunde aufeinander los. In immer schnelleren Wiederholungsschleifen karikieren sie ihre eigene Existenz am Abgrund der Vereinsamung.
Es ist der uralte Kampf, vom anderen gesehen zu werden, wobei autobiografische Erfahrungen von Angelin Preljocajs einfließen, der sich in seinem Leben vieles erkämpfen musste, womit er seine Vorliebe für den Tanz als Kampf erklärt.
Sol León & Paul Lightfoots „Shutters Shut“
Nach der Pause fokussiert das Programm auf zwei Choreografien von Sol León & Paul Lightfoot, wobei sich latente Narrative weniger über den Tanz als über das Programmheft erschließen. „Shutters Shut“, „Rollläden zu“, sprich Blick nach innen, offeriert das Verhältnis der Dichterin Gertrude Stein und Pablo Picassos. Er porträtierte sie. Im Gegenzug schrieb sie Essays über ihn. Zwei extrem unterschiedliche Künstler prallen aufeinander. Schon die Optik zielt auf clowneske Ironie. Carolina Bastos und Ariel Merkuri in gleichen, aber versetzten Schwarz-Weiß-Trikots, präsentieren ein amüsantes Wechselspiel, bei dem Diskrepanzen und Harmonien ständig wechseln. Untermalt mit einem von Gertrude Stein vorgetragenen Essay aus dem Off bleibt „Shutters Shut“ eine Parodie über selbstbewusste Künstler:innen, allerdings ohne großen Nachklang.
Sol León & Paul Lightfoots „Subject to Change“
Mit „Subject to Change“ präsentiert das Choreografen-Ehepaar eine abstrakt reduzierte, sehr atmosphärisch Geschichte. Weniger der Titel als die Musik, Robert Schumanns „Der Tod und das Mädchen“, von Gustav Mahler für Orchester arrangiert, ist der Schlüssel für die Symbolik dieser poetischen Choreografie, die unter dem Schock eines plötzlich erlebten Todesfalles entstand und für Paul Lightfoot eines seiner wertvollsten Stücke ist.
Jakob Feyferlik und Laurretta Summerscales tanzen hochemotional, mit ekstatischer Leidenschaft auf einem roten Teppichquadrat. Sie tanzt um ihr Leben. Doch der Tod nimmt sie schon in die Arme lässt sie fliegend rotieren. Sie befreit sich. Doch die Zeichen stehen nicht auf Rettung. Ein roter Lichtkegel taucht die Szenerie in ein hochdramatisches Wechselspiel zwischen Liebe und Leiden, Leben und Tod. Vier teuflische Schergen in schwarzen Anzügen und rot gefütterten Jackets schlagen Wellen, um dem Mädchen, den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Der Titel „Subject to Change“ zielt im Grunde auf die Konsequenzen, über das Leben zu reflektieren und zu verändern.
Fazit der Kritik
Im Nachklang betrachtet, wirkt dieser Ballettabend durch das vielseitige unmittelbare Nebeneinander der „Konstellationen“ sehr erhellend, weil durch den Fokus auf verschiedene „Pas de deux“ die unterschiedlichen tänzerischen Handschriften sehr bewusst werden. Gleichzeitig wird deutlich, wie sich Narrative geweitet haben, wie Tanz nicht nur schön, sondern auch zeitkritische Themen zur Diskussion stellt und wie extrem hoch die Anforderungen an die Tänzer:innen sind.
Doch für ein Festival sind die Repertoire-Wiederholungen und eine vierminütige Uraufführung zu wenig. Zumal vier der Choreografien erst vor ein bis zwei Jahren in der Staatsoper gezeigt wurden.
FAQ
Lohnt sich der Besuch von „Konstellationen“?
Das kommt darauf an, inwieweit man fünf der sechs Choreografien kennt bzw. ob man sie ein zweites Mal sehen will.
Die Konzeption ist auf jeden Fall sehr interessant.
Worin liegt das Besondere dieser Konzeption dieses Ballettabends?
Zum einen spannt sie den Bogen vom romantischen klassischen Ballett des Bolschoi-Theaters bis zur Uraufführung von Simon Adamson-De Lucas „Shipwreck“.
Zum anderen kreisen alle sechs Choreografien um „Pas de deux“, wodurch die starken Veränderungen dieses zentralen Bausteins des klassischen Balletts deutlich werden.
Welche Choreografien stehen auf dem Programm?
– Marius Petipa – „Grand Pas Classique“ aus „Paquita“
– Simon Adamson-De Luca „Shipwreck“
– Edward Clug „Pas de deux“ aus „Radio And Juliet“
– Angelin Preljocajs „Un trait d’union“
– Sol León & Paul Lightfoots „Shutters Shut“
– Sol León & Paul Lightfoots „Subject to Change“
Wo und wann sind die „Konstellationen“ zu sehen?
Aufführungsort ist während der Opernfestspiele München das Prinzregententheater. Aufführungen gibt es nur noch heute und am 21. und 22. Juni. Bislang wurden noch keine weiteren Termine veröffentlicht.














