Kiyokazu Kanze beim Nō-Theater im Musikfest Berlin 2026 © Fabian Schellhorn
Nō-Theater beim Musikfest Berlin 2026: Kritik zur Aufführung des Kanze Nō Theaters mit Kiyokazu Kanze in der Berliner Philharmonie.
Unter der Leitung von Kiyokazu Kanze, dem XXVI. Großmeister der Kanze-Schule, präsentiert das renommierte Ensemble zwei Werke: des klassischen Nō-Theaters „Hagoromo“ und „Shakkyō“, dazwischen „Kaki Yamabushi“, eine Kyōgen-Komödie.
Befremdlich, exotisch, gewöhnungsbedürftig sind Musik und Optik des Nō-Theaters. Trotzdem war die Vorstellung in der Berliner Philharmonie ausverkauft, denn Nō-Theater zu sehen ist eine Rarität, es zu erleben eine kulturelles Highlight. Das ausführliche Programmheft war schnell vergriffen. Es vorab zu lesen, erleichterte den Zugang zu dieser 700-jährigen Tradition des japanischen Theaters.
Was ist Nō-Theater?
Im Mittelalter verschmolzen in Japan verschiedene Tanzformen, volkstümliche Theaterstücke und religiöse Rituale, teilweise von China, Korea und Indien übernommen, zu einer ganz speziellen Kunstform, zum Nō-Theater.
Für diese Darbietungen war die Familie Kanze zuständig, deren 14-jähriger Sohn Zeami wegen seiner Begabung unter dem Schutz des Shoguns ausgebildet wurde. Er begründete die Kanze-Dynastie, deren Leitung bis heute vererbt wurde und inzwischen 700 Jahre überdauerte.
Konkurrenzen, Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten führten zur Zersplitterung, die durch fünf anerkannte Schulen wieder geordnet wurde. Die Kanze-Schule ist immer noch die bedeutendste. Wenn der Vater, Vertreter der 26. Generation, mit dem Sohn, seinem Nachfolger und Repräsentant der künftigen 27. Generation, anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Berliner Festspiele und des Musikfests auf der Bühne der Berliner Philharmonie spielt, ist das ein kulturelles Top-Ereignis.
Kiyokazu Kanze-Dynastie
Als 26. Oberhaupt der Kanze-Schule und Träger einer rund 700-jährigen Tradition tritt er nicht nur in ganz Japan, sondern auch international auf, unter anderem in Frankreich, den Vereinigten Staaten, Indien, Thailand und China. Er engagiert sich sehr für die Aufführung verlorener Stücke und für die Erstellung neuer Werke. Er wurde für den Erhalt des immateriellen Kulturerbes vielfach ausgezeichnet und ist der Präsident der Vereinigung der Nō-Familienoberhäupter . Sein ältester Sohn (*1999) zählt zu den besten Darstellern der künftigen Generation.
Nō-Bühne in der Berliner Philharmonie
Für das Gastspiel in Berlin wurde vom Japanischen Kulturinstitut in Köln eigens eine originalgetreue, minimalistisch reduzierte Holzbühne ausgeliehen mit einer gemalten Kiefer, Japans heiliger Baum, im Hintergrund. Früher im Freien gespielt blieb die überdachte Bühne auf vier Säulen als Regenschutz erhalten. Hier und entlang des quadratischen Vorplatzes nehmen die Musiker und der Chor Platz. Über einen Steg nähern sich Schauspieler und Tänzer.
Exotische Aufführungspraxis
Extrem helle Flötentöne, harte Holzschläge auf der großen Trommel, Klangnuancen auf der kleinen, dazwischen vokalische Rufe schaffen atmosphärische Klanglandschaften und entführen in eine meditative Waldexotik fern von jeglicher Urbanität. Die Schauspieler rezitieren, der Chor kommentiert. Die Darsteller in wuchtigen Kleidern bewegen sich grotesk, verstärken ihre Rhetorik stampfend, belehren und belustigen und die Tänzer sorgen für dynamische Bebilderung des Geschehens. Das wirkt insgesamt sehr exaltiert, spiegelt aber auf höchsten Niveau japanische Theatertradition.
Drei Geschichten
Die drei erzählten, rezitierten und gesungenen Geschichten belehren und unterhalten.
„Hagoromo“ (Das Federgewand) kreist um den Kernsatz: „Täuschung mag unter Menschen vorkommen; im Himmel gibt es keine Täuschung.“
Ein Fischer findet ein Federkleid. Er will es dem Himmelswesen, dem es gehört nicht zurückgeben. Erst als es immer trauriger wird, gibt er das Federgewand zurück.
Die mittlere Geschichte „Yamabushi“ (Der Kakidieb) ist eine Kyōgen-Komödie. Ein Bergpriester hat nach seiner Ausbildung auf dem Nachhauseweg Hunger und klettert auf einen Kakibaum, um die Früchte zu naschen. Der Besitzer kommt zufällig hinzu und fragt aus Spaß laut, wer wohl im Baum die Früchte fresse. Einen Hund, Krähen und Affen kann der Bergpriester akustisch imitieren, um sich nicht als „Kakidieb“ erkennen zu geben. Doch als er als Habicht fliegen soll, stürzt er auf den Boden. Er gibt vor, magische Kräfte zu haben, und behält so die Dominanz über seinen Kontrahenten, was schauspielerisch sehr amüsant dargestellt wird und vom Publikum mit Lachen honoriert wurde.
„Kaki Shakkyō“ (Die Steinbrücke) war ursprünglich das letzte Stück der oft tagelangen Aufführungen. Ein japanischer Mönch reist nach Indien, um an einem Berg, der der Erleuchtung geweiht ist, das Nirwana zu erreichen. Der schmale Steg über eine tiefe Schlucht symbolisiert die Gefährlichkeit der Reise. Der Tanz der vier Löwen signalisiert, dass die Erleuchtung auf ihn wartet. Das Geschehen wird vom Chor kommentiert. Vater Kiyokazu Kanze und sein Sohn Saburōta Kanze tanzen als weißer und roter Löwe auf der Bühne.
Lohnt sich der Besuch?
Wegen seiner Jahrhunderte langen Tradition ist das Nō-Theater ein besonderes und nachhaltiges Erlebnis, auch wenn die viel beschriebene Magie der historischen Kostüme und Masken gerade in großen Konzertsälen wie der Berliner Philharmonie durch die große Entfernung zur Bühne nicht so zur Wirkung kommt wie in einem kleineren Umfeld. Faszinierend ist die Exotik der Musik, weniger die stilisierten Bewegungen des Spiels und des Tanzes.
Nächste Stationen der Kanze-Europa-Tournee
München am 24. September, 19 Uhr
Kanze Nō-Theater Ensemble Tokio – musica viva – Die Konzertreihe des BR für zeitgenössische Musik
Brüssel am 26. September, 19 Uhr
Kanze No-Theater. Hagoromo, Kaki Yamabushi, Shakkyo
Köln am 28. September, 20 Uhr,
Kanze Nō Theater, Kölner Philharmonie













