Reimanns „Lear“ unter der Regie von Barrie Kosky © Monika Rittershaus
Aribert Reimanns „Lear“ eröffnet die Spielzeit 2026/27 der Komischen Oper Berlin im Hangar 4 des Flughafens Tempelhof. Barrie Kosky inszeniert Shakespeares Tragödie mit Scott Hendricks in der Titelrolle, musikalisch geleitet von Nicholas Carter.
Selten ist zeitgenössische Oper so spannend wie Koskys „Lear“ zur Spielzeiteröffnung 2026/27 der Komischen Oper. In der Weite des Hangars 4 im stillgelegten Flughafen Tempelhof gewinnt Reimanns martialische Musik kombiniert mit einer minimalistischen, aber überaus expressiven Inszenierung eine existenzielle Tiefe, die berührt.
Worum geht es?
Aribert Reimanns Oper „Lear“ nach dem Shakespeares Theaterstück „König Lear“ erzählt von Macht, familiärem Verrat und dem Zusammenbruch der ganzen Welt. Der alte Lear will sein Reich an seine drei Kinder aufteilen, wenn sie ihm ihre Liebe zu ihm öffentlich bekunden. Goneril und Regan schmeicheln, Cordelia, die den Vater wirklich liebt, verweigert das öffentliche Bekenntnis, wird enterbt, zwangsverheiratet und schließlich ermordet. Als die älteren Töchter sich gegen Lear wenden, verfällt Lear in den Wahnsinn. Parallel wird Graf von Gloster Opfer der Intrigen seines unehelichen Sohnes Edmund. Zwei Familien, zwei Reiche gehen zugrunde.
Perfektes Setting für Kosky
Alles greift faszinierend ineinander. Reimanns „Lear“, seine meistgespielte Oper in der Neuen Musik, hat im Hangar 4 Raum, das akustische Potenzial voll zu entfalten. Das Orchester und das Schlagwerke vis-à-vis, auf drei Ebenen übereinander angeordnet, sorgen für ein Höllenspektakel, durchwirkt von subtilen Klangclustern und Dissonanzen. Die überdimensionierte quadratische Spielfläche dazwischen, flankiert von extrem hohen Zuschauertreppen, changiert zwischen kosmischer Weite und Kampfarena.
Koskys smarte Monster
In schwarzen Anzügen und Abendkleidern legt Kosky die Protagonisten im Heute an. Sie hasten hin und her, bilden Fronten, traktieren sich im Kreis, überhöhen sich auf einem beweglichen Laufsteg, gesäumt von Smartlingen derselben Art. Getrieben von Machtgier und Rache schrecken sie vor keiner Intrige und Mordtat zurück. Allerdings erschließt sich die Arroganz der Männer infolge des Mangel an Müttern, wie Kosky in einem Interview konstatiert, in dieser Inszenierung erst, wenn man voraus das Programmheft gelesen hat.
Die Verstoßenen irren einsam durch die Welt von einem Lichtfeld zum anderen, ohne bleiben zu können. Sie werden an langen Leinen drangsaliert, gedemütigt, in den Wahn getrieben.
Die Bilanz ist grausig: drei tote Töchter, ein toter Sohn, zwei tote Väter. Nicht nur Lear geht unter, sondern eine ganze Welt.
Da gibt es nichts zu lachen, nicht einmal für Lears Narren, den Dagmar Manzel nachdenklich kommentierend interpretiert und durch Shakespeares „Sonett 66“ zuspitzt: „Des Todes Ruh ersehn‘ ich lebensmüd“.
Nicholas Carter entfesselt Reimanns Klangwelt
Regie und Musik sind aus einem Guss, dynamisieren sich gegenseitig. Nicholas Carter lotet Reimanns Partitur bis zum Äußersten aus, vom martialischen Waffengeklirr bis zu den leisen Tränen. In den extremen Klangflächen, Clustern und dissonanten Klangballungen werden die psychischen Zustände der Figuren musikalisch hörbar. Kosky findet dazu existenzielle Bildwelten, die unter die Haut gehen.
Die Sturmszene über der Heide wird zum orchestralen Orkan, der die Nebelschwaden auf der Bühne klanglich durchbricht und Lears Nähe zum Wahn zum Ausdruck bringt. Das Inferno der Bläser, die harten Schläge der Pauken, die Vielzahl der Gongnuancen lassen Hinrichtungsrituale assoziieren. Doch unter der musikalischen Leitung von Nicholas Carter werden auch die liedhaften Momente und die subtilen Töne, hörbar. Das feine Flirren der Streicher legt die Nerven frei. Im Schmerz um die Toten wird das Weinen musikalisch hörbar und final klingt in mikrotonalen Clustern ganz zart Orgelmusik an. Der Tod verbreitet meditative Ruhe.
Großartiges Ensemble
Ein Faszinosum sind auch die Sänger:innen, die durch ihre Stimmen Reimanns individuelle Figurencharakterisierung deutlich machen. Allen gemeinsam ist die ungeheure stimmliche Energie, die selbst in den orchestralen Eruptionen aufleuchtet, und das schauspielerische Talent. Großartig interpretiert Scott Hendricks Lears menschlichen Absturz. Nicole Chevalier (Regan) und Rosie Aldridge (Goneril) verdeutlichen den Sadismus der Töchter durch hysterische Koloraturen mit wuchtigem Timbre. Brenton Ryan verleiht dem intriganten Edmund durch seine kraftvoll energetische Stimme die Durchsetzungskraft des Bösen. Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen zeigt die subtilen Facetten Edgars, dem rechtmäßigen Erben des Grafen von Gloster. Mit Glitzermütze, BH und Miniröckchen in queerer Verletzlichkeit angelegt, verdeutlicht nicht nur seine Stimme, sondern auch seine Optik die zarte Seele dieser Figur und damit auch Edgars humane Haltung, wenn er seinen blinden Vater auf dem letzten Weg begleitet. Günter Papendell setzt den Grafen von Gloster höchst dramatisch und facettenreich in Szene.
Fazit zur „Lear“-Inszenierung
Mit „Lear“ gelingt der Komischen Oper bereits zum vierten Mal ein außergewöhnlicher Einstieg in die Spielzeit im Hangar 4. Grund ist die Sanierung der Komischen Oper Berlin und die damit verbundene Interimszeit im Schillertheater. Mit den monumentalen Inszenierungen präsentiert die Komische Oper ihr kreatives Potenzial jedes Jahr aufs Neue. Diese Opern bleiben nachhaltig im Gedächtnis und sind durch die zeitliche Begrenzung auf nur wenige Vorstellungen ein ganz besonderes Opernereignis.
„Lear“ toppt selbst Henzes Revolutionsoratorium „Das Floß der Medusa“ (2023), Händels „Messias“ (2024) und Andrew Lloyd Webbers Rockoper „Jesus Christ Superstar“ (2025).
Wie gut Barrie Kosky Opern in die Gegenwart holen kann, bewies er u. a. im Februar 2026 bei der Inszenierung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ im Schillertheater.
Infos zur Aribert Reimanns „Lear“ Libretto Claus H. Henneberg
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Nicholas Carter |
| Inszenierung: | Barrie Kosky | |
| Bühne: | Rebecca Ringst | |
| Kostüme: | Klaus Bruns | |
| Dramaturgie: | Sophia Jira | |
| Chöre: | David Cavelius | |
| Licht: | Olaf Freese | |
| Sounddesign: | Holger Schwark | |
| Mit: | Scott Hendricks, Dimitry Ivashchenko, Philipp Meierhöfer, Johannes Dunz, Ivan Turšić, Günter Papendell, Aryeh Nussbaum Cohen, Brenton Ryan, Rosie Aldridge, Nicole Chevalier, Penny Sofroniadou, Dagmar Manzel, Philipp Schreyer, Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin, Komparserie, Orchester der Komischen Oper Berlin | |
| Premiere/Vorstellungen | am 16. September 2026, weitere Vorstellungen nur bis 3. Oktober 2026 | |
| Dauer: | 2 Std. 20 Minuten ohne Pause | |
| Aufführungsort | im Hangar 4 des stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof in Berlin-Kreuzberg | |














