Birgit Minichmayr in „Everytime“ © Eksystent Distribution
„Everytime“, Sandra Wollners neuer Film, erzählt vom Alltag einer alleinerziehenden Mutter (Birgit Minichmayr), Trauerarbeit und symbolischen Sonnenuntergängen.
Mit vielen Vorschusslorbeeren kommt Sandra Wollners neuer Film „Everytime“ ab 9. August in die deutschen Kinos. Beim Filmfestival in Cannes wurde „Everytime“ mit dem Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet.
„Everytime“ – experimentelle Erzählweise
Anstelle einer chronologischen Geschichte wählt Sandra Wollner eine sprunghafte Szenencollage, in der Gegenwart, Vergangenheit und visionäre Perspektiven verschmelzen und durch die Magie der Nacht, noch mehr durch die Faszination symbolischer Sonnenuntergänge einmalige Bildsequenzen entstehen.
„Everytime“ – Die Handlung
Nach einer durchtanzten Clubnacht, von Drogen noch euphorisiert, genießen Jessie und Lux auf dem Flachdach eines Berliner Hochhauses einen gigantischen Sonnenaufgang. Schnitt. Ella trauert mit ihrer Tochter Melli um Jessies Tod. Schnitt. Lux, Jessies Freund, taucht mit schlechtem Gewissen wieder auf. Spontan entschließt sich Ella, mit Melli und Lux einen Urlaub auf Teneriffa zu verbringen, der ursprünglich mit Jessie geplant war.
Sandra Wollners experimentelle Filmtechnik
Eine simple Alltagsgeschichte? Mitnichten. Sandra Wollner fragmentiert die Szenen, mischt sie mit futuristischen Videogame-Sequenzen von „Minecraft“, bei dem man sich aus quadratischen Blöcken eigene Landschaften bauen kann. Immer wieder gleitet der Film in völlige Dunkelheit. Nur noch Geräusche sind hörbar, nur Umrisse erkennbar. Die Figuren werden von Drohnen geheimnisvoll umkreist, als würden sie deren innersten Geheimnisse scannen und an das Tageslicht bringen.
Kamera Gregory Ork
Kameramann Gregory Ork verdichtet Alltägliches durch raffinierte Perspektiven und Licht- und Dunkelheitskontraste. Aus der Vogelperspektive weitet er den Blick auf schwindelerregende Abgründe der basaltschwarzen, vulkanischen Steilküste Teneriffas und auf faszinierende Sonnenuntergänge. Menschen wirken wie Ameisen. Kinder heben sich im Gegenlicht der Abendsonne wie mystische Schatten vom Horizont ab. Die Sonne irritiert als viereckiges Game-Format, das nicht mehr untergehen will.
„Everytime“ – experimenteller Langfilm
Immer noch intensivere Sequenzen findet Sandra Wollner in „Everytime“ („Jedes Mal“) für den Plot der Geschichte, für die Trauer um einen geliebten Menschen. Nahtlos kontrastiert sie alltägliche Situationen mit surrealen Bildwelten, die sich, ganz bewusst als traumatisches Erlebnis konzipiert, einer nachvollziehbaren Handlung entziehen und sich in Teneriffa auf die existentielle Frage zuspitzen, inwieweit sich unser Leben zu einem eigeninitiierten Game verwandeln könnte.
Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristàn López
Menschliche Tiefe gewinnt der Film durch Birgit Minichmayr. Wie gelassen sie diese alleinerziehende Mutter spielt, wie spontan sie richtig entscheidet, wie liebevoll diese Frau agiert, beeindruckt. Ella ist ein Muttertier, lässt ihrer jüngeren Tochter Melli Raum, sich selbstständig zu entwickeln und erinnert sie liebevoll, ohne großes Trara an ihre schulischen Pflichten. Großzügig, ohne Vorwürfe, geleitet vom Gespür, helfen zu können, nimmt Ella Lux, den Freund der toten Tochter, in die Familie auf. Ganz viele Facetten entdeckt Birgit Minichmayr in dieser Ella.
Mit Lotte Shirin Keiling wird Melli ein sehr waches, genau beobachtendes, neugieriges Mädchen, das seine Grenzen auslotet und gefährliche Situationen selbstsicher meistert. Die kleine Melli ist das Ebenbild ihrer Mutter. Wie Ella nimmt sie alles selbstständig in die Hand. Sie findet spontan Lösungen und realisiert sie erfolgreich.
Als Gegenpol zu dieser Frauenpower zeichnet Tristán López Jessies Freund Lux, überschattet von Schuldgefühlen, der nach einem neuen Halt sucht und dabei für Ella immer stärker zum Ersatzsohn wird.
Fazit der Filmkritik von Sandra Sallers „Everytime“
Es sind die magischen Sonnenuntergangsstimmungen, die sich im Gedächtnis nachhaltig festhaken und den Film „Everytime“ weit über das übliche Niveau von Familienstories stellen. Wer sich auf die fragmentierte Geschichte einlässt und versucht, alle Puzzleteile richtig zusammenzusetzen, dem eröffnen sich auch thematisch frappierende Zusammenhänge über Tod und die Unbedeutsamkeit der Menschheit an sich.
Sandra Wollner – jeder Film prämiert
Die österreichische Drehbuchautorin und Filmregisseurin Sandra Wollner (*1983) beweist mit ihrem dritten Langfilm einmal mehr ihr außerordentliches Talent, experimentelle Filme zu kreieren. Bereits während ihres Filmstudiums an der Filmakademie Baden-Württemberg entstand 2016 ihr vielfach ausgezeichneter Debütfilm „Das unmögliche Bild“. Für „The Trouble with Being Born“ erhielt sie 2020 den Spezialpreis der Jury in der Berlinale-Sektion Encounters und den Großen Diagonale-Preis für den besten Spielfilm. Für „Everytime“ (2025) bekam sie in Cannes den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard.
Inzwischen zählt Sandra Wollner zu den bedeutendsten deutschsprachigen Regisseurinnen. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Für wen lohnt sich „Everytime“?
Wer die bisherigen Filme Sandra Wollners mag, wird auch von „Everytime“ begeistert sein, genauso wie alle Kinofans des experimentellen Films oder Arthouse-Kinos. Wer traditionell erzählter Geschichten bevorzugt, sitzt bei „Everytime“ im falschen Film.
Für Freunde experimenteller Filme ist Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ ein Tipp.
Infos zum Film „Everytime“
| Künstlerisches Team: | Drehbuch, Regie: | Sandra Wollner |
| Drehbuch: | Roderick Warich | |
| Musik: | David Schweighart, Peter Kutin, Timm Kröger | |
| Kamera: | Gregory Oke | |
| Schnitt: | Hannes Bruun | |
| In den Hauptrollen: | Birgit Minichmayr, Tristán López, Carla Hüttermann, Lotte Shirn Keiling | |
| Uraufführung | 18.05.2026 | Filmfestspiele Cannes 2026 |
| Filmdauer: | 2 Std. 3 Min. | |
| Filmstart: | 06.08.2026 | Deutschland |
| 27.11.2026 | Österreich | |
| Bewertung: | ⭐⭐⭐⭐⭐ | |
















