"Kultur macht glücklich"


Hans Werner Henzes „9. Sinfonie“ beim Musikfest Berlin 2026 – Konzertkritik 

Veröffentlicht am:

von

Hans Werner Henzes „9. Sinfonie“ beim Musikfest Berlin 2026 – Konzertkritik 

Konzerthausorchester Berlin und Rundfunkchor Berlin in der Philharmonie Berlin bei Henzes 9. Sinfonie © Michaela Schabel

Hans Werner Henzes 9. Sinfonie wurde beim Musikfest Berlin 2026 in der Philharmonie Berlin vom Konzerthausorchester Berlin, dem Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Duncan Ward aufgeführt. Die eindringliche Chorsinfonie nach Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ erwies sich als musikalisches Mahnmal gegen Faschismus und Krieg.

Das Konzert fand am 4. September 2026 in der Philharmonie Berlin statt. Am 7. September ist Henzes 9. Sinfonie mit dem Konzerthausorchester Berlin und Duncan Ward erneut zu hören, dann im KKL Luzern.

Henze und  Beethoven – zwei konträre 9. Sinfonien

Vor knapp 30 Jahren komponierte Hans Werner Henze (1926–2012) die 9. Sinfonie als Auftragsarbeit für die Berliner Philharmoniker. Das Werk anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Berliner Festspiele ins Programm zu nehmen, ist eine Hommage an den Komponisten, der dieses Jahre seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Ganz bewusst spielt Henze auf Beethovens 9. Sinfonie an. Statt Euphorie à la „Ode an die  Freude“ erwartete das Publikum ein düster überschattetes Werk. 

Henzes persönliches Erinnerungswerk

Henzes Kindheit und Jugend war vom Terror des Nationalsozialismus geprägt. Mit seiner 9. Sinfonie rechnet er mit seiner deutschen Heimat ab, „mit einer willkürlichen, unberechenbaren, uns überfallenden Welt“. Sie stellt ganz bewusst das Schreckliche und Schmerzliche in den Mittelpunkt.

Die damit verbundenen Ängste und Schmerzen vertonte er über die Partie eines gemischten Chores und eines mächtigen, perkussiven Orchesters. Die traditionelle Sinfonie verwandelt er dabei in sieben existentielle Situationen, in denen apokalyptisches Inferno und lyrische Stimmen vehement aufeinanderprallen. 

Seghers „Das siebte Kreuz“ – Henzes 9. Sinfonie

Henze bezieht sich auf Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“, den sie 1938 im Exil schrieb. Doch er vertonte nicht die Geschichte von sieben KZ-Häftlingen, die ausbrechen und bis auf einen getötet werden.

Zusammen mit dem Librettisten Hans-Ulrich Treichel fokussiert Henze auf Flucht, die Toten, den Bericht der Verfolger, auf eine sprechende Platane, einen Sturz, die Nacht im Dom und die Rettung. Treichels reduzierter, überaus expressiver Text und Henzes wuchtige, von lyrischen Stimmungen durchzogene Tonsprache verdichten  sich zu einem ausgesprochen spannenden Konzertabend, bei dem Henzes Widmung an die „Helden und Märtyrer des deutschen Antifaschismus“ erlebbar wird. 

Duncan Ward statt Joana Mallwitz

Die Enttäuschung, dass Joana Mallwitz, Intendantin des Konzerthauses Berlin, wegen der Geburt ihres zweiten Kindes nicht dirigieren konnte, verflog mit dem ersten Ton. Duncan Ward, seit 2021 Chefdirigent der Philharmonie  zuidnederland (Philzuid) im Südosten der Niederlande und europaweit als renommierter Gastdirigent unterwegs. Er übernahm kurzfristig die musikalische Leitung und erwies sich als erfahrener Interpret von Henzes 9. Sinfonie. 

Henze dirigierte mit vollem Körpereinsatz, vehement im Ausdruck, mit tänzerisch federnden Schritten in lyrischen Passagen, Orchester und Chor immer fest im Blick. Zusammen mit dem Konzerthausorchester und dem Rundfunkchor gelingt Duncan eine mitreißende Interpretation, die vor allem durch die dynamischen Wechsel, unterschiedlichen Tempi und präzise Artikulation besticht. Chor und Orchester sind wunderbar ausbalanciert. 

Konzerthausorchester Berlin spielt Henzes 9. Sinfonie

Das Konzerthausorchester spielte in Höchstform, überaus präzise und dynamisch. Durch extreme Fortissimi, wuchtige Crescendi, perkussive Tonalitäten und scharfen Dissonanzen entfaltete das Orchester ein Inferno der Macht, indem lyrische Momente, Traumvisionen eines scheinbar friedlichen Schattenreiches, kaum aufgeblüht, von Pauken und Bläsern wieder niedergeschmettert wurden. Die Tonalitäten verdichten sich zu einem Kopfkino, in dem fast jeglicher Hoffnungsschimmer verschwindet.

Die vielzitierte Schreibmaschine als Symbol mächtiger Bürokratie seitens der Verfolger wird hörbar. Mächtiger Orgelsound lässt die Kirche als Schutzraum assoziieren. Schiffsgeräusche verkünden Rettung. Was folgt ist – Stille. 

Rundfunkchor Berlin – verschiedene Perspektiven

Die Wucht des Orchesters gewinnt durch den Chor noch mehr Vehemenz und zusätzliche Facetten. Es ist kein Triumphchor. Er besingt die Nöte des Einzelnen. Wie aus einem einzigen Ton heraus präsentiert er in unterschiedlichen Konstellationen aus verschiedenen Perspektiven diese schwierige Partie (Einstudierung Florian Helgath).

Besonders berührend ist die Passage, in der anstelle der Flüchtenden Platanen geköpft werden und die Platanen über ihr Leid flüsternd klagen. Eine Steigerung erfolgt in der Domszene, wenn die Litanei der Heiligen das Schweigen der Schöpfung hinterfragt und der Flüchtende verzweifelt, weil er sich von Jesu Erlösungstod verraten fühlt.

Fazit zu Henzes „9. Sinfonie“

Henzes 9. Sinfonie in Zeiten rechter und linker Radikalität auf das Programm zu setzen, ist auch als politisches Bekenntnis deutbar. Der Kraft der Musik und des Chores kann man sich kaum entziehen. Weil man das Libretto im Programmheft mitlesen kann, wird der Konzertabend noch intensiver. Wer nicht dabei war, hat etwas versäumt. 

Die nächste Vorstellung ist schon am 7. September, aber etwas weit weg, nämlich im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL Luzern). 

Infos zu Henzes „9. Sinfonie“



Auftraggeber:            | Berliner Philharmonisches Orchester und 

                                    Berliner Festwochen

Widmung:                  | Den Helden und Märtyrern des deutschen 

                                    Antifaschismus

Uraufführung:             | 11.09.1997

Spieldauer:                 | ca. 56 Minuten 

Nächste Vorstellung:  | 07.09.2026 im KKL Luzern