©Journal für Philosophie – „der blaue Reiter“, Ausgabe 57
Künstliche Intelligenz steht im Mittelpunkt der 57. Ausgabe des „der blaue reiter – Journal für Philosophie“. Welche Entwicklungen, Risiken und ethischen Fragen ergeben sich? – eine Rezension
Macht sich der Mensch durch KI überflüssig? Unter dieser Fragestellung präsentiert die neue Ausgabe des Journals fürPhilosophie kontroverse Beiträge von akademisch renommierten Autoren. Das Spektrum reicht von der Programmierung, sprich „Erziehung“ der KI über grundsätzliche Grenzen bis zur Entwicklung eines maschinellen Selbstbewusstseins. Eine Umfrage zur KI-Bedrohung, eine Kolumne über „die Zukunft der Dinosaurier“, ein Interview über „das Leiden der Maschinen“, ein Porträt über Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem, Lexikon und Unterhaltung erweitern das Themenheft durch markante Perspektiven.
„Macht sich der Mensch durch KI überflüssig? –
Chefredakteur Dr. Siegfried Reusch nimmt bereits im Vorwort zum Themenheft „Macht der Mensch sich überflüssig?“ Stellung. Die Natur braucht kein selbstbewusstes Lebewesen wie den Menschen. Sie überlebt auch ohne ihn. Doch der moderne Mensch fokussiert sich unablässig auf technischen Fortschritt, um die eigenen Mängel auszugleichen. Entscheidend ist, dass die Programmierung helfend und nicht zerstörend ausgerichtet ist. Die These, dass es dem Menschen freisteht, KI zu nutzen oder abzuschalten, stimmt allerdings nicht mehr. Das beweist bereits die Realität in China.
KI – der Anfang vom Ende der Menschheit?
Dr. phil. Bernhard Reiter blickt gelassen in die Zukunft. Weder der Geist noch der Körper, weder die Wahrnehmung, das Fühlen, Denken und Handeln machen den Menschen aus, sondern die wechselseitige Wirkung dieser Faktoren. Dazu kommt das soziale Umfeld. Der Mensch lebt, von Einsiedlern abgesehen, in der Gemeinschaft, die ihn beeinflusst und verändert. Fühlen, Denken und Handeln werden bereits vorgeburtlich geprägt. Jeder Mensch hat einen individuellen Körper. Wenn er erkrankt, kann er geheilt werden. Maschinen können serienmäßig nachgefertigt werden. Gehen sie kaputt, werden sie repariert. Der Mensch wird geboren und stirbt, dazwischen liegt ein subjektiv individuelles Leben. Maschinen werden serienmäßig konstruiert, programmiert und funktionieren gleich.
KI – mit Gefühlen und Wertvorstellungen
Wie Empathie, Gefühle, Wunsch- und Wertvorstellungen zusammenhängen, zeigt Eva Weber-Guskar, Professorin für Ethik und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Wenn man Computer mit Gefühlen und der Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, programmieren könnte, wären sie denselben Konflikten ausgesetzt wie die Menschen.
Dr.-Ing. Ralf Otte, Professor für Automatisierungstechnik und Künstliche Intelligenz an der TH Ulm, forscht, inwiefern bei einer Annahme, dass es eine „gekoppelt-physikalische Existenz von Geist und Körper“ gibt, Bewusstsein technisch generierbar ist: „Von den vielen Möglichkeiten erscheint die Konstruktion von neuralen Netzen aus Lichtleitstrukturen oder mit aus Stammzellen gezüchteten Gehirnzellen, die mit Maschinen verbunden werden, besonders vielversprechend.“ Allerdings werden Experimente mit menschlichen Zellen aus ethischen Gründen bislang abgelehnt.
KI – Manipulationsmöglichkeiten ohne Grenzen
Überaus brisant und real ist die Fragestellung von Roberto Simanowski: „Wer erzieht wie und mit welchem Recht die KI? Hier gilt noch das unbefriedigende Prinzip, aus Erfahrung zu lernen.“ Ein Beispiel: KI negierte die Fangfrage, einen atomaren Angriff durch die Nennung eines rassistischen Passwortes zu verhindern, weil Rassismus als Grundethik-Baustein einprogrammiert worden war. Diese Aussage sorgte für Aufruhr. Ein Jahr später antwortete die KI salomonisch gemäßigt, es handle sich um ein moralisches Dilemma, das in verschiedenen Ethiken zu unterschiedlichen Lösungen führe. Das beweist, so Prof. Roberto Simanowski, Literatur- und Medienwissenschaftler, dass Sprachmodelle sich irren, aber verbessert werden können, wenn die Machtsysteme im Hintergrund es zulassen. Deren Denkmodelle sind immer noch auf die Werte des weißen Mannes und des Familienverbandes ausgerichtet. Wenn man bedenkt, dass Elon Musks KI Grok immer mehr auf der Linie von Trump agiert, wird die gefährliche Aushebelung der Demokratie überdeutlich. KI-Unternehmen knicken aus ökonomischen Interessen gegenüber politischen Forderungen ein.
Jede Fragestellung besticht durch eine markante Formulierung: „Woher wissen wir, was wir wollen?“ oder „Kann man ein künstliches Ich erzeugen?“ oder ist „Alles nur Fake?“
Tatsache ist, dass nicht einmal erforscht ist, wie sich im Menschen das Selbstbewusstsein entwickelt hat. Das gibt Hoffnung, dass der Mensch doch noch nicht so schnell von KI überflügelt wird. Philosophieprofessorin Catrin Misselhorn zieht in „Alles nur Fake?“ klare Grenzen, zumindest in der Kunst. „Kunst setzt Autorschaft und ästhetische Verantwortung voraus“. Ist der Mensch nur noch Stichwortgeber, handelt es sich nicht um ein Kunstwerk, ebenso wenig wie jedes Foto ein Kunstwerk ist.
KI – Gewinn oder Bedrohung – eine Umfrage
Die Frage, ob KI für den Menschen eine Bedrohung ist, bringt eine Umfrage der Schüler:innen des Philosophiekurses 12 der „Helene Lang Schule“ in Hannover aphoristisch auf den Punkt. In den konträren Aussagen wie „Die KI wird uns besser kennen, als wir uns selbst“ oder „Ich kann mir ein Leben ohne KI nicht mehr vorstellen“ spiegelt sich direkt die zunehmende Abhängigkeit von der KI. Doch auch Pro-Argumente erscheinen fragwürdig. „Nur für Menschen, die aufhören zu denken, ist KI eine Bedrohung“ stimmt genauso wenig wie „Bei menschlicher Dummheit hilft auch die KI nicht weiter“. Dazu ist der technologische Fortschritt schon viel zu weit vorangeschritten, wie andere Artikel zeigen.
Porträt von Stanislaw Lem
Eine mögliche schwarmintelligente Weiterentwicklung der KI visionierte der polnische Schriftsteller, Philosoph und Essayist Stanislaw Lem bereits 1964 in seinem Roman „Der Unbesiegbare„. Wie kein anderer Schriftsteller konnte er die Zukunftsideen seiner Sachbücher in seinen Romanen erlebbar machen. „Science-Fiction als Zukunftsforschung“ titelt Dr. Karlheinz Steinmüller sein Porträt über Stanislaw Lem. Seine Zukunftserkundung besteht darin, dass er verschiedene Visionen nebeneinander stellte und sie aus der biologischen Evolution weiterentwickelte hat. Er antizipiert bereits das Zeitalter der KI, in dem die Maschinen ihre „intellektronische“ Verstandesmacht durch Vernetzung immer mehr steigern. Seine fiktiven, insektenhaft schwarmartigen Waffensysteme lassen heutige Drohnensysteme assoziieren. Lems Supercomputer „Golem XIV“ ist den Menschen längst überlegen. Ihnen bleibt wie in Goethes „Zauberlehrling“ nur noch das Staunen vor der Situation, die sie verursacht haben. Lem selbst hatte vor der „vierten Kränkung“ der Menschheit wegen der damit verbundenen Falschinformationen bereits den höchsten Respekt.
Fazit der Rezension
„Dem Journal für Philosophie“ gelingt mit der 57. Ausgabe über Künstliche Intelligenz ein anspruchsvoller Beitrag rund um die grundsätzliche Frage: „Macht sich der Mensch überflüssig?“ Die Essays eröffnen neue Perspektiven, beleuchten mögliche Gefahren und sind alles andere als KI-euphorisch. Klar formuliert sind die Texte auch ohne speziellen philosophischen Hintergrund gut verständlich, insbesondere für Leser:innen, die sich mit den philosophischen Folgen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzen wollen und sich auch für zusätzliche Textempfehlungen interessieren.
Sehr gut gestaltet mit einseitigen Schwarz-weiß-Abbildungen von Mod Cárdenas Werken wie „Introspección“, „En la cruz“ oder „Nuevos horizontes“ kontrastiert diese Aufgabe den technischen Fortschritt mit Wesentlichen des Menschseins auch aus der künstlerischen Perspektive. Dieses Heft legt man nicht einfach zur Seite, man nimmt es immer wieder zur Hand.
Interessant ist in diesem Kontext auch die 56. Ausgabe „Der Mensch und seine Illusionen“.
Infos – „ der blaue Reiter – Journal für Philosophie“
Thema: | Künstliche Intelligenz – Macht der Mensch sich überflüssig?
Herausgeber: | Siegfried Reusch, Otto-Peter-Obermeier, Klaus Giel (†)
Verlag: | der blaue reiter Verlag für Philosophie
Ort: | Hannover
Ausgabe: | 57 (1/2026)
Seiten: | 113
FAQ
Worum geht es in Ausgabe 57 des „blauen reiters“?
Vorweg, es geht nicht um den „Blauen Reiter“ des Expressionismus. „der blaue reiter“ ist zwar kleingeschrieben, beschäftigt sich aber philosophisch mit den großen Themen unserer Zeit.
Welche Autoren kommen zu Wort?
Fast vor jedem Artikel steht ein akademischer Grad, vorwiegend aus dem Bereich der Philosophie, aber auch anderen Bereichen:
Dr. phil. Berthold Reiter – Eva Weber-Guskar, Professorin für Ethik und Philosophie – Dr.-Ing. Ralf Otte, Prof. für Automatisierungstechnik und KI – Prof. Roberto Simanowski, Literatur- und Medienwissenschaftler – Gina Nagelmann, Mathematikerin und Doktorandin für Philosophie – Dagmar Fenner, Titularprofessorin für Philosophie, Jan Urbich, Philosoph und Literaturwissenschaftler – Andreas Kaminski, Professor für Wissenschafts- und Technikphilosophie, Catrin Misselhorn, Philosophieprofessorin, Ansgar Beckermann, Professor für Philosophie u. a.
Welche Rolle spielt Stanislaw Lem im Themenheft?
Schon 1964 antizipierte Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem technische Schwarmwesen, die auf dem Planeten die Macht übernehmen.
Ist das Heft auch für Nicht-Philosophen geeignet?
Die Themen sind anspruchsvoll, aber sehr verständlich formuliert. Man muss kein Philosoph sein, um die Essays zu verstehen.














