George Balachines „Symphony in C“ © Berlin Staatsoper, Foto: Carlos Quezada
Die Kritik analysiert George Balanchines „Symphony in C“ und Christian Spucks „Fearful Symmetries“ als gegensätzliche Meisterwerkee – getanzt vom Berliner Staatsballett.
George Balanchine kürt die Symmetrie in „Symphony C“ als Zeichen ausgewogener Ästhetik, Christian Spuck verschiebt sie, stört und zerstört sie in seiner neunen Choreografie „Fearful Symmetries“ in der Staatsoper Unter den Linden. Ihn interessiert, was passiert, wenn die Ordnung ins Chaos kippt, Ästhetik von bizarrer Kuriosität ersetzt wird und die wahren Triebkräfte hinter der glänzenden Bühnenoptik enthüllt werden.
George Balanchines „Symphony in C“ – Meisterwerk des Neoklassismus
Vor azurblauem Hintergrund tanzen bis 32 zu Tänzerinnen des Berliner Corps de, mit den drei ersten und drei zweiten Solistenpaaren in Weiß-Schwarz-Optik zu Bizets „Symphony in C“ auf der Bühne.
Mit 17 Jahren komponierte Bizet die „Symphony in C“. Erst 1935, nach seinem Tod, wurde sie aufgeführt. Jeder der vier Sätze ist wie ein eigenes Ballett choreografiert, mit jeweils einem Solisti:innenpaar und einem speziellen Corps de Ballet.
In komplexen Strukturen entwickelt George Balanchine vollendete Ballettkunst in neoklassischen, symmetrisch gespiegelten Bewegungsmustern, exakt nach der Tonalität und den musikalischen Themen der Komposition. In wechselnden Gruppierungen interpretieren Corps de Ballet und die Solist:innen die Melodielinien der verschiedenen Instrumente. In Trippelschritten auf Spitze zeigt das Corps de Ballett höchstes Ballettniveau in immer neuen Formationen. Die Solistinnen visualisieren die Musik durch Pirouetten, unterstreichen kurze Akkorde durch ausbalancierte Bewegungsbilder, überraschen, von den Solisten gestützt, durch spannend retardierende Hebefiguren, bei denen sie mit den Beinen grazil Bögen in die Luft zeichnen und in den Armen des Partners wieder geerdet werden.
Mit allen Tänzer:innen auf der Bühne kulminiert der vierte Satz zum Grande Finale zu einem Meisterwerk ästhetischer Tableaus, das durch die Dynamik simultaner Bewegungen verzaubert und das durch die behende Beinarbeit des Corps de Ballett eine schwebende Leichtigkeit gewinnt. Christian Spucks choreografische Antwort könnte nicht konträrer sein.
Warum begeistert Christian Spucks „Fearful Symmetries“?
Ihn interessiert nicht die Perfektion, sondern der Moment der Störung, wenn Perfektion fragil auseinanderbricht und Chaos einsetzt. Inspiriert von John Adams mitreißend minimalistischer urbaner Musik kreiert Christian Spuck ein narrativ parodistisches Spiel, das harmonische Symmetrien verschiebt, entmachtet, hinter den Kulissen das Gerangel um Macht entdeckt.
Staatsballett Berlin zwischen Ordnung und Chaos
Die Bühne verwandelt sich in eine Black Box, die, nur im oberen Segment etwas erleuchtet, Enthüllung suggeriert.
Vier TänzerInnen des Berliner Staatsballetts verwandelt Christian Spuck in manipulative Symbolfiguren. Königin, Liebhaber, Wissenschaftler und Hofnarr, sprich Macht, Emotion, Vernunft und Anarchie torpedieren als schräges Quartett eine Vielfalt von engagierten Tänzer:innen des Berliner Staatsballetts.
Die Goldkugel, Signum der königlichen Macht, wird multipliziert. Hunderte goldene Kugeln am Boden symbolisieren wiederum die Macht der Tänzer:innen. Sie können durch spontan entwickelte Bewegungsdynamiken Wahrheiten hinter den Kulissen enthüllen.
Das geschieht nicht nach vorgegebener Choreografie, sondern ist Ergebnis gemeinsamen Ausprobierens, vor allem bei den Soli zu lauter Musik. Im schnellen Duktus von John Adams Komposition, sehr flott von Paul Connelly, dirigiert, zeigen die Tänzer:innen ganz individuell, wie sie auf Balancestörungen reagieren. Dadurch bringt Christian Spuck ganz bewusst „Fearful Symmetries“ als konfrontatives Gegenstück zu George Balanchines extrem makellos choreografierter „Symphony in C“ auf die Bühne.
Fazit der Kritik
Mit „Fearful Symmetries“ gelingt dem Staatsballett Berlin ein überaus klug konzipierter, tanzepochal übergreifendes Programm zwischen purer Ästhetik und deren Entzauberung durch Störfaktoren. George Balanchines legendäre Choreografie „Symphony in C“, ein Bekenntnis zu symmetrischer Ästhetik und Schönheit, entlarvt Christian Spuck durch seine neue Choreografie „Fearful Symmetries“ als künstlerische Oberfläche, zu glatt, um zu berühren. Gleichzeitig werden durch Christian Spucks modern bizarre Hinterfragung von Machtstrukturen die Realitäten hinter den Kulissen in humorvoll bizarrer Optik erlebbar. Standing Ovations zeigen, dass Christian Spucks „Fearful Symmetries“ sowohl künstlerisch als auch als kritische Auseinandersetzung mit der Balanchines Tanztheorie beim Publikum zündet.
Dass Christian Spuck ein ausgezeichneter Künstler und Intendant ist, zeigen seine bisherigen Choreografien an der Staatsoper Berlin wie „Madame Bovary“, „Messa da Requiem“ , und der „Deutsche Tanzpreis“ oder sein Engagement der deutschen Erstaufführung von „Nurejew“.
Infos zum Ballettabend „Fearful Symmetries“
| „Symphony in C“ | Choreografie: | George Balanchine |
| Kostüme: | Elsie Lindström | |
| Licht: | Irene Selka | |
| Musik: | Georges Bizet | |
| Einstudierung: | Sandra Jennings | |
| Musikalische Leitung: | Paul Connelly, Fayçal Karoui | |
| Uraufführung: | Uraufführung am 28.07.1947 | Ballett der Nationaloper Paris |
| Premiere am 30.05.2026 | Staatsballett der Berliner Staatsoper | |
| „Fearful Symmetries“ | Choreografie: | Christian Spuk |
| Bühne: | Rufus Didwiszus | |
| Kostüme: | Emma Ryott | |
| Licht: | Irene Selka | |
| Musik: | John Adams | |
| Orchester: | Staatskapelle Berlin | |
| Premiere: 30.05.2026 | Staatsballett der Berliner Staatsoper |
















