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„Umlaufbahnen“ – Buchkritik des Booker-Preis-Romans von Samantha Harveys

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„Umlaufbahnen“ – Buchkritik des Booker-Preis-Romans von Samantha Harveys

„Umlaufbahnen“, Samantha Harvey © dtv.de 

Die Buchrezension zu Samantha Harveys Roman „Umlaufbahnen“ zeigt, wie sich sechs Astronaut:innen beim Umkreisen der Erde physisch und psychisch verändern und einen ganz neuen Blick auf das Leben bekommen.

Zwei Frauen, vier Männer schweben in einer Raumstation durch das All. In 90 Minuten umrunden sie einmal die Erde. Das ergibt 16 Umrundungen in 24 Stunden mit zig Sonnenauf- und -untergängen. Das ist kein Science-Fiction-Roman, sondern ein reales Megaerlebnis, das das Bewusstsein der Astronaut:innen verändert.

„Umlaufbahnen“ – neue Realitäten

Samantha Harvey erzählt, als hätte die Raumfahrtmission tatsächlich stattgefunden und als wäre sie selbst dabei gewesen. Passagen beschreibender Sachlichkeit wechseln mit faszinierenden Impressionen durch den Blick aus dem Kosmos auf den blauen Planeten. Durch ihre empathische Schreibweise, die Julia Wolf aus dem Englischen sehr gut übersetzt, nimmt Samantha Harvey in ihrem Roman „Umlaufbahnen“ die Leser:innen mit an Bord und eröffnet ihnen über die Erfahrungen der Astronaut:innen ganz neue Perspektiven.

Samantha Harvey – Internationales Astronautenteam

Die sechs Astronaut:innen kommen aus ganz verschiedenen Regionen: aus Seattle, Osaka, London, Bologna, St. Petersburg und Moskau. Was sie verbindet, ist seit Kindertagen der Wunsch, in den Kosmos zu fliegen. Dafür nahmen sie das harte Training in Kauf. Sie ließen ihre Familien zurück, ohne sicher zu wissen, ob sie selbst zurückkommen würden. Schnell verliert sich das befürchtete Heimweh. Zu stark sind die Emotionen, die die Erdumrundungen auslösen. Das Forscherteam wird zur neuen Heimat. Gemeinsam forschen und staunen sie. 

„Umlaufbahnen“ – Alltag im Kosmos 

Samantha Harvey nimmt den Rhythmus der Erdumrundungen als literarische Struktur. Während der 16 Umkreisungen verläuft jeder Tag gleich. Die Astronaut:innen reparieren Geräte, beobachten die Labormäuse, messen, vergleichen, dokumentieren, fotografieren Veränderungen inklusive ihres eigenen Körpers mit Urinproben, Pulsmessungen und Stimmungskontrolle. Der Kopf wird kleiner, der ganze Körper zierlicher. Die Sexualität verschwindet. 

„Umlaufbahnen“ – Auflösung von Zeit und Raum

Aus der kosmischen Perspektive ändert sich alles. In Anbetracht der schnellen Erdumrundungen löst sich die normale Zeittaktung auf. 16 Sonnenauf- und Untergänge erfolgen in 24 Stunden. Die Zeitzonen schrumpfen. Zeit wird ad absurdum geführt. Der Tag-Nacht-Rhythmus muss künstlich beibehalten werden. Die räumlichen Dimensionen verwischen. Oben und unten, links und rechts verlieren angesichts fehlender Schwerkraft ihre Wirkung. Auf engstem Raum schweben die Astronauten hin und her, immer weich gepolstert, fasziniert von der Schönheit des blauen Planeten, magischen Polarlichtern und gigantischen Sonneneruptionen. Das ist für sie „große Oper“ im Kosmos. Ein Taifun baut sich gerade in Südostasien auf. Automatisch fühlen sich die Astronaut:innen als Beschützer. Aber sie können den Taifun nicht verhindern, ihn nur in seiner vernichtenden Energie, mit der er kleine Inseln überflutet, beobachten. 

Samantha Harvey – philosophischer Astronautenroman

Angesichts derartiger Naturschauspiele, in denen die Genesis der Erde erlebbar wird, wirkt ein Menschenleben völlig bedeutungslos, so die Botschaft der Autorin. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Die Natur agiert von sich aus. Der Mensch spielt dabei keine Rolle. Er kann nur dankbar sein, einen Bruchteil der erdgeschichtlichen Entwicklung mitzuerleben. Seine großen Kulturepochen sind nur ein „hektischer Fingerschnipp“. Menschen bringen durchaus Bedeutsames hervor, sind aber selbst unbedeutsam. 

Fazit zur Buchkritik

Samantha Harveys Erkenntnis ist eindeutig: „Wir schreiben nicht die Weltgeschichte. Sie schreibt uns.“ Die Menschen sind wie Blätter im Wind, völlig unbedeutsam. Dieser Gedankengang ist nicht neu, wurde und wird oft thematisiert. Außergewöhnlich ist die auktoriale Erzählhaltung aus kosmischer Perspektive, womit Samantha Harvey den Leser :innen auf die Reise mitnimmt. „Umlaufbahnen“ ist ein Buch, das nicht jeden Leser auf Anhieb anspricht, aber es lohnt sich, sich auf die Lektüre einzulassen. Eine besondere Empfehlung ist der Astronautenroman für Leser:innen, die sich für philosophische Gegenwartsliteratur interessieren.

Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐ – nachhaltige Bewusstseinsbildung

Samantha Harvey

Samantha Harvey (*1975, Kent) ist eine englische Autorin. Sie studierte Philosophie an den Universitäten in York und Sheffield, arbeitete im Herschel-Museum für Astronomie in Bath und schloss an der Universität in Bath den Kurs „Kreatives Schreiben“ ab. Sie gewann mehrere Literaturwettbewerbe. Für „Orbital“ (Umlaufbahnen) wurde Samantha Harvey mit dem Booker Prize 2024 und als „Wissensbuch des Jahres“ 2025 ausgezeichnet. Sie schreibt regelmäßig für Tageszeitungen und verschiedene Online-Plattformen.

Bibliografische Angaben

Titel:                          | Umlaufbahnen

Autorin:                     | Samantha Harvey

Übersetzerin:            | Julia Wolf

Verlag:                       | dtv Verlag

Seiten:                       | 224 S.

Erscheinungsdatum: | 15.05.2025