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„Materia prima“ Filmkritik 2026: Jens Schanzes Doku über Lithiumabbau in Bolivien

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„Materia prima“ Filmkritik 2026: Jens Schanzes Doku über Lithiumabbau in Bolivien

„Materia prima“ © cine global

Jens Schanzes Dokumentarfilm „Materia prima“ beleuchtet den Lithiumabbau in Bolivien zwischen Umweltzerstörung, Kolonialgeschichte und europäischer Industriepolitik.

„Materia prima“ dokumentiert 500 Jahre nach dem Goldrausch in Bolivien multiperspektivisch die Gier nach Lithium. Reichtum für die Einheimischen oder Profit für europäische Industrieländer? 

Bolivien ist trotz seiner Bodenschätze ein karges, armes Land. Früher raubten die Spanier die die Gold- und Silbervorkommen. Jetzt versucht die EU, das Lithium auszubeuten. 

Handlung und Hintergrund

Das Gold der Gegenwart ist Lithium, das leichteste Metall der Erde, unverzichtbar chemisches Element für die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien, die man Smartphones, Laptops und Elektrofahrzeuge braucht.

Erzählweise: multiperspektivisch

Jens Schanze lässt in seinem Dokumentarfilm „Materia prima“, zu deutsch „Rohmaterial“ ganz unterschiedliche Menschen zu Wort kommen. Mit Quinoa-Geschenken empfangen die indigenen Bolivianer die europäischen Firmenvertreter:innen Gäste aus der EU. Diese bedanken sich mit Gegengeschenken, verhandeln freundlich, doch ohne klare vertragliche Bindungen. Lithium gibt es im Salzsee für die nächsten 30 Jahre. Die Frage ist: Wer wird davon profitieren? Die Europäer wollen ihre Autoindustrie retten, die indigenen Menschen ihre Lebensbedingungen verbessern und die Umwelt schützen.

Die Einheimischen beginnen, ihr Anliegen in kleinen Bürgertreffen, meist von Frauen initiiert, zu besprechen. Sie sorgen sich um das Wasser für den Quinoa-Anbau, ihre Umwelt und den Tunupa-Vulkan, der für sie eine besondere mythologische Bedeutung hat. Sie wollen, dass die Einheimischen ihren Lebensstandard erhöhen können. Die Ausbeutung durch die Kolonialherren vor 500 Jahren in Potosi ist in der Bevölkerung sehr präsent. Sie schickten die Männer nachts in die Minen und vergewaltigten ihre Frauen und Kinder.

Kameraführung voller atmosphärischer Kontraste

Den Raubbau an der Natur, der Armut der Einheimischen und ihrer schweren Arbeit in den Minen kontrastiert Kameramann Börres Weiffenbach mit faszinierenden Lichtstimmungen. Von Sandpisten durchzogene Weiten lässt er im Sonnen golden aufscheinen. Die Salinen funkeln silbern. Nachts suggerieren die Beleuchtungen der Häuser und Dorfstraßen Gemütlichkeit. Doch die Arbeit ist unerbittlich. Ein junger Mann schlägt unter Tage schweißüberströmt mit dem Pickel Gestein in die Lore, die er mitschiebt. So kann er seine Mutter finanziell unterstützen und sich eine bessere Ausbildung in der Zukunft leisten. Die Kinder in der Schule üben, mittels chinesischer Bausätze mit Lithiumbatterien betriebene Fahrzeuge zu bauen. 

Die Ängste und Proteste der indigenen Bevölkerung zeigen Wirkung. Das bolivianische staatliche Lithiumunternehmen YLB darf Verträge mit ausländischen Unternehmen nur umsetzen, nachdem unabhängige Analysen der Wasserversorgung und der Umweltauswirkungen in den betroffenen Gebieten öffentlich zugänglich gemacht wurden. Außerdem muss den indigenen Gemeinschaften die Möglichkeit gegeben werden, ihr verfassungsmäßiges Recht auf Selbstbestimmung auszuüben.

Final träumt ein kleines Mädchen von einer schöneren Zukunft. Ob sich dieser Traum erfüllen wird, bleibt wegen der schwammigen Formulierung trotzdem fraglich. Zu schlau und selbstbewusst treten die Vertreter der EU auf. „Würden wir nicht in bolivianisches Lithium investieren, wären wir Idioten.“

Soundtrack von Atena Eshtiaghi 

Statt mit Zahlen und Statistiken drückt die iranische Cellistin und Filmkomponistin Atena Eshtiaghi mit ihrem Soundtrack die Stimmungen in der Natur und in den Menschen aus. Für die Musik in „Materia prima“ wurde sie mit dem Deutschen Dokumentarfilm-Musikpreis 2026 ausgezeichnet, nach „Stolen Planet“ 2024, ihre zweite Auszeichnung. 

Resümee zu Jens Schanzes Dokumentarfilm „Materia prima“

„Materia prima“ zeigt, wie verflochten die Interessen der Industriestaaten mit den Wünschen der einheimischen Bevölkerung sind.  Durch die atmosphärischen Landschaftsbilder und den Fokus auf die armseligen Lebensbedingungen ergreift Jens Schanze eindeutig Partei für die Indigenen, die ihre Heimat lieben, schützen wollen und für eine bessere Zukunft ihrer Kinder protestieren.

Künstlerisches Team:Regie:Jens Schanze

Kamera: Börres Weiffenbach

MusikAtena Eshtiaghi

SchnittUlrike Tortora
Dauer:1 Std. 29 Min.

Premiere:DOK.fest MünchenMai 2026
Auszeichnung: DOK.fest MünchenDeutscher Dokumentarfilm-Musikpreis 2026
Kinostart:ab 22.10.26

Bewertunng:☆☆☆☆☆