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„Der Barbier von Sevilla“ im Theater Nordhausen – Opernkritik zur witzigen Neuinterpretation 2026

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„Der Barbier von Sevilla“ im Theater Nordhausen – Opernkritik zur witzigen Neuinterpretation 2026

© Theater Nordhausen/LoH-Orchester Sondersfelden

Die feministische Neuinterpretation von Rossinis „Barbier von Sevilla“ in Nordhausen ist witzig, klug und überraschend. Rossinis Opernklassiker wird zur Machoparodie. Die Frauen bestimmen selbst über ihr Schicksal. Funktioniert das auch musikalisch? Das Publikum war begeistert, nicht so sehr…

die Kritik. Ein Grund mehr, sich die Inszenierung anzusehen. Diese Opernkritik zum „Barbier von Sevilla“ im Theater Nordhausen zeigt, wie radikal die Inszenierung den Klassiker neu interpretiert.“

Handlung von Rossinis „Barbier von Sevilla“ kurz gefasst

Nach wie vor wirbt Graf Almaviva als einfacher Soldat Lindoro um die schöne Rosina. Doch wegen ihrer üppigen Mitgift will ihr Vormund Dr. Bartolo Rosina heiraten. Mit Hilfe des schlauen Barbiers kann der Graf den Vormund ausschalten. Dem Happyend steht nichts mehr im Wege. Nicht so in der Nordhausener Version. 

Inszenierung in Nordhausen um 180 Grad gedreht

In der Fassung von Regisseurin Mechthild Harnischmacher (theater-nordhausen.de/ueber-uns/mitarbeiter-innen/Mechthild-Harnischmacher) führen Rosina und ihre Freundin Berta die Männer an der Nase herum, indem sie die Kleider tauschen und sich final als Liebespaar finden, während die Männer leer ausgehen. Damit alles noch logischer und zeitgenössischer wirkt, kreiert Harnischmacher schon für die Ouvertüre eine Rahmenhandlung, die leitmotivisch immer wieder aufleuchtet, wenn die beiden Freundinnen in Büchern stöbern, um das große Buch, das auf der Bühnenrampe symbolisch für das traditionelle Libretto leuchtet, mit neuen Ideen zu bestücken. 

Feministische Operninterpretation

Rossinis populärste Komödie, eine von vielen Macho-Opern, mutiert so raffiniert über parodistische Umdeutungen zu einer Oper über Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, wobei erst nach der Pause die Absichten des raffinierten Rollenspiels deutlich werden und final eingeblendete Buchtitel über Liebe, Ehe und Freundschaft die zeitgenössische Deutung offenbaren. 

Bühne und Ausstattung 

Den Handlungswitz unterstützt das originelle Bühnenbild von Birte Wallbaum. Hinter einem farblich chargierenden Schnurvorhang tauchen die einzelnen Figuren wie Fantasiegebilde auf und verschwinden wieder. Rosina ist eingesperrt in ein zeltförmiges Tiny House, das die Handlung raffiniert in Vorder- und Rückseite aufteilt, Rosinas Handlungsspielraum verzwergt und sie gleichzeitig auf dem Balkon überhöht. Dazu kreiert Birte Wallbaum witzige, farbsymbolische Kostüme. Doch selbst der Barbier, ganz in Gold der vermeintliche Held, muss sich von den beiden Frauen in Rot und Pink geschlagen geben. Wie flexibel und wandelbar ins Bessere alles ist, darauf verweisen die immer wieder aufleuchtenden kinetisch fluiden Requisiten. 

Nordhausener Opernensemble lässt aufhorchen 

Die Sänger:innen karikieren nicht nur schauspielerisch, sondern zuweilen auch stimmlich Rossinis Oper. Wenn der charmante Charakter der Arien bewusst zum Schrillen tendiert, kommt die Inszenierung in akustische Schieflage. Das mag teilweise auch der Tatsache geschuldet sein, dass in der besuchten, letzten Vorstellung die parodistische Spielfreude des gesamten Ensembles noch stärker erlebbar wurde.

Doch der Großteil der Arien und die Chorpartien wirken klangschön. Einige Stimmen leuchten besonders heraus. Florian Tavić interpretiert den Barbier kraftvoll und souverän. Jongyoung Kim gibt dem Grafen eine noble, sehr lyrische Note. Per Bach Nissens durchdringendes Timbre bringt die Dummheit des Vormunds burlesk zum Ausdruck, und Thomas Kohl verleiht dem bestechlichen Musiklehrer Basilio eine markante stimmliche Aura. Optisch durch Frisur und Kleidung aus der Entfernung sehr ähnlich, erkennt man Rosina und Berta doch deutlich an ihren Timbres. Yuval Oren singt in Höhen sehr kraftvoll, wirkt aber zuweilen angestrengt. Rina Hirayama lässt durch die Leichtigkeit in den Höhen und ihre facettenreiche Dynamik immer wieder aufhorchen. 

LoH-Orchester Sondershausen: flotte Tempi

Unter der musikalischen Leitung von Julian Gaudiano präsentiert das LoH-Orchester Sondershausen einen ausgesprochen flotten, mitreißenden „Barbier von Sevilla“, obwohl die akustischen Bedingungen auf der inzwischen zehn Jahre alten Interimsbühne nicht optimal sind. Das Orchester spielt hinter der Bühne, wird technisch verstärkt und die Sänger:innen sehen nur über einen kleinen Monitor das Dirigat. Trotzdem klappen die Einsätze insgesamt sehr gut. Die flotten Tempi intensivieren das Bühnengeschehen und zeigen das hohe Niveau des B-Orchesters. Zuweilen trumpft es dynamisch auf, aber immer in Balance mit den Sänger:innen.

Resümee:

Die Opernkritik zum „Barbier von Sevilla“ im Theater Nordhausen ist auf jeden Fall ein Gewinn (theater-nordhausen.de/). Sie zeigt, dass man auch einen klassischen Opernhit durchaus aktualisieren kann und damit neue Opernfans gewinnt. Eine Schulklasse aus Sondershausen war von der Inszenierung ganz angetan.

Gleichzeitig wird aber deutlich, wie verletzlich Musik auf parodistische Interventionen reagiert. Beide Erfahrungen sind wichtig. Gerade diese Inszenierung macht neugierig auf andere Produktionen.

Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆ 

Infos über das Theater Nordhausen/LoH-Orchester Sondershausen 

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