„TRAPICANA“ © Tanz im August 2026
„TRAPICANA“ bei Tanz im August 2026: Tanzkritik zu Joana Tischkau, Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und der Malpaso Dance Company – zwischen Tropicana, Trap, Stereotypen und Migration
Sanftes Meeresrauschen in der Dunkelheit. Nach einiger Zeit wird ein schlauchbootartiges Gebilde sichtbar. Ein Mann zieht es im Kreis. Als farbige Lichtspots die Bühne erhellen, entpuppt sich das hochkant gestellte, große Plastik-A als Tor. Die Buchstaben auf dem Querbalken kann man kaum entziffern. Aber das Bewusstsein des Titels oder der Blick auf die Eintrittskarte lösen das Rätsel. „TRAPICANA“, abgeleitet von „Tropicana“, der weltberühmten Tanzshow in Havanna.
Vom „TRAPICANA“ zum „Tropicana“
Vor diesem Hintergrund versteht man das Wortspiel „TRAPICANA“. Nicht die echte Show ist zu sehen, sondern eine ironisch überzogene Revue, die exotisierenden Klischees und Vorstellungen von Authentizität hinterfragt. Das Tropicana, degradiert zu einer Attrappe einer nicht existenten Lustwelt. Nur die Lust am Tanz bleibt und die verwandelt das internationale Choreografenteam Richtung Rave und Club-Atmosphäre.
Internationale Koproduktion
Für diese internationale Koproduktion arbeiten Joana Tischkau, Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und die Malpaso Dance Company zusammen. Joana Tischkau, die künstlerische Leiterin von „TRAPICANA“ arbeitet übergreifend in Tanz, Performance und Theater und Säkularkultur. Seit vielen Jahren arbeitet sie, mit Fernando Sáez, dem Leiter der Malpaso Dance Company zusammen. Das Ensemble besteht aus technisch hoch versierten Tänzer:innen, die sich auf zeitgenössischen Tanz spezialisiert haben. Beide verbindet das Tanzen als die Reise zu sich selbst, als Ausdruck des innersten Wesens. Tanzen die Tänzer:innen selbstbestimmt oder sind ihre Bewegungen nur Ausdrucks von Klischees? Diese Bedeutungsebene strukturieren Jeremy Nedd, inspiriert von seiner klassischen Tanzausbildung, und durch Sophie Yukiko durch klassische und popkulturelle choreografische Elemente.
Vom „Trapicana“ zurück in die Heimat
Die Tänzer:innen finden im Tropicana kein Publikum mehr. Sie kehren zurück in ihre ursprünglichen Dschungelwelten, wo sie barfuß auf dem Lehmboden tanzen und über Pfützen schlittern. Der Clan klatscht, feuert an und freut sich über jedes neue Tanzpaar mit immer neuen Drehungen und noch schnellere Varianten. Damit schließt sich der Kreis auch im Sinne einer Kolonialgeschichte: vom Aufbruch über das Miterleben, Frustriertsein im vermeintlichen Luxusmilieu bis zur Rückkehr ins Wesentliche.
Kostüme mit Sexappeal
Mit Glitzerhauben, aufgepolsterten Hosen und Oberteilen, kugelförmigen Röcken und High Heels wirkt jede Bewegung ausgesprochen sexy und gleichzeitig satirisch überdreht. Von großen Männern getanzt, werden die Hüftschwünge zu rauschhaften Wellenbewegungen, die sich in nicht endender Club-Atmosphäre in immer neuen Konstellationen und choreografischen Linien verdichten und verschieben. Bis zu neun Tänzer:innen agieren auf der Bühne zunächst, etwas arg lang, gehen sie nur, dann steigert sich das Tempo allmählich bis zum gemeinschaftlichen Grooven und zum halluzinatorischen Abheben.
Fusion von Buena Vista Social Club und Trap
„Trapicana“ ist aber auch eine Anspielung auf die Musikform des Trap, eine Musik mit tiefen Bässen und schnellen Hi-Hats, die als Hip-Hop-Subgenre in den US-amerikanischen Südstaaten aus der afrikanischen Drum-Musik entstand und deren Name sich ursprünglich auf das Drogenmilieu bezog, aus dem man, wie in einer Falle gefangen, kaum noch herauskommt.
Durch diese Musik wandelt sich die Szenerie in eine Club-Atmosphäre, in der sich die neun Tänzer:innen in unterschiedlichsten Konstellationen bewegen, allein oder zu zweit tanzen, sich immer wieder in Linien oder Kreisen formieren, sich zur Gruppe verdichten, sich durch Lichteffekte symbolisch für Drogentrips in Geister verwandeln und wieder in der Realität aufknallen.
Fazit: Lohnt sich der Besuch?
Durch den Beginn mit Wellenschlag und vermeintlicher Schlauchbootoptik baut „TRAPICANA“ zunächst eine ganz andere Erwartungshaltung auf. Man denkt an Flucht und Migration. Selbst als der Gummischlauch zum A geformt wird, bleibt das Narrativ „TRAPICANA“ noch unklar, weil man die Buchstaben in größerer Entfernung nicht lesen kann und sich erst durch die Kostüme und Tanzbewegungen erschließt. Die Tänzer:innen gehen suchend herum. Wohin geht die Reise? Doch es dauert zu lange, bis die Choreografie in Fahrt kommt und sie bleibt allzu sehr in der Monotonie clubmäßigen Groovens stecken. Erst nach einer Stunde wird klar, wohin die Reise eigentlich geht: zurück in die Heimat, zu den Wurzeln, aus denen der Tanz das Wesentliche im Leben ausdrückt, nämlich die menschlichen Beziehungen. Das ist konzeptionell sehr interessant, aber tänzerisch eher Mittelmaß.
Infos zum Tanzfestival Tanz im August 2026
Künstlerische Leitung: | Ricardo Carmona
Dauer: | 13. bis 29.08.2026
Programm: | 19 Produktionen mit 54 Veranstaltungen
an 11 Orten
Besonderheiten: | 3 Premieren
6 Deutschlandpremieren
4 Berliner und internationale
Kooperationen
Tickets | Online-Tickets über Tanz im August















