Eröffnung des Musikfests Berlin 2026 mit György Ligetis „Le Grand Macabre“ © Michaela Schabel
György Ligetis „Le Grand Macabre“ eröffnet das Musikfest Berlin 2026. Kritik zu Musik, Inszenierung, Nicholas Collon und Ligetis Klangwelt zwischen „Atmosphères“ und Kubrick.
Das Publikum wird gebeten aufzustehen, um der Nationalhymne des Fürstentums Breughelland den nötigen Respekt zu zollen. Und schon beginnt ein klangliches Inferno zwischen schriller Rhythmik und Gequietsche als parodistisch-groteske Spiegelung unseres Weltenzustandes – eine musikalische Meisterleistung in konzertant-halbszenischer Präsentation*.
„Le Grand Macabre“
György Ligetis „Le Grand Macabre“ (1978, rev. 1996) vom fiktiven Breughelland passt bestens ins Horrorszenario unserer Zeit. Für Lyrik ist kein Platz, das Liebespaar Amando und Amanda findet bei der Suche nach einem ruhigen Platz nur ein Grab als Nest. Beim zweiten Liebespaar, dem Hofastrologen und seiner sexbesessenen Frau, haben sich Macht- und Unterdrückungsstrukturen vom Mann auf die Frau verlagert. Immer stärker degradiert die Welt zum schrillen Kabarett mit aufgeblasenen Kugelmenschen, eine bizarre Weiterentwicklung von Breughels Figurenarsenal aus dem „Schlaraffenland“, eine vor Angst gebeutelte Glitzer-Venus und der trunkene Piet vom Fass, der als Pferdesklave dargestellt wird und auf dem Höllenfürst Nekrotzar reitet. Ein wahrhaft surreales Libretto von Michael Meschke und György Ligeti nach „La Balade du Grand Macabre“ von Michel de Ghelderode, versehen mit völlig überflüssigen Regieanweisungen.
Ground Zero
Ein Komet schlägt auf der Erde ein. Die Menschen scheinen halluzinativ im azurren Kosmos Richtung Paradies zu schweben. Doch „So schnell kommt der Tod nicht, heute nicht“. Die Menschen überleben, nur der Tod stirbt. „Lebt so weiter in Heiterkeit“ ist die satirische Botschaft.
Statt Oper skurrile Revue
Regisseur Frederic Wake-Walker lässt das skurrile Figurenarsenal in showartigen Sequenzen Revue passieren und erweitert die Chaos-Thematik*, unterstützt durch Kostüme und Maske*, durch zeitgenössische Anspielungen auf Queerness, Sex, Alkoholismus, Adipositas, Macht und Unterdrückung. Amando und Amanda harmonieren. Das lesbische Paar ist sich so einig, dass ein T-Shirt für beide genügt. In ihrer individuellen Idylle bekommen sie nicht einmal den Ground Zero mit.
Halbszenische Inszenierung
Zwischen absurden Theaterelementen, Revuespektakel auf der Bühne und Totentanz durch die Zuschauerbühnen beschränkt sich die halbszenische Präsentation trotz der großartigen Stimmen nur auf groteske optische Effekte, um die Musik zu bebildern – eine sehr kluge Entscheidung*, denn durch das konzertant-halbszenische Konzept steht die Musik wesentlich stärker als bei einer Operninszenierung im Mittelpunkt und kommentiert das unterhaltsam groteske Spiel bitterböse durch die Kakophonie der Töne.
Finnish Radio Symphony Orchestra
Unter der musikalischen Leitung von Nicholas Collon gelingt eine auf jeder Ebene exzellente musikalische Interpretation. Durch sein exaktes Timing knallen vokale Schönheit von Chor und Solist:innen auf orchestrale Lärmstrukturen als Ausdruck vergangener und immer noch gegenwärtiger Sehnsüchte und Ängste. Emotionen sind dabei nicht angesagt. „Le Grand Macabre“ ist ein musikanalytisches Werk, das jegliche Melodieseligkeit verweigert, stattdessen mit immer neuen tonalen Krachvariationen überrascht und mitunter dem Publikum das Rätsel aufgibt, von welchen Instrumenten sie stammen.
Mit großer Orchesterbesetzung, u. a. mit vier Perkussionisten, starker Blechbläserfraktion und ausgefallenen Tonerzeugern entwickelt das Finnish Radio Symphony Orchestra einen rhythmisch zerschnipselten Klangkosmos, in dem Lärm und Hektik unserer Zeit in immer neuen Reihen- und Clusterstrukturen intensiv hörbar werden. Wecker, endlose Klingeltöne, Alarmsignale rütteln wach. Gong und wuchtige Paukenschläge mahnen einzuhalten. 2026 ist der Ground Zero des atomaren Vernichtungsschlages laut aktualisiertem Libretto auf 86 Sekunden gesunken.
Was hat Ligeti mit Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltall“ zu tun?
In diesem Moment ändert sich die Klangsprache und erinnert an György Ligetis Komposition „Atmosphères“ (1961), das durch Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ weltberühmt wurde und Ligetis Musiksprache im kollektiven Gedächtnis als Weltraummusik verankerte. Ligeti verwendet zwar nicht dieselbe Partitur, aber dieselbe Mikropolyphonie-Technik, bei der viele einzelne Instrumentalstimmen zu einer sich ständig verändernden Klangwolke verschmelzen, die er später auch in „Le Grand Macabre“ radikal weiterentwickelte und durch Theater und schwarzen Humor parodistisch verfremdete.
Durch dieses Wechselspiel der Stile avanciert diese Szene zum klanglichen Höhepunkt. Der Kontrast zur sonstigen sehr abgehackten, perkussiven Klangsprache als Ausdruck des menschlichen Chaos’ unterstreicht die Energetik kosmischer Weite und lässt das surreale Gehampel auf der Bühne als Havarie im Weltall erscheinen. Hier wird zum ersten und einzigen Mal die Auslöschung der Menschen hörbar. Gleichzeitig avanciert sphärische Ruhe zum Ort der Geborgenheit, der auf der Erde nicht mehr gegeben ist.
Fazit zu „Le Grand Macabre“
Es ist die musikstilistische Komplexität, die György Ligetis „Le Grand Macabre“ so interessant macht. Aber so vielseitig und einzigartig die Komposition sein mag, so groß das Können der Musiker:innen und Sänger:innen auch ist, so wenig berührt dieses Werk. Die Anti-Anti-Oper, wie György Ligeti sie nannte, bricht mit allen Regeln der Oper, der Theatralisierung und der Musik. Doch die Auseinandersetzung mit totalitären Systemen, wie er sie selbst erlebt hat, wird kaum fühlbar. „Le Grand Macabre“ bietet Denkanstöße, musikalische Aha-Erlebnisse, surreal-satirischen Witz. Die Oper ist ein Erlebnis als grotesker Opern-Verriss, ein intellektuelles Hörerlebnis klanglicher Weiterentwicklungen. Betroffen macht sie nicht.
Infos zur konzertanten, halbszenischen Inszenierung:
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Nicholas Collon |
| Bühnenregie: | Frederic Wake-Walker | |
| Visuelle Gestaltung: | Sasha Balmazi-Owen | |
| Kostüme: | Pia Lasonen | |
| Mit: | Sarah Aristidou (Venus und Chef der Gepopo) Heidi Melton (Mescalina) Andrew Watts (Fürst Go-Go) Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Piet vom Fass) Karl Huml (Astradamors) Elisabeth Freyhoff (Amanda) Jingjing Xu (Amando) Luke Terence Scott (Schwarzer Minister) Tuomas Katajala (Weißer Minister) Jussi Merikanto (Schabernack) Tomi Punkeri (Schobiack) Sakari Topi (Ruffiack) Vokalhelden (Berlin) – Akteure Helsinki Chamber Choir | |
| Premieren: | 24. August 2026 Helsinki | |
| 28. August 2026 Berlin – Eröffnung des Musikfests 2026 | ||















