Anhaltender Applaus für Jordi Savall und „Le Concert des Nations“ beim Musikfest Berlin © Michaela Schabel
Jordi Savall und Le Concert des Nations beim Musikfest Berlin 2026 – Kritik zu Mendelssohn Bartholdys „Schottischer“ und „Italienischer Sinfonie“ und „Die Hebriden“
Jordi Savall gastierte beim Musikfest Berlin 2026 mit „Le Concert des Nations“ und präsentierte Mendelssohn Bartholdys „Schottische“ und „Italienische Sinfonie“, dazwischen die Ouvertüre „Die Hebriden“. Die historisch informierte Aufführung sorgte für einen ungewöhnlich transparenten und bewegten Mendelssohn-Klang.
Es klingt einfach erfrischend anders, wenn Jordi Savall mit „Le Concert des Nations“ die berühmten Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy präsentiert. Das Programm gespielt auf historischen Instrumenten wird zum Musikerlebnis, fern von romantischem Pathos: klar kantig, transparent, spontan dialogisch und überaus bewegt.
Jordi Savall
Jordi Savall ist nicht nur Musiker und Dirigent, sondern auch Musikwissenschaftler und Spezialist für alte Musik. Sein Ziel ist nicht der harmonische Orchesterklang, wie er heutzutage von den bedeutsamen Orchestern gepflegt wird. Es genügt ihm auch nicht, „nur“ auf alten Instrumenten zu spielen. Mit seinem „Le Concert des Nations“, das er 1989 mit hochkarätigen Musiker:innen aus ganz Europa gründete, macht er Werke vom Barock bis ins 19. Jahrhundert sehr authentisch hörbar. Durch die historischen Instrumente verändert sich der Klang, wodurch Savall dem Konzertpublikum eine neue Hörqualität abverlangt.
Was verbindet Savall und Mendelssohn Bartholdy?
Savall liest nicht nur die Partituren, sondern auch die Quellen, die die Komponisten inspirierten. Ihn interessiert, warum Felix Mendelssohn Bartholdy diese Reisebilder komponierte und woher die Klangschönheit kommt. Die Antwort ist simpel. Mendelssohn Bartholdy reiste leidenschaftlich gern, z. B. nach Schottland, zu den Hebriden und nach Italien. Seine Erlebnisse auf dem Schiff, auf den Straßen und Märkten inspirierten ihn beim Komponieren. Statt romantisierender Interpretation entdeckt Jordi Savall den ursprünglichen Mendelssohn Bartholdy in seiner analytisch klaren Musiksprache und tänzerischen Leichtigkeit.
„Le Concert des Nations“ – dialogisierende Rasanz
Das Orchester agiert dabei nicht als harmonisierender Klangkörper, sondern die verschiedenen Instrumentalgruppen dialogisieren, wodurch Savalls Interpretationen eine enorme Plastizität und Dynamik gewinnen. Musikalische Motive leuchten in immer neuen Klangfarben auf, weil sie auf den historischen Instrumenten anders klingen, was sich wiederum auf die Artikulation und Phrasierung, Dynamik, Tempi und die Balance des Orchesters auswirkt. Die dialogisierende Bewegtheit von Mendelssohn Bartholdys Werken kommt dadurch bestens zum Ausdruck.
Statt Legato hört man jeden Ton in natürlicher Wildheit oder tänzerischer Beschwingtheit. Pizzicato und Bogenstriche erscheinen nicht als Effekte sondern als rhythmische, vorantreibende Textur, intensiviert durch dynamische Crescendi und Decrescendi.
Mendelssohns „Schottische“, „Hebriden“ und „Italienische“
Die „Schottische“, Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56, mit der Ouvertüre aus „Die Hebriden („Fingals Höhle“), op. 26 und mit der „Italienischen“, Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, zu verknüpfen, ist ein besonderes Erlebnis. Durch die Wahl der Instrumentalgruppen erlebt das Publikum wild bewegte Landschaften, folkloristische Rhythmik und wunderbare Echo-Effekte.
„Le Concert des Nations“
Unter Jordi Savall gewinnt „Le Concert des Nations“ kammermusikalische Qualität, die allerdings die erste Geigerin durch ihr Auftreten etwas theatralisch zur Schau stellt. Die Transparenz der einzelnen Instrumentalgruppen fasziniert, ganz besonders die Klangfarben der Hörner, Barockposaunen, Oboen, Klarinetten und Flöten, die Pizzicati der Kontrabässe und die dunkleren Bogenstriche der Bratschen. Im dialogischen Miteinander entwickeln sie einprägsame Reisebilder aus der Erinnerung.
In der Ouvertüre „Die Hebriden“ alternieren lyrische Passagen mit stürmisch aufbrausenden Winden. Die Echoeffekte der Hörner signalisieren heroische Entdeckerfreude.
In der „Italienischen“ Sinfonie überrascht „Le Concert des Nations“ mit noch mehr Farbklang und ungewöhnlichen Dynamisierungen. Wenn Flöten, Oboen, Klarinetten und Bläser dialogisieren bauen sich Steilküsten auf, werden Wellen und Vögel assoziierbar.
Das Publikum ist begeistert. Dass mitten in einem hauchzarten Decrescendo ein Handy-Klingelton stört, durch die ausgezeichnete Akustik in der Berliner Philharmonie überall hörbar, sollte allerdings nicht passieren. Jordi Savall blieb gelassen. Für den anhaltenden Beifall bedankte er sich mit zwei Zugaben aus dem Programm, mit dem 2. Satz „Andante“ aus der „Italienischen“ und einem Exzerpt aus dem 4. Satz der „Schottischen“.
Wo kann man „Le Concert des Nations“ noch hören?
Das Konzert wurde von Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet und wird am 2. September ab 20:00 Uhr gesendet. Darüber hinaus steht es vom 3. September 2026 bis 3. Oktober 2026 zum Nachhören in der Mediathek der Berliner Festspiele zur Verfügung.















