Berlin – „The Silence“ – ein autofiktionales Stück von Falk Richter in der Schaubühne als deutsche Erstaufführung

Theaterkritik "The Silence" in der Schaubühne präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Was tun, wenn Eltern nur schweigen, sich hinter der bürgerlichen Fassade verstecken, Pflichtbewusstsein und normgerechtes Verhalten über allem stehen und Gefühle ausgeblendet werden? 
Acht Jahre nach „The Fear“, einer resignativen Politbilanz und Abrechnung mit der AFD, demonstriert Falk Richter in seinem neuen Stück „The Silence“ anhand seiner eigenen Familiengeschichte, die er zur gesellschaftlichen Retrospektive weitet, wie die Stille des Verschweigens als Lebenstraumata von einer Generation auf die nächste verlagert wurde. Gleichzeitig hinterfragt er die Objektivität dieses sehr intimen Rückblicks durch Subjektivierung der persönlichen Wahrnehmung. Ist nicht jede Erinnerung partiell fiktional? Kluge Konzeption und schauspielerische Leistung fusionieren zu einem intensiven Theaterabend, der große Nachfrage generiert. In Strasbourg 2022 uraufgeführt, ist die Berliner Version jetzt in der Schaubühne zu sehen…

Berlin – „Everywoman“ in der Schaubühne – die letzte Rolle ist für alle gleich

Theaterkritik "Everywoman" in der Schaubühne Berlin präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Kirchenglocken, eine Frau dekoriert Fotografien und Erinnerungsstücke auf dem Flügel und beginnt von sich zu erzählen, wobei sie ganz schnell über das Thema Reiten das Publikum mit Gedanken über den Tod konfrontiert. 
Auf drei raffiniert verbundenen Ebenen entwickelt Autor und Regisseur Milo Rau in seinem Stück „Everywoman“ analog zu Hofmannsthals „Jedermann“ ein Stück über die Fragen, die am Ende des Lebens auftauchen, egal ob Mann oder Frau, und verdichtet Fiktives mit Live-Dokumentation…

Berlin – „It´s Britney, Bitch“ am Berliner Ensemble – das bittere Leben der Princess of Pop  

Theaterkritik "It´s Britney, Bitch" am Berliner Ensemble präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Als sich Britney Spears  2007 öffentlich die Haare abrasiert, ist sie ein psychisches Wrack. Überarbeitung und Stress waren die offiziellen Statements. Die Berichterstattungen über Drogen-, Sex-, Gewaltexzesse machten aus der Princess im Handumdrehen eine unsympathische Bitch. Der Vater übernahm die Vormundschaft. Was steckt aber tatsächlich hinter dieser Verzweiflungstat? Der totale Zusammenbruch oder ein Akt der Selbstbefreiung? Aus dieser Fragestellung entwickelt Sina Martens unter der Regie von Lena Brasch am Berliner Ensemble ein empathisches Psychogramm getitelt als „It´s Britney, Bitch“…

Berlin – Tschechows „Die Möwe“ in der Schaubühne als gelungener Spagat zwischen Melancholie und Amüsement

Theaterkrtik "die Möwe" an der Schaubühne präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Unter einer riesigen Platane mit zwitschernden Vögeln, von einem der mächtigen Äste mit Blick auf den See entwickelt Regisseur Ostermeier Tschechows an sich handlungsarmes Dialogstück in ein explosiv emotionales Drama mit witziger Situationskomik.
Schwarz gekleidet liegt Mascha auf einem Ast. Warum sie immer schwarz trage? Sie trauert um ihr Leben. Keiner lebt in diesem Stück das Leben, das er gerne leben möchte. Eine Möwe, Symbol der Freiheit, wird abgeschossen, eine andere im Kunststoffgehäuse konserviert. In Freiheit zu leben ist unmöglich. Oder doch?…

Berlin – Lorcas „Yerma“ wird unter der Regie von Simon Stone in der Schaubühne zum psychopathischen Gegenwarts-Albtraum

Theaterkritik "Yerma" Schaubühne Berlin präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Champagner aus dem Plastikbecher, die Pizza aus dem Karton, noch ist die schicke, voll verglaste Eigentumswohnung unmöbliert. Yerma feiert mit John ihren Einstand. Sie hat als Journalistin Karriere gemacht und definiert sich als Bloggerin über ihre Follower. Er arbeitet in einem Start-up-Unternehmen und ist international unterwegs. 
Nach bewährtem Konzept adaptierte Simon Stone Lorcas tragische Dichtung „Yerma“ (1934) vor sieben Jahren für das Young Vic Theatre London in ein Gegenwartsstück. Seit zwei Jahren ist seine Version als Zerrspiegel oberflächlichen, narzistischen Lebensstils unserer Tage an der der Berliner Schaubühne ein Renner… 

Berlin – „Ophelia`s Got Talent“ – ein groteskes Spiel von der Casting-Show bis zum Weltenbrand in der Volksbühne

Theaterkritik "Orphelia's Got Talent" in der Berliner Schaubühne präsentiert www.schabel-kultur-blog.de

Ein Dutzend nackter Frauen präsentieren schrill und mit Witz den Niedergang unserer oberflächlichen Kultur bis zum apokalyptischen Untergang, den nur die Kinder überleben. Die Erwachsenen knock-out, tanzen sie weiter. Ein kleines Mädchen singt eine berührende Weise. Kann das die Zukunft sein?

Mit „Ophelia´s Got Talent“ gelingt Florentina Holzinger ein spektakuläre Performance, das die Volksbühne seit langer Zeit wieder zum Gesprächsthema macht und das junge Publikum johlen lässt, aber erst ab 18 Jahren, was die Vorstellung für viele noch interessanter macht. Doch das groteske Spektakel hat Tiefgang und avanciert zu einem gnadenlosen Zerrspiegel unseres Lebensstils…

München – Ulrich Rasche macht aus Aischylos‘ „Agamemnon“ großes Sprechtheater im Residenztheater

Theaterkritik "Agamemnon" im Residenztheater präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Es nebelt. Schlagwerke hämmern. Im Hell-Dunkel-Kontrast agieren MusikerInnen und SchauspielerInnen wie Schattenwesen. Noch leben sie, wenn auch im Hintergrund der Kampf um Troja imaginierbar ist. Die Bühne dreht sich gleichförmig weiter, unbeeindruckt vom menschlichen Getriebe um Agamemnons Ermordung, das der Chor gegen den Weltengang marschierend im Stil der antiken Tragödie in Rückblicken und in seinen Konsequenzen auf die Zukunft kommentiert. 
In Kooperation mit Athens Epidaurus Festival 2022 gelang Ulrich Rasche durch seinen unverwechselbaren wuchtigen Regiestil eine mitreißende Inszenierung, die jetzt im Münchner Residenztheater auf die dortige Bühne adäquat neu eingerichtet zu sehen ist…

Landshut – Patrick Barlows Komödie „Der Messias“ degradiert im Landestheater Niederbayern zum Klamauk

Theaterkritik von Barlows "Der Messias" am Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Mit britischem Humor blickt Patrick Barlow auf die christliche Weihnachtsgeschichte. „Der Messias“ wird bei ihm zur pointierten Komödie als Stück im Stück. Eine Provinztheatergruppe versucht sich an einer Inszenierung des „Messias“, ein Renner seit seiner Uraufführung 1983. Doch es kommt sehr auf die Umsetzung an, ob der Text zündet oder nervt. Die Inszenierung am Landestheater Niederbayern zielt auf eine niederbayerische Interpretationund trifft damit den Geschmack des Publikums im Salzstadel, doch…

Landshut – Grimms Märchen „Frau Holle“ begeistert Groß und Klein im Landestheater Niederbayern

Grimms Märchen "Frau Holle" im Landestheater Niederbayern präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

„Spannend!“ „Super!“. Kinder und Eltern sind begeistert von Grimms berühmtem Märchen „Frau Holle“ im Landshuter Theaterzelt. „Alles war schön.“ 
Mit dieser Inszenierung ist dem Landestheater Niederbayern unter der Regie von Peter Oberdorf zusammen mit Katharina Raif (Ausstattung) ein ausgesprochen witziges und phantasievolles Märchen gelungen, das kleine und große Zuschauer verzaubert. Originelle Kostüme und Bühnenbilder, Spiel und Tanz, Text und Songs lassen schmunzeln. Spannende Videosequenzen und atmosphärische Lichteffekte entrücken in märchenhafte Welten…

Landshut – „Sweet Charity“ als beschwingtes Musical am Landestheater Niederbayern

Musicalkritik "Sweet Charity" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Als Taxigirl, das an die große Liebe glaubt, unterscheidet sich Charity grundlegend von den Girls im drittklassigen „Fandango“-Club. Ihr Name ist ihr Charisma. Unterwürfig, barmherzig ist sie zu den Männern. Auf der Suche nach der Liebe, lässt sie sich alles gefallen. Der eine beklaut sie und stößt sie in einen Teich, der andere, ein Filmstar, benutzt sie, um sich vom Streit mit seiner Geliebten abzulenken. Doch Charity verbringt die Nacht nicht mit ihm im Bett, sondern allein im Kleiderschrank, als die Geliebte zurückkommt. Nummer drei, Oskar, ein Angstpsychopath, den sie im steckengebliebenen Lift kennenlernt, scheint die große Liebe zu werden, aber „Where I´m Going“ bleibt ungewiss. 

München – Thomas Manns „Buddenbrooks“ als spannendes Kammerspiel im Residenztheater

Theaterkritik "Buddenbrooks" im Residenztheater präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Hanno, der jüngste Sproß der Buddenbrooks steht vor leeren Bilderrahmen in Petersburger Hängung über den gesamten Bühnenhintergrund. Während er erzählt, füllen sie sich mit bunten Motiven aus dem Familienalbum über drei Generationen hinweg. 

„Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt vollends.“ Otto von Bismarck trifft mit einem Satz, was Thomas Mann auf 800 Seiten schildert, den Untergang großbürgerlicher Lebensweise. Das ist angesichts der Zeitenwende unserer Tage durchaus ein brisanter Stoff für die Bühne, gerade weil Regisseur Bastian Kraft den historischen Hintergrund ausblendet

Hamburg – „Der Faust“ – die Sieger des Theaterpreises 2023

Theaterpreis Faust 2023 präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Gestern Abend, 25. November, wurden am Thalia Theater Hamburg die diesjährigen PreisträgerInnen des Deutschen Theaterpreises „Der Faust“  2023 ausgezeichnet. Seit 2006 verleiht der Deutsche Bühnenverein  in Kooperation mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und der Kulturstiftung der Länder diese Auszeichnungen. 40 KünstlerInnen in 12 Kategorien waren in diesem Jahr nominiert. Die PreisträgerInnen 2023 sind…

Berlin – „Chicago“ – schmissiges Broadwaymusical in der Komischen Oper

©Komische Oper, Foto: Barbara Braun

Extrem sexy schon die erste Szene klatscht und pfeift das Publikum begeistert. Eine Lady in Silber glitzert vor 6500 goldenen Varietélampen der Bühne, umtanzt von einem Dutzend nackter Beine, die Körper in Dessous hinter den roten, erotisch vibrierenden Federfächern nur sekundenweise zu sehen. Mit „Chicago“ (1975), Musik von John Kander, Buch von Fred Ebb und Bob Fosse, inszeniert von Barrie Kosky bindet die Komische Oper in Berlin an die Amüsierkunst der 1920er Jahre an und lässt das Interimsquartier des Schillertheaters ganz vergessen. Die explosive Stimmung der ersten Szene ist kaum zu toppen, im Vaudeville-Stil als Nummernrevue mit geschickt integrierten Handlungsszenen konzipiert hält die Stimmung über drei Stunden lang an. „Broadway made in Berlin“ by Barrie Kosky funktioniert ein ums andere Mal bestens…

Berlin – „Prinz von Homburg“ im Schützengraben unserer Zeit – Jette Steckels brillante Inszenierung an der Schaubühne

Theaterkritik "Prinz von Homburg" in der Schaubühne präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler ziehen sich um, nicht mehr unterscheidbar in ihren Tarnanzügen bis auf einen, Prinz von Homburg in Rot als Zentrum der Inszenierung. Er kämpft mit im Schützengraben, tötet einen Gegner und verfällt in Wahn ob der moralischen Schuld. Im Lichtspot sein Gesicht im O seines quer über die Bühne  eingeblendeten Namenszugs beginnt Kleists Kriegsdrama „Prinz von Homburg“ wie ein Film noire. Exzellent von Jette Steckel inszeniert, sehr dynamisch vom Ensemble gespielt, ist es  spannend von der ersten bis zur letzten Minute, weil sie aus „Prinz von Homburg“ ein Antikriegsstück macht, in dem die Poesie als Lebensimpuls der Freiheit zwar aufleuchtet, doch immer wieder ausradiert wird…

München – Henrik Ibsens „Peer Gynt“ als psychologische Analyse im cinematischen Großformat im Residenztheater

Theaterkritik "Peer Gynt" im Residenztheater präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Auf der Suche nach dem Gyntschen Ich schafft die Inszenierung von Sebastian Baumgarten das Psychogramm eines Ichlings der 1960er Jahre zwischen halluzinogenem Weltenspiel und dokumentarischer Psychoanalyse. Die Textbasis bildet Angelika Gundlachs Übersetzung aus dem Norwegischen, ergänzt durch zeitgenössische Formulierungen und durch ein psychoanalytisches Gutachten Peer Gynts durch die Berliner Therapeutin Jule Dräger. Intensiviert durch Live-Musik gelingt ein multispektraler Theaterabend zwischen exaltiertem Spiel und analytischer Distanz, eingebettet in bildgewaltige cinematische Szenen, die sich im Gedächtnis festhaken…