Annette Mingels „Evas Tochter“ © Penguin Verlag
Was macht Annette Mingels neuer Roman „Evas Tochter“ so spannend? Sie erzählt aus der Perspektive von acht Frauen von Mutter-Tochter-Beziehungen, familiären Konflikten, Einsamkeit und Selbstbestimmung.
„Das Zelt tauchte Mitte Juli auf. An einem Montagmorgen stand es plötzlich auf dem Bürgersteig vor der Clüver’schen Villa.“ Wer ist die Frau, die darin lebt? Es ist Sophie, Evas Tochter.
„Evas Tochter“ – aus acht Perspektiven
Sophie bleibt zunächst ein Geheimnis. Annette Mingels erzählt nicht chronologisch. Jedes der acht Kapitel eröffnet eine neue Perspektive auf Sophie, die erst im fünften Kapitel ihre Eigenwahrnehmung darstellen darf.
Aus der Collage der acht Frauenporträts entwickelt sich wie in einem Film mit harten Schnitten ein komplexer und differenzierter Blick auf Mutter-Tochter-Beziehungen und die sich über zwei Generationen hinweg wiederholenden Konflikte zwischen den Ehepartnern. Aus zahlreichen Rückblenden entsteht ein kantiger Familienroman mit enthüllendem Blick auf persönliche Missverständnisse, enttäuschende Beziehungen und fehlende menschliche Stärke.
„Evas Tochter“ – Handlung
Fast in jedem Kapitel erhellt Annette Mingels durch eine Frau, warum Sophie so ist, wie sie ist. Gleichzeitig wird in jedem der acht Frauenporträts ein besonderes menschliches Problem sichtbar. Die Masken fallen. Der Kitt der Höflichkeit bröselt. Im Gehirn entsteht ein komplexes Soziogramm.
Eine junge Frau wie eine Obdachlose im Zelt zu erleben, macht die Künstlerin Greta nachdenklich. Sie glaubte, die Erziehung ihrer drei Kinder mit ihrer künstlerischen Begabung als Malerin verbinden zu können, und scheiterte. Sie versucht es noch einmal.
Unvermittelt folgt Wandas Blick auf Sophie. Als dickes Mädchen stand sie immer im Schatten der hübschen, begehrten Schulfreundin.
Hanne, Evas Freundin, erweist sich als die gutmütige Frau, die sich nicht scheut, sich immer wieder um Sophie zu kümmern, auch wenn sie durch deren plötzliches Verschwinden und Erscheinen sehr leidet.
Lilli, Abiturientin, die keine Männer mag, ist eine starke Persönlichkeit. Sie weiß ihre Ziele umzusetzen und gibt ihren Job als Cam-Girl auf, um eine Beziehung mit einer Freundin aufzubauen. Ganz anders verläuft das Leben von Sophie, deren rebellisches Verhalten sich immer mehr aus dem dominanten Verhalten ihrer Mutter und ihres psychisch labilen, gewalttätigen Freundes erklärt, der sie schließlich verlässt.
Sophie beurteilt sich selbst sehr streng, weiß um ihre Defizite und leidet unter ihrer Einsamkeit.
Eva wollte eine Supermutter sein und wurde von Sophie immer stärker verletzt, schließlich von ihrem Mann verlassen.
Judith, Witwe, sucht mit 70 Jahren auf einer Online-Dating-Plattform nach einem Mann und amüsiert sich über deren überzogene Selbsteinschätzungen.
Hjördis kämpft mit ihren Angst- und Kontrollneurosen. Auch sie wird wegen einer jüngeren Frau verlassen.
Was ist die Botschaft dieser vielschichtigen Frauenporträts? Es sind die versöhnlichen Gesten in der Gemeinsamkeit und Nachbarschaft, der positive Umgang mit den eigenen, vor allem mit den negativen Erfahrungen, und die weibliche Selbstbestimmung als Konsequenz.
Fazit zu Annette Mingels‘ „Evas Tochter“
„Evas Tochter“ liest sich spannend, weil man als Leser in den Sog gerät, mehr von Sophie zu erfahren, zumal Annette Mingels mit viel Empathie für jede Figur erzählt.
Die weiblichen Perspektiven auf Sophie sind vor allem dann interessant, wenn sie mit deren Wahrnehmung kontrastieren. Ohne Sophie-Bezug wirken Kapitel wie „Lilli“ innerhalb der Romandramaturgie aufgesetzt, um Lebensentwürfe selbstbewusster junger Frauen miteinzubinden.
Insgesamt geht es der Autorin nicht um die Details der Familiengeschichte, sondern um die menschlichen Prozesse, ohne diese zu bewerten. Das überlässt sie den Leserinnen, wiewohl die Lektüre auch männlichen Lesern Perspektiven eröffnen könnte.
Annette Mingels
Annette Mingels (*1971 in Köln) studierte Germanistik, Linguistik und Soziologie in Deutschland und in der Schweiz. Sie schloss ihr Studium mit einer Promotion ab. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit lehrt sie an verschiedenen Universitäten. Sie lebt und arbeitet bei Berlin.
In ihren fiktiven Romanen entwickelt sie aus alltäglichen Situationen subtile psychologische Porträts von Menschen, die ihr Leben und soziales Umfeld kritisch hinterfragen.
Ihr erster Roman, „Was alles war“ (2017), wurde mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. Es folgten „Dieses entsetzliche Glück“ (2020) und „Der letzte Liebende“ (2023). Am 19. August 2026 erscheint ihr vierter Roman „Evas Tochter“.
Infos zum Buch
Autorin: | Annette Mingels
Titel: | Evas Tochter
Genre: | Belletristik
Ausgabe: | Hardcover mit Umschlag
Verlag: | Penguin Verlag, München
erschienen: | 19.08.2026
Seiten: | 208
















