Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin © Julian Roeder
„Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin: Kritik zu Stockhausens monumentaler Oper mit Maxime Pascal, Susanne Kennedy und dem Helikopter-Streichquartett.
Die Deutsche Oper Berlin eröffnete mit Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ als deutsche Erstaufführung die Spielsaison 2026/2027. Unter der musikalischen Leitung von Maxime Pascal und der Regie von Susanne Kennedy wird die Oper zum meditativen Mysterienspiel über Liebe, Weltfrieden und kosmische Solidarität mit dem spektakulären „Helikopter-Streichquartett“.
Ein gigantischer Altar mit einem quadratischen Durchblick beherrscht die gestufte Bühne. Im Hintergrund rieselt permanent der Sand in Wellenstrukturen. In langen Gewändern formieren sich Chor, Sänger:innen, Instrumentalist:innen in immer neuen Konstellationen. Tänzerinnen verinnerlichen das Bühnengeschehen durch meditative Gesten. Sich ständig ändernde Farbstimmungen weiten die Bühne in luftige Höhen und kosmische Endlosigkeit.
Rund vier Stunden folgt das Publikum hoch konzentriert dem weihevollen Bühnengeschehen. Manche schließen die Augen, um die Musik noch intensiver zu hören, andere schlafen. Man muss den Hintergrund kennen, um Stockhausens Musik und die Inszenierung erfassen, würdigen und auf sich wirken lassen zu können.
Stockhausens Weltverbesserung
Selbst katholisch sozialisiert, später durch viele Reisen kulturell und religiös internationalisiert, geht es Stockhausen um nichts Geringeres als um die Weltverbesserung durch Musik. Nicht die Musik will er verbessern, sondern die Menschen. Musik und Rituale sind für ihn die Mittel, um den ewigen Kampf zwischen Erzengel Michael und seinem Kontrahenten Luzifer mit Hilfe Evas als Schlichterin zu beenden. Insofern handelt „Mittwoch aus Licht“ vom Sieg der Liebe und Solidarität über den Krieg mit futuristischem Blick auf den intergalaktischen Frieden und einer neuen, aus unterschiedlichsten Silben bestehenden Weltsprache, die über den Chor immer wieder hörbar wird.
Stockhausens musikalische Superformel
Das Faszinosum ist nicht die Inszenierung, sondern die Musik. Drei miteinander verschränkte Hauptlinien, die Stockhausen den drei Protagonisten zuordnet, zerlegt er in kleine intervallische Bausteine, woraus er wiederum wie bei einer DNS neue Gestaltungsformen kreiert. Diese melodischen, rhythmischen, dynamischen Facetten in unterschiedlichen Klangfarben dreifach übereinandergeschichtet wahrzunehmen, ist das eigentliche Hörerlebnis.
„Orchester-Finalisten“ ohne Dirigent
Dazu kommt, dass es in diesem Orchester wie in einem Kammerspiel keinen Dirigenten gibt. Die 14 Instrumentalist:innen spielen in der zweiten Szene, die „Orchester-Finalisten“, ihre Partien jeweils solistisch. Exaltiert halten sie ihre Instrumente in extremen Schräglagen, um zusätzliche Klangeffekte zu erzielen. Das Cello lässt Wasser rauschen, Möwen zwitschern, Motoren knarzen. Das Fagott bohrt in die Tiefe. Die Tuba macht Bedrohung hörbar. Die Querflöte oszilliert zwischen Gesang und Tonmeditation. Dazu passen die Videos mit Vögeln im Gleitflug, immer dichter werdende Vogelschwärme und zu Lucifers Posaune eine Elefantenherde, die alles niedertrampelt. Musikalisch exquisit!
Das Helikopter-Streichquartett
Das große, mehr technische als musikalische Event ist allerdings die dritte Szene, das „Helikopter-Streichquartett“. Es wurde kurz vor der Premiere am 5. September am Flughafen Schönhagen südlich von Berlin tatsächlich live aufgeführt und für die Bühnenproduktion filmisch aufgezeichnet. Stockhausen trennt das Streichquartett, das als Kammerspiel auf räumlicher Nähe basiert, und fusioniert es mit den Rotor-, Motor- und Windgeräuschen, wodurch die Musik als neue Einheit erlebt werden kann.
Mit vier Hubschraubern, vier Piloten, vier Musiker:innen, vier technischen Equipments in den Hubschraubern und einer Bodenstation, ist das ein enorm aufwändiges Projekt. Trotzdem ist gerade diese Szene die einzige von „Mittwoch aus Licht“, die schon öfter realisiert wurde.
Als 25-minütige Video-Übertragung verliert das Streichquartett allerdings schnell an Spannung, weil die musikalischen Linien in hektischer Monotonie von den Fluggeräuschen derart dominiert werden, dass die Musik zu einer weiteren Lärmstressebene degradiert. Das ist konzeptionell nachvollziehbar, aber als Hörerlebnis zu langweilig.
Susanne Kennedy und Markus Selg
Stockhausens anspruchsvolle und gewöhnungsbedürftige Musik nach seinen strengen Regieanweisungen auf die Bühne zu bringen, war für Regisseurin Susanne Kennedy, wie sie in einem Interview bekennt, eine große Herausforderung. Zusammen mit Bühnenbildner Markus Selg entwickelt sie eine meditative Performance. Alle Darsteller:innen bewegen sich langsam. Würdevoll schreitend formieren sie sich zu ritualisierten Positionen. Kennedy erweitert die Performance um sechs Tänzer:innen, die durch Gesten den Meditationscharakter und die multikulturelle Verschmelzung verstärken. Das wirkt alles sehr statisch, getragen, zuweilen pathetisch, nicht zuletzt durch die wallenden Gewänder, die durch überzogene kulturelle Details allerdings nur dekorative Akzente setzen. Farb- und Videoeinblendungen (Markus Selg, Warja Rybakova) schaffen atmosphärische Stimmungen, zumal dramaturgisch nicht viel passiert.
Vom „Weltparlament“ und kosmischen „Michaelion“
Die eigentliche Handlung vollzieht sich in der ersten und vierten Szene. Im Welt-Parlament beschwört der Präsident, der wegen falschen Parkens die Bühne verlassen muss und von einer Frau ersetzt wird, Liebe und Solidarität. Im „Michaelion“ wird nach der Bekehrung Lucifers durch Michael und die Vermittlung Evas Luzi-Kamel zum neuen Präsidenten gewählt, um den kosmischen Frieden herbeizuführen, der durch Symbole im transparenten Quadrat des Altars ganz nahe rückt. Das wirkt zuweilen sehr abstrus und lässt an Scientology, Kölner Karneval und Georg Orwells Überwachungssystem „1984“ denken.
Die fehlende Dramaturgie gegen Ende durch immer intensivere Videoüberflutung auszugleichen, nervt. Da hilft nur, die Augen zu schließen, um die Optik auszublenden, damit man sich auf die Musik konzentrieren kann.
Lohnt sich Stockhausens „Mittwoch durch Licht“?
Stockhausens Musik ist das eigentlich faszinierende Zentrum dieser Aufführung – während die Inszenierung zwischen meditativer Konzentration, visueller Überfrachtung und Pathetik schwankt.
Für die Deutsche Oper Berlin ist die Inszenierung ein enormer Imagegewinn und zeigt einmal mehr den Mut dieses Hauses neue Wege zu gehen.
Infos Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Maxime Pascal |
| Dirigent Welt-Parlament: | Jeremy Bines | |
| Regie: | Susanne Kennedy | |
| Bühnenbild: | Markus Selg | |
| Videos: | Markus Selg, Warja Rybakova | |
| Kostüme: | Andra Dumitrascu | |
| Performer:innen: | Marie Groothof, Tarren Johnson, Ixchel Mendoza Hernández, Dominic Santia, Laurie Young | |
| Mit: | Weltparlament: | Chor der deutschen Oper |
| Orchester-Finalisten: | Ensemble Le Balcon | |
| Helikopter-Streichquartett: | Anna Matz (Violine I), Monia Rizkallah (Violine II), Kirsikka de Leval Jezierski (Bratsche), Arne-Christian Pelz (Violoncelo) | |
| Michaelion | Ensemble Le Balcon, Robin Adams (Operator), Julie Brunet-Jailly (Flöte), Mélanie Haas (Bassetthorn), Henri Deléger (Trompete), Mathieu Adam (Posaunuß), Alain Müller (Synthesizer) | |
| Uraufführung: | Birmingham 2012 | |
| Deutsche Erstaufführung: | am 19. September 2026 an der Deutschen Oper Berlin | |
| Dauer: | 4 Std. 30 Min. inklusive zweier Pausen | |













