Musikfest Berlin RIAS Kammerchor, GrauSchumacher Piano Duo unter der Leitung von Gregor Meyer © Michaela Schabel
Konzertkritik zu Hans Werner Henze und Johannes Brahms mit dem RIAS Kammerchor, Gregor Meyer und dem GrauSchumacher Piano Duo.
Musikfest Berlin 2026: Henze und Brahms im Kammerkonzertsaal
Was haben Henzes „Notturno“ und „Musen Siziliens“ und Johannes Brahms‘ „Liebeslieder“ gemeinsam? Das Programmheft begründet die Auswahl, mit dem Spaß am Musizieren. Für die Zuhörer:innen kommt noch ein wesentlicher Grund hinzu. Von „Notturno“ abgesehen kreisen sie um die Liebe aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven: romantisch bei Brahms, mit modernen Klangwirkungen bei Henze.
Henzes „Notturno“
Nur acht Minuten dauert Henzes Serenade „Notturno“ (1995), die er dem Dirigenten Klaus Rainer Schöll widmete. Ruhig und entspannt, mit Grazie und großer Expression ist das Werk für Blasinstrumente, Kontrabass und Klavier komponiert, weg von der Polyphonie zur Dodekaphonie. Unter der Leitung von Gregor Meyer beginnt diese Serenade sehr klar und ruhig, nimmt aber schnell an Volumen zu, schraubt sich überraschend ins Fortissimo, beruhigt sich wieder und baut eine geheimnisvoll schwebende Stimmung auf, akzentuiert von langen Bläsertönen, Flötentrillern, allein der Kontrabass ist kaum hörbar.
Musen Siziliens
Nach diesem bereits dynamisch intensivierten atmosphärischen Einstieg steigert Gregor Meyer bei den „Musen Siziliens“ (1966) Tempi und Dynamik noch stärker. Vor 60 Jahren komponierte Henze das dreisätzige Werk im Auftrag der Sing-Akademie zu Berlin für gemischten Chor, zwei Klaviere, Bläser und Pauken auf Eklogen-Fragmente von Vergil.
Durch die ungewöhnliche Instrumentierung, eingängige Melodik, nicht zuletzt durch das schwungvoll gezirkelte Dirigat wird Henzes Stil nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar: tonale Zentren statt strenger Zwölftonmusik und orchestralen Gesamtklangs, Stimmen und Instrumente als eigenständige Klangkörper statt in untermalender Funktion.
Dirigent Gregor Meyer
Henzes Musiksprache bringt Dirigent Gregor Meyer durch starke Dynamik und minimal gesetzte, aber extrem klare Generalpausen sehr transparent zur Wirkung.
Schon im „Pastorale“ steigern nach lebhaften dissonanten Klavierpassagen die Bläser die Dynamik, die in wuchtigen Paukenschlägen kulminieren und wieder verstummen, um dem RIAS Kammerchor Raum zu geben. Im „Adagio“ verschmelzen Chor und Bläser zu einem glitzernden Klangteppich, der zunächst ruhig dahinschwebt, sich durch ein kraftvolles Crescendo hochschaukelt und sich in ein akustisches Erdbeben, gleichsam der besungenen göttlichen Unveränderbarkeit und Wirkung Amors verwandelt. Ekstatisch, außer Rand und Band und doch präzise ausgelotet und in Balance präsentiert Meyer „Silenus“ als synergetischen Höhepunkt.
Brahms’ „Liebeslieder-Walzer op. 52“
Bei Brahms’ „Liebesliedern“ (1868/69) umrahmt der Chor stehend die Musiker:innen. Das GrauSchumacher Piano Duo spielt ganz nah beieinander vierhändig am Klavier. Das optische Näherrücken signalisiert traditionelle Geborgenheit. Gregor Meyer bleibt dabei seinem extrem temperamentvollen Dirigat treu, um die Narrative über die Liebe dynamisch auszuleuchten. Das passt sehr gut zur Kritik der „bösen Mäuler“ mit ihren „giftigen“ Deutungen (Lied 11 und 12), nimmt aber anderen Liedern ihren subtilen Charme und deckt im letzten Lied das vierhändige Klavierspiel zu. Weniger Fortissimo, mehr Subtilität wäre mehr gewesen, wie die Lieder 14 und 15 bei Mondschein und Nachtigall und das klangschön artikulierte Solo von Nr. 17 zeigen.
Der Rias-Kammerchor
Das Henze-Brahms-Konzert zeigt einmal mehr die Vielseitigkeit des RIAS Kammerchors Berlin, dessen Repertoire von der historischen Aufführungspraxis bis zur zeitgenössischen Musik reicht. Mit nur 34 Sänger:innen bleibt das vokale Klangbild bewusst differenziert, was vorzüglich zu Henzes Kompositionsstil passt. Mit der Interpretation von Henzes „Musen Siziliens“ erweitert der RIAS Kammerchor vortrefflich sein zeitgenössisches Repertoire.
Fazit:
Henze und Brahms in einem Konzert zu hören, ist auf jeden Fall ein spannendes Erlebnis, weil es ganz unterschiedliche Klangwelten bewusst macht, und auch ein seltenes Erlebnis, weil die „Musen Siziliens“ bislang nur selten aufgeführt wurden. Die Kritik zeigt aber auch, dass sowohl in der klassischen als auch in der zeitgenössischen Musik zu starke Dynamiken subtile, spielerische Klangstrukturen schnell überlagern und den musikalischen Genuss mindern.
Das Publikum war dennoch begeistert. Anhaltender Applaus und Bravorufe ließen vergessen, dass das Konzert trotz des kleineren Kammerkonzertsaals bei weitem nicht ausverkauft war.
Einen Vergleich zu Henzes 9. Sinfonie am Abend zuvor findet man unter www.schabel-kultur-blog.de.
Infos zum Konzert:
Programm: | Hans Werner Henze: Notturno
| Hans Werner Henze: Musen Siziliens (1966)
| Johannes Brahms: Liebeslieder-Walzer, op. 52
| (1868/69)
Musikalische Leitung: | Gregor Meyer
Mitwirkende: | RIAS-Kammerchor
| Instrumentalist:innen der Jungen Philharmonie
| GrauSchumacher Piano Duo
Veranstalter: | Berliner Festspiele, Musikfest Berlin in Kooperation
| mit dem RIAS Kammerchor Berlin













