Benedikt Schulz(Hamlet), Antonia Reidel (Gertrude) bei den Burgenfestspielen des Landestheaters Niederbayern 2026 © Landestheater Niederbayern, Foto: Peter Litvai
Markus Bartl und Philipp Kiefer präsentieren bei den Burgenfestspielen des Landestheaters Niederbayern 2026 einen spannenden „Hamlet“.
„Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage.“ Auf Hamlets berühmten Ausspruch fokussiert das Inszenierungsduo Markus Bartl und Philipp Kiefer. Mit Benedikt Schulz in der Hauptrolle gelingt ein mitreißender „Hamlet“ über die existenziellen Fragen des Menschseins.
„Hamlet“ in der Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schalenec
Dass die Inszenierung des „Hamlet“ am Landestheater Niederbayern so spannend wirkt, liegt natürlich auch an der Wahl der Übersetzung. Jürgen Gosch und Angela Schalenec entstaubten 2019 die feierlich-kunstvollen Deklamationsstil, der sich durch Wilhelm Schlegels Shakespeare-Übersetzungen (1797-1810) über 200 Jahre hinweg etablierte. Statt edel zu philosophieren, dürfen die Figuren jetzt aus ihrem Inneneben sprechen. Sie geben nicht huldvoll Meinungen von sich, sondern hadern mit sich selbst, mit dem Sinn ihres Handelns und ihrer Verantwortlichkeit für ihr Leben.
Inszenierung Markus Bartl & Kiefer
Regisseur Markus Bartl setzt auf Reduzierung und Laborcharakter. Aufgereiht sitzen die sieben Protagonisten nachdenklich nebeneinander. In schnellen Auf- und Abtritten, kurzen Dialogen entfaltet sich rasant die angespannte Konstellation im dänischen Königshaus. Hamlets Mutter vermählte sich nach nur einem Monat der Trauer mit dem Bruder des Gatten. Claudius, der Onkel, ist jetzt der König von Dänemark und Hamlets Stiefvater. Als Hamlet der Geist des leiblichen Vaters erscheint und Rache für seine Ermordung fordert, ist Hamlet völlig überfordert und wird selbst zum Mörder.
Markus Bartl bringt die Geschichte überaus spannend auf die Bühne im Prantlgarten, indem er ganz unterschiedliche theatrale Stile collagiert. Im flott getakteten Geschehen erscheinen Hamlets und Ophelias Monologe und Dialoge als psychologisches Kammerspiel. Katharina Elisabeth und Larissa Sophia Farr sorgen als Rosencrantz und Guildenstern sorgen, im Doppelpack wie synchron ferngesteuerte Roboter, mit perfektem Timing immer wieder für groteske Erheiterung. Als Totengräber enthüllen sie komödiantisch die klerikalen Bestattungsrituale je nach sozialem Status. Mit dem Spiel im Spiel und einer fulminanten Fechtszene intensiviert Markus Bartl mit ganz traditionellen dramaturgischen Mitteln die Spannung. Nur das Erscheinen des Geistes von Hamlets Vater befremdet optisch. Ursula Erb als alten, blutleeren Mann mit Halbglatze in beigen Farbtönen zu zeigen, passt weder zum Bild des sympathischen, einzigartigen Vaters, von dem immer die Rede ist, noch erkennt man darin die Anspielung auf den ehemaligen Intendanten Klaus Schlette, deren Bedeutung sich in diesem Kontext ohnehin nicht erschließt.
Bühne und Ausstattung im Blau
Philipp Kiefer sorgt für die atmosphärische Verdichtung bei den Burgenfestspieln. Er verwandelt die Open-Air-Bühne in einen royalen Palast, den langjährige Theatergänger:innen als Nachbau des alten Stadttheaters wiedererkennen. Durch die Ausstattung aller Hauptfiguren in blauen Anzügen und Kleidern, sogar die Fingernägel sind hellblau, erhält die Szenerie eine zeitgenössische Elite-Optik und durch die Symbolik von Blau einen gewissen Hoffnungsschimmer, den allerdings das finale Vergiftungsmassaker zunichte macht. Ein Gazevorhang im Hintergrund lässt die Landshuter Stadtmauern durchschimmern und visualisiert Hamlets eingekerkertes Lebensgefühl.
Der Sound der Seele,
Die seelischen Nöte, die bei allen Figuren immer stärker an die Oberfläche gelangen, verdichten sich durch den sehr subtil eingesetzten sphärischen Hintergrundsound von Theaterkomponist Niklas Handrich. Wenn „Hamlet“ die Worte fehlen, Verzweiflung sich ausbreitet und Innenwelten ins Wanken geraten, verdeutlichen filigrane Tonflächen die existenzielle Unbehaustheit der Figuren.
Benedikt Schulz als Hamlet
In Markus Bartls Version ist Hamlet ein Suchender, brillant gespielt von Benedikt Schulz. Er beherrscht die Kunst subtiler Charakterisierung, zeigt den folgsamen Prinzen, den Rebell, den Rächer, vor allem den philosophischen Existenzialisten, der an der Diskrepanz zwischen aufgetragener Rache und eigenen Werten zerbricht. Von einer Sekunde auf die andere spielt er herrlich parodistisch den Wahnsinnigen zur Tarnung, um sich dem höfischen Geschehen zu entziehen, ist dann wieder „normal“ und plötzlich ganz nah am Abgrund der Verzweiflung im Zustand echter Wahnvorstellungen. Dieser Hamlet ist kein Täter, sondern Opfer infolge machtgieriger Intrigen.
Ophelia und Getrud
Opfer ist auch Ophelia. Katharina Schmirl spielt sie mit mädchenhafter Unschuld, mit dem Temperament der ersten großen Liebe, die sie durch das Pflichtbewusstsein als ergebene Tochter nicht ausleben darf. Oder doch? In Markus Bartls Version wirkt Ophelias sexuelles, die Standesgrenzen überschreitendes Verhalten, das sie im Wahn besingt, sehr lebensnah.
Antonia Reidel, mit blonder Perücke, überschminkt, zunächst wie eine dekorative Influenzerin, wird sich erst durch Hamlets Theaterspiel der Ermordung ihres Mannes bewusst und geht zu Claudius auf Distanz. Durch ihre mütterlichen Sorge um Hamlet und ihre schwiegermütterliche Trauer um Ophelia wertet sie Gertrude auf, die auch nur ein Opfer ist. Reinhard Peer lässt selbst in Claudius, wenn auch nur sehr kurz, Momente innerer Schulderkenntnis aufleuchten. Doch bei ihm überwiegt der Drang zur Macht.
Ein Unglück kommt selten allein. Am Schluss sind alle gemordet. Marschschritte verkünden das Nahen des Feindes. Fortinbras, der Prinz von Norwegen, übernimmt das Chaos. Bessere Zeiten scheinen nicht in Sicht.
Fazit der „Hamlet“-Kritik am Landestheater Niederbayern
„Hamlet“-Inszenierung am Landestheater Niederbayern besticht konzeptionell und schauspielerisch. Eine Szene überrascht durch den ständigen Wechsel von innerer Spannung, komödiantischer Parodie und atmosphärischer Verdichtung.
| Künstlerisches Team: | Regie: | Markus Bartl |
| Ausstattung: | Philipp Kiefer | |
| Musik: | Niklas Handrich | |
| Dramaturgie: | Danau Dessau | |
| Mit: | Hamlet | Benedikt Schul |
| Claudius, König von Dänemark | Reinhard Peer | |
| Geist, Priester | Ursula Erb | |
| Gertrude, Königin von Dänemark | Antonia Reidel | |
| Polonius, Staatrat | Joachim | |
| Laertes, sein Sohn | Julian Ricker | |
| Ophelia, seine Tochter | Katharina Schmirl | |
| Horatius, Hamlets Freund | Stefan Merten | |
| Schauspieler, Fortinbras, Prinz von Norwegen | Stefan Sieh | |
| Rosencrantz, 1. Totengräber | Katharina Elisabeth Kram | |
| Guildenstern, 2. Totengräber | Larissa Sophia Farr | |
| Dauer: | 2 Std. 30 Min. eine Pause | |
| Premiere: | 19.06.2026 in Passau 30.06.2026 in Straubing 03.07.2026 in Landshut | |
| Bewertung | ⭐⭐⭐⭐☆ |














