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Peter Sloterdijk „Der Fürst und seine Erben“ – Buchrezension über die Macht der Fürsten bis zur Aushöhlung der Demokratie

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Peter Sloterdijk „Der Fürst und seine Erben“ – Buchrezension über die Macht der Fürsten bis zur Aushöhlung der Demokratie

„Der Fürst und seine Erben“, Peter Sloterdijk © edition suhrkamp

Warum Demokratien neue Fürsten hervorbringen: Peter Sloterdijks analysiert in „Der Fürst und seine Erben“ die Wiederholung alter Machtmuster

In „Der Fürst und seine Erben“ erklärt Peter Sloterdijk von Caesar bis Trump, warum die Demokratie absolutistische Fürsten gebiert und dabei die Vertikalität zwischen Herrschern und Volk immer mehr verwildert.

Trump als Fürst 

Schon das Titelbild bringt Peter Sloterdijk neues Buch „Der Fürst und seine Erben“ gekonnt auf den Punkt. KI generiert blickt Trump im Stil eines Renaissance-Fürsten vor harmonischer Landschaft in die Weite. Inspiriert von Niccolò Machiavelli (1469 – 1527) und seinem berühmten Text „Der Fürst“ entwickelt Sloterdijk seine Theorie seine Vertikalitätstheorie, in der sich das Verhältnis zwischen Herrscher und Volk von der Antike bis in die Gegenwart spiegelt. 

Der Fürst und seine Erben

Inthronisiert von Gottes Gnaden waren der Willkür der Herrscher keine Grenzen gesetzt. Dass das Volk dies akzeptierte, lag an der Gottesgläubigkeit. Die Vertreibung aus dem Paradies konfrontierte die Menschen mit einer Realität, die einen Überlebenskampf bedeutete, gelenkt von einem Gott und dessen Wohlwollen. Daraus entwickelten sich Opferrituale und sein Herrschermodell, das Humanität, aber auch Bestialität beinhaltete und das Volk zu gehorsamen Untertanen degradierte.

Peter Sloterdijk verfolgt diese vertikalen Machtstrukturen, bis zu den Ritualen im alten Ägypten zurück. Caesar, ein ausgezeichneter Feldherr, kürte sich durch göttliche Erscheinungen zum Kaiser mit Erbansprüchen seitens seiner Nachkommen, über Jahrhunderte hinweg von anderen Herrschern wie Napoleon kopiert. 

Um an der Macht zu bleiben, mussten alle Konkurrenten aus dem Weg geschafft werden. Dazu wurde jedes Mittel als legitim erklärt, was keinerlei Probleme darstellte, denn die Herrscher waren auch die Richter. Herrschaft degradierte zum Schmierentheater, mehr Schein als Sein, ohne Verantwortung gegenüber dem Volk. Peter Sloterdijk spricht von verwildeter Vertikalität. 

Die Erben des Fürsten – das überforderte Volk 

Zwangsläufig ergab sich daraus die Rebellion. Doch warum verwandelten sich  Revolutionäre wieder in Monarchen, zwar nicht von Gottes Gnaden, sondern vom Volk gewählt? Aufklärer wie Kant oder Spätromantiker wie Novalis formulierten, dass jeder König sein könne. Doch das ungebildete Volk war schlechthin von der Überschreibung der Souveränität überfordert. Es war domestiziert zu gehorchen, unfähig, Pflichten im Staat zu übernehmen. Zum anderen verursachte die Krise des religiösen Glaubens die Krise der Demokratie, indem die humane Wertorientierung verloren ging.  

Die Erben des Fürsten – Strategien zum Machterhalt

„Jede Macht, ob ererbt oder angeeignet, ist anfechtbar und bedarf der Unterdrückung“, so Niccolò Machiavelli. Von Konkurrenten bedroht, greifen demokratisch gewählte Herrscher wieder auf alte bewährte Verhaltensmuster zurück: Lähmung des Parlaments, Einengung der Meinungsfreiheit, Einflussnahmen auf die Judikative und die Religion. Als „moralische Tapete für eine imperiale Großmacht“ kritisiert Peter Sloderdijk den Kyrill I., Partriarch von Moskau, Freund Putins, ein ehemaliger KGB-Mann.

Die Erben des Fürsten – erweitert durch Unternehmer und Musiker

Im 19. Jahrhundert bekommen die Mächtigen Konkurrenz durch die Großunternehmer. Rockefeller, Rathenau, Ford  und Krupp stiegen zur „außerparlamentarischen Aristokratie“ auf. Joseph Schumpeter wandelte ihr Image von „Ausbeutern“ zu „Trägern schöpferischer Initiative“. Im 21. Jahrhundert beeinflussen IT-Spezialisten weltweit die Weltpolitik. Als weiteren Machtfaktor erwähnt Peter Sloterdijk die Macht der Musik.

Selbstdeutung  der Fürsten

Heutige Herrscher suchen wieder nach einer Aura, für das Amt bestimmt zu sein. Narendra Modi lässt sich als 11. Neuinkarnation des Verwandlungsgottes Vishnu feiern. Berlusconi fühlte sich „als Jesus Christus der Politik“. Für Erdogan ist die Demokratie „nur der Zug, um anderswohin zu fahren.“

Peter Sloterdijk sieht die Politik angesichts der zunehmenden unlösbaren Probleme immer mehr ins Absurde abgleiten. Heideggers Spruch „Nur noch ein Gott kann uns helfen“, gilt nicht mehr. „Nur noch ein Idiot?“

Die Menschen sind zur Freiheit verdammt und dazu aufgerufen, auf ihre Weise etwas Größe zu zeigen. 

Fazit zu „Der Fürst und seine Erben“

Ausgehend vom Niccolò Machiavellis Modell des Renaissance-Fürsten zeigt Peter Sloterdijk ausgesprochen vielschichtig, wie sich die Fürsten als Herrschermodell von der Antike bis zur Gegenwart gleichen und sich wiederholen, obwohl sich in der Vertikalität, der Beziehung von Souverän und Volk, die Prämissen geändert haben. An konkreten Beispielen, untermauert durch andere philosophische Meinungen, entsteht ein sehr plastisches Bild von der Willkür der Mächtigen, die durch die horizontale, räumliche Vernetzung immer mehr zunimmt. Der Fürst ist nie verschwunden, er hat nur seine Legitimation verändert. 

Dass das Volk immer weniger bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich immer mehr in die Konsumentenrolle abdrängen lässt, hätte durchaus etwas expliziter dargestellt werden können.

Doch Peter Sloterdijk zu lesen, ist wegen seiner großen Belesenheit und seiner zugespitzten Formulierungen, nach wie vor ein ganz besonderer Genuss. 

Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben – Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute, edition suhrkamp, Berlin 2026, 189 S.