Tschechow, „Drei Schwestern © Berliner Ensemble, Foto: Jörg Brüggemann
Krieg statt Sehnsucht – zu viel Regietheater? Mateja Koležniks sorgt durch ihre radikale Neuinterpretation von Tschechows „Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble für Irritationen – Kritik zur Inszenierung 2026…
„Nach Moskau“ wollen die drei Schwestern. Das verbindet Olga, Irina und Mascha mit Tschechows Original. Alles andere ist anders in Mateja Koležniks Inszenierung am Berliner Ensemble.
„Drei Schwestern“ – Tschechows Original von 1901
Die drei Schwestern wohnen in einer provinziellen Gouverneurstadt, wohin der verstorbene Vater, ein General, versetzt worden war. Sie träumen von einem besseren Leben in Moskau. Irina Prozorow, die Jüngste, erhofft sich dort idealistisch durch Arbeit Glück und ein sinnerfülltes Leben. Mascha ist frustriert von ihrer Ehe und sucht nach einer leidenschaftlichen Liebe, die sie – nur kurz – in der Beziehung mit Werschinin findet. Olga, die Älteste, fühlt sich von ihrer Arbeit als Lehrerin erschöpft. Sie sehnt sich nach weniger Pflicht und nach innerer Ruhe. Bruder Andrej verspielt das Familienvermögen und damit die Aussicht, nach Moskau zu gehen.
Tschechow: Vorreiter des existenziellen Theaters
In typischer Tschechow-Manier träumen die Figuren von einer Zukunft, philosophieren über das Leben über drei Jahre hinweg, ohne zu merken, dass sich die Welt um sie herum ändert.
Als Vorläufer des existenziellen Theaters sind Tschechows Figuren nicht mehr handlungsfähige Individuen. Sie werden von den gesellschaftlichen Veränderungen überrollt. Die bürgerlichen Parolen von Aufklärung, Humanität, Arbeit und sozialer Gerechtigkeit schießen ins Leere. Das Feuer, das die halbe Stadt vernichtet, ist bereits die metaphorische Vorankündigung der Revolution. Das Stück bietet sich an für eine zeitkritische Neuinterpretation.
Inszenierung am Berliner Ensemble: Kriegsszenario
Das ist der Ansatzpunkt für Regisseurin Mateja Koležnik. Sie verlegt das Geschehen direkt in eine angespannte Kriegssituation, um die gegenwärtige politische Situation zu spiegeln. Grau in Grau verwandelt sich die Bühne in einen Militärbunker. Eine Stahltreppe führt nach oben in eine nicht einsehbare Privatwohnung. Das Geschehen spielt sich um einen schmucklosen Kantinentisch und auf der Treppe ab. Hier wird gefeiert, getrunken, kommuniziert, geprügelt und getanzt. Der Hintergrund mit einem verglasten Gang verweist auf eine moderne militärische Technik, ein Schnurtelefon verortet dennoch das Bühnengeschehen in der Vergangenheit. Immer wieder heulen Alarmsignale auf, hört man Kampfflieger vorüber brausen.
Kostüme spiegeln traditionelles Rollenverhalten
Die Frauen wirken in braunen engen Röcken stereotyp, funktional und doch sehr weiblich. Irina sticht im grünen Kleid heraus. Natascha, die Schwägerin aus kleinen Verhältnissen, gibt sich konservativ mondän mit Pelzmantel und Pelzmütze. Sie hat sich hochgeheiratet. Statt Verständnis zu zeigen, agiert sie hierarchisch. Sie will die alte Kinderfrau, die 30 Jahre bei Prozorows gedient hat, gegen den Willen Olgas aus dem Haus jagen. Die Männer in Uniformen vermitteln männliche Dominanz und unterstreichen militärische Hierarchien.
Mateja Koležniks sozialkritisch-militante Version
Bei Tschechow bedauert der Oberstleutnant, dass die Zeit, Kriege zu führen, vorbei ist und das Militär überflüssig ist. Mateja Koležniks abgeänderte Textversion fokussiert auf das globale Kriegsgeschehen unserer Zeit. “Die ganze Menschheit ist mit Kriegen beschäftigt, die ganze Existenz ist voller Feldzüge, Eroberungen, Siege. Immer auf der Suche nach etwas. Ach, wenn wir es nur schneller finden würden.“ Es ist der militärische Rahmen, womit Mateja Koležniks Tschechows philosophierende Dialoge aushebelt und zum Spiegelbild unserer Zeit macht: Rückzug ins Private, soziale Härte und Ausgrenzung.
Davor signalisieren Warnlampen und Sirenenalarm ständige Einsatzbereitschaft, was allerdings sehr konventionell, fast altbacken wirkt. Die Soldaten sind ständig präsent, durchkreuzen das Privatleben, doch die Prosorows bleiben gelassen. Sie leben in einer Blase geerbten Reichtums und anerzogenen Standesbewusstseins und sind wie bei Tschechow nur mit ihren Liebesbeziehungen und individuellen Lebenssituationen beschäftigt.
Mateja Koležnik: witzige Akzente
Man schmunzelt über ein paar witzige Details, wenn ein knutschendes Liebespaar in einer Treppenstufe verschwindet oder die drei Schwestern zum italienischen Sommerhit „A fra l’amore comincia tu“ abtanzen und dabei Lieben, Leben, Lachen in „Moskau“ visionieren, ohne den Ernst der Lage zu bemerken. Ein Soldat informiert seine Mutter bereits per Telefon, dass er zum Einsatz nach Polen abkommandiert wurde. So zeitnah wurden Tschechovs „Drei Schwestern“ noch nie interpretiert, ausgezeichnet gespielt vom Berliner Ensemble, insbesondere von Bettina Hoppe (Olga), Constanze Becker (Mascha) und Lili Epple (Irina).
Fazit: Wenig Tschechow, viel Mateja Koležnik
Warum lässt die Inszenierung trotzdem kalt? Selbst der Applaus, bei Premieren im Berliner Ensemble in der Regel immer ausgesprochen euphorisch, bleibt in Relation dazu moderat. Zu viel Regietheater, zu wenig Tschechow? Mateja Koležniks Inszenierung irritiert, weil sie von der üblichen Erwartungshaltung abweicht, aber gerade dadurch wird Tschechow wieder aktuell und lebendig. In Tschechows Figuren spiegeln sich Probleme unserer Zeit zwischen jugendlichen Sehnsüchten, mitmenschlichen und beruflichen Frustrationen, sozialer Kälte und egoistischem Suchtverhalten, vor allem die Degradierung des Menschen zu einem unwichtigen Rädchen im Getriebe. Das motiviert nicht zum Klatschen, aber zum Nachdenken. Genau deshalb sollte man sich Mateja Koležniks Inszenierung nicht entgehen lassen, auch wenn das Regiekonzept zuweilen etwas altbacken wirkt.
Alle Infos zur Inszenierung
| Künstlerisches Team: | Regie: Mateja Koležnik |
| Bühne: Klaus Grünberg | |
| Kostüme: Ana Savić-Gecan | |
| Musik: Alen Sinkauz, Nenad Sinkauz | |
| Choreografie: Magdalena Reiter | |
| Licht: Ulrich Eh | |
| Dramaturgie: Amley Joana Haag | |
| Besetzung von Tschechows „Drei Schwestern“ | Bettina Hoppe, Constanze Becker, Lili Epple, Paul Herwig, Marina Galic, Martin Rentzsch, Josefin Platt, Tilo Nest, Sebastian Zimmler, Jannik Mühlenweg, Maximilian Diehle, Grigoriy Alimov, Daniel Carey, Antonio Drwenzski, Julius Engel, Marcus Hagen Heinemann, Tom Hendriks, Lazslo Herzfeld, Carsten Kaltner, Ben Keite, Ali Kurum, Daniel Rossmeisl, Aldo Spahiu, Rafael Weingartner. |
| Premiere in Berlin: | 23. April 2025 |
| Dauer: | 2 Stunden ohne Pause |
| Rezension: | Michaela Schabel |
| Bewertung: | ⭐⭐⭐☆ ☆ Kluges Konzept, aber etwas dröge inszeniert. |
| Programm und Tickets: | Berliner Ensemble |













