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Filmkritik: „Romería“ – Carla Simóns bewegender Abschluss ihrer Filmtrilogie

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Filmkritik: „Romería“ – Carla Simóns bewegender Abschluss ihrer Filmtrilogie

„Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ © Pfiffl Medien, Quim Vives, Mario Llorca

Filmregisseurin Carla Simón beendet mit „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ ihre Filmtrilogie als eine halb-autobiografische Spurensuche nach ihren familiären Wurzeln, wodurch der Film erzählerisch und emotional durch seine Authentizität überzeugt. Diese Filmkritik beleuchtet das besondere Potenzial von „Romería“…

„Romería“ ist ein empathischer, reflektierender Film ganz aus der Perspektive eines 18-jährigen Mädchens, dessen Eltern früh verstorben sind. Marina spiegelt das Leben der Regisseurin Carla Simón. Nach den Briefen ihrer Mutter schrieb sie „Das Tagebuch meiner Mutter“, in dem Marina immer wieder liest und das aus dem Off hörbar wird. 

Romería“ Handlung: halb-autobiografisch

Marina will in Barcelona Film studieren. Bei der Zulassungsstelle erfährt sie, dass ihr Vater sie nicht als Tochter angegeben hat. Deshalb macht sie sich auf den Weg zu ihrem Großvater, wobei sie zunächst ihre Onkel, Tanten, Cousins und ihre Großmutter kennenlernt. Schritt für Schritt enthüllt sich über Andeutungen das Leben der verstorbenen Eltern. Beide waren heroinabhängig und starben an AIDS. 

„Romería“: Bedeutung des Titels und Metapher

Marinas pragmatisch konzipierte Reise wird über die neuen Erkenntnisse und das Tagebuch der Mutter zu einer spirituellen Auseinandersetzung mit dem Lebensstil der Eltern. Diese beiden Ebenen klingen bereits durch den Titel an. „Romería“ ist das spanische Wort für Pilgerreise, im Norden Spaniens kann damit auch jedes Volksfest gemeint sein. Diese Doppelbedeutung trifft genau die beiden Ebenen des Films, 

ogenkonsum als Fest der Sinne kombiniert mit der Suche nach neuen spirituellen Welten.

Llúcia Garcia als Marina in „Romería“

Sehr empathisch, selbstbewusst und reflektiert spielt Llúcia Garcia dieses 18-jährige Mädchen, dem man die familiäre Tragik überhaupt nicht anmerkt. Marina taucht in eine ganz neue Welt ein. Der Großvater baute Schiffe, verkaufte das Unternehmen, aber die Leidenschaft für große Segeljachten blieb ein Familienmerkmal. „Was für ein Mensch wäre sie geworden, wenn sie in diesen vermögenden Verhältnissen aufgewachsen wäre?“, überlegt Marina. 

Das Drehbuch gibt Llúcia Garcia wenig Text. Sie beobachtet in erster Linie, reflektiert und kombiniert, was sie sieht, zu einer Geschichte, die sie mit den Eltern versöhnt. Gleichzeitig erkennt sie, wie auch in ihrer Generation das Drogenproblem immer noch vorhanden ist, verharmlost und vertuscht wird. Statt den Cousins konsequent Grenzen zu setzen, lassen sie den Drogenkonsum durchgehen und der Großvater verstärkt ihn noch durch großzügige Geldgeschenke. Marina grenzt sich ab, trinkt nicht, sie kifft nicht. Sie weiß, was sie will: gute Filme machen.

Hier wird der Film sehr autobiografisch. 

„Romería“: Gelungene Szenencollage 

„Romería“ ist ein tagebuchartiger Episodenfilm ganz aus der Perspektive Marinas. Die Suche nach ihrer Abstammung führt Marina an verschiedene Orte und in verschiedene Zeitebenen mit ganz unterschiedlichen Bildsequenzen und atmosphärischen Stimmungen. Marinas stilles Beobachten und Zuhören bildet den erzählerischen Grundrhythmus, schafft darüber hinaus eine ironische Distanz zum temperamentvollen Umgang in dieser begüterten katalanischen Großfamilie. Kombiniert mit magischen Schwimmszenen unter Wasser gewinnt der Film an spiritueller Verdichtung zwischen Ab- und Auftauchen, psychischer Verdunklung und Licht am Horizont. Der leise Soundtrack, immer wieder mit Flamencorhythmik durchpulst, intensiviert das emotionale Erleben Marinas und das ihrer Eltern.

Regisseurin Carla Simón: Film als Therapie

Schon mit ihrem ersten Film wollte Carla Simón ganz gezielt ihren „Eltern ein eigenes Werk widmen“, um die eigene Lebensgeschichte aufzuarbeiten und fehlende Erinnerungen durch eine Filmtrilogie zu ersetzen. Mit „Fridas Sommer“ zeigte sie ihre Lebensgeschichte aus der Perspektive eines 6-jährigen Mädchens. In „Alcarràs – Die letzte Ernte“ (https://schabel-kultur-blog.de/kino/carla-simons-alcarras-die-letzte-ernte-ein-wehmuetiges-portraet-ueber-den-wandel-laendlicher-strukturen/) setzte sie sich mit den ökonomischen und damit einhergehenden familiären Veränderungen in einer ländlichen Großfamilie auseinander, die als Pfirsichbauern wegen der großindustriellen Konkurrenz nicht mehr überleben können. In „Romería“ spiegeln sich beide Ebenen und bekommen durch die selbstständige, psychisch belastbare Marina mit ihrer Leidenschaft für den Film eine neue Perspektive, Film als Therapie. 

Resümee der Filmkritik:

Die Filmkritik zu „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ zeigt, dass Carla Simón mit ihrem neuen Film ein beeindruckender Abschluss für ihre Trilogie gelungen ist. Der Film mit drei bedeutsamen Themen in unterschiedlichen filmischen Handschriften beweist einmal mehr ihr vielseitiges Talent als Filmemacherin. Der Film ist besonders für Zuschauer:innen geeignet, die sich für Identitätsfindung interessieren.

Infos zum Film

Drehbuch, RegieCarla Simón
BesetzungLlúcia Garcia Mitch                    Tristán Ulloa  u. a. 
Dauer115 Minuten
Filmstart02.04.2026
Bewertung⭐⭐⭐⭐☆