"Kultur macht glücklich"


Shakespeares „Sommernachtstraum“ in Landshut – Theaterkritik zur Premiere am Landestheater Niederbayern

Veröffentlicht am:

von

Shakespeares „Sommernachtstraum“ in Landshut – Theaterkritik zur Premiere am Landestheater Niederbayern

Shakespeares „Sommernachtstraum“ am Landestheater Niederbayern © Peter Litvai

Kritik beleuchtet Astrid Großgasteigers feministische Interpretation, atmosphärische Bilder und schlichte Personenregie.

Von 2013 bis 2016 leitete Astrid Großgasteiger die Sparte „Junges Theater“ am Salzburger Landestheater, dann zehn Jahre lang „Das junge Theater“ am Werftpark Kiel. Mit Jugendtheater will sie jetzt als neue Intendantin des Landestheaters Niederbayern Akzente setzen und nutzt dazu ihr Regiedebüt mit Shakespeares Sommernachtstraum zur Saisoneröffnung 2026/27 – atmosphärisch gelungen, doch theatralisch Mittelmaß. 

Auftakt: Feministischer Sommernachtstraum

Flammen zischen. Das Spiel beginnt mit Bonnie Tylers Song „Holding Out for a Hero“  und dessen berühmten Songrefrain „I need a hero“ sehr schwungvoll und mit Hippolyta, Antonia Reidel im weißen Brautkleid wie eine Statue auf einem Gedenksockel, sehr feministisch. Ihr Nachdenken über   „aus zwei mach eins“ bedeutet nichts anderes, als den Verlust der weiblichen Selbstständigkeit. „Ein Alptraum selbstbestimmt zu lieben.“ Diese Sätze zünden auch im Publikum.

Die Frauen werden im „Sommernachtstraum“ von den Männern getäuscht und enttäuscht. Die Männer behalten die Macht. Die Inszenierung hinterfragt, ob Liebe tatsächlich Selbstbestimmung ermöglicht oder die Frauen weiterhin im traditionellen Rollenverständnis verharren müssen. Der Sommernachtstraum setzt zwar alle Realitäten außer Kraft und kehrt abrupt zur Realität zurück. Doch schon bei Shakespeare gibt es kleine Verschiebungen zugunsten der Liebesbeziehungen, damit das dreifache Happyend glückt. Einmal verrückt sein, pendelt den Alltag wieder ein. 

Großgasteigers Frauenteam  

Astrid Großgasteiger rückt die Rolle der Frauen in den Mittelpunkt ihrer aktualisierten Inszenierung und holte zur Unterstützung  – bis auf die Regieassistenz – ein rein weibliches Inszenierungsteam nach Landshut. 

Wie Shakespeares komischer Handwerkerfigur Zettel setzt sie auf Atmosphäre. „Wenn du mir sonst nichts glauben willst, glaub das: die Leute wollen Stimmung und Gefühl.“ 

Großgasteigers Inszenierung

Großgasteiger zeichnet alle Figuren sympathisch, integriert souverän verschiedene Theaterstile vom Brechtschen Verfremdungseffekt in den Handwerkerszenen über romantische Traumszene und märchenhaftes Maskenspiel mit einem allerliebsten Esel (Stefan Sieh) bis zu auf Applaus zielende Musicalszenen und effektvollen Live-Videos, in denen Puck mit seinen Zauberkünsten zu fliegen scheint, mitunter das Geschehen im Zoom ganz nahe rückt oder bewusst wie eine Halluzination verwackelt wird.

Schlichte Personenregie

Doch bleibt die Inszenierung in den ersten Szenen im linkischen Rampenspiel stecken. Selbst für die Handwerkerszene ist das zu schlicht. Luca Storn (Lysander) und Rebekka Ziemer (Hermia), Friedrich Brückner (Demetrius) und Amelie Steinweiß (Helena), die in diesem Jahr erst ihren Bachelor absolviert haben, sind zwar jugendlich ambitioniert, was durchaus zu ihren Rollen passt, aber schauspielerisch noch wenig differenziert. Man fragt sich, wofür eigens eine Intimitäts- und Kampfkoordinatorin geordert wurde. 

Die Tanzszenen reduzieren sich auf die Wirkung geschwungener Stofffluten, eine Ästhetik, die sich in Wiederholung schnell abnützt.  Das ist dekorativ, aber nicht magisch. Schauspielerisches Charisma entwickelt Antonia Reidel als Hippolyta, und Titania. Katharina Schmirl agiert als eilfertiger Puck, ein Spring-ins-Feld, der alles Recht machen will, aber alles verwechselt und außer einem kleinen Spaß unter seinem strengen Herrn nichts zu lachen hat. Den spielt Joachim Vollrath ein bisschen zu gutmütig.

Hannah Landes – Ausstattung

Die Inszenierung lebt in erster Linie von Hannah Landes’ atmosphärischer Ausstattung. Sie ist nicht nur Bühnenbildnerin, sondern auch Kostümbildnerin, mixt bühnentechnische Reduktion und opulente Kostüme, womit sie den Sommernachtstraum stimmungsvoll auflädt. Ein überdimensionierter Vollmond, der in immer neuen Farbfacetten schimmert und einen gegabelten Baumstumpf beleuchtet, verwandelt die Bühne in einen magischen Ort. Ein weißer Gazevorhang ermöglicht ein schnelles Chargieren zwischen Traum und Realität, Ver- und Enthüllen, Distanz und Nähe. Wallende Kostüme in tänzerischen Drehbewegungen verstärken geträumte Sinnesfreuden. 

Groteske Überladung 

Übertragen auf die Handwerkerwelt funktioniert die groteske Überladung allerdings nicht. Die pompöse Mauer und der aufgeplusterte Löwe wirken pathetisch überzogen, bar jeglichen Szenenwitzes. Dafür zeigt der Esel belustigende Kuschelqualitäten.

Resümee 

Was nachhaltig bleibt, ist ein bunter, jugendlicher Sommernachtstraum, der alle Verrücktheiten auszuleben erlaubt. Schon Shakespeare bemerkte: „Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen lässt, diesen Traum auszulegen“. Großgasteiger formuliert deutlicher. „Noch schlimmer als der Esel ist der Mensch.“ Eine gelungene Schlusspointe angesichts der verrückten Weltlage.

Nach diesem gefälligen, unterhaltsamen  Einstieg mit durchaus tiefgründigen Momenten ist man nach wie vor neugierig, wie sich das Landestheater Niederbayern unter der neuen Intendantin positionieren wird. 

Interessant ist der Vergleich mit anderen Versionen von Shakespeares „Sommernachtstraum“, beispielsweise vom Kulturmobil Niederbayern mit einfachsten Mittel überaus witzig und temporeich inszeniert oder in faszinierender Ästhetik hervorragend vom Staatsballett Berlin getanzt.

Infos zur Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“

Künstlerisches Team:Regie:Astrid Großgasteiger

Ausstattung:Hannah Landes

Choreografie:Nwarin Gad

MusikKatrin Schweiger

Intimitäts- und KampfkoordinationFranzy Deutscher

DramaturgieDana Dessau
In den Hauptrollen:Hippolyta/Titania:Antonia Reidel

Theseus/OberonJoachim Vollrath

Puck/FluteKatharina Schmirl

HermiaRebekka Ziemer

HelenaAmelie Steinweiß

LysanderLuca Storn

DemetriusFriedrich Brückner

ZettelStefan Sieh
Premieren: 09. Oktober in Landshut 16. Oktober in Passau 20. Oktober in Straubing