Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Murnau © Michaela Schabel
Mozarts „Entführung aus dem Serail“ im Taschenbuchformat: Wie „Musik am Nachmittag“ in Murnau älteren Menschen Oper näher bringt und welche Rolle die Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation dabei spielt.
Das Projekt „Musik am Nachmittag“ bringt große „Oper im Taschenbuchformat“ auch an kleine Orte wie Murnau, ermöglicht durch die Unterstützung der Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation. Ziel ist es, älteren Menschen zu danken und ihnen einen erweiterten Kommunikationsraum zu bieten.
Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ in der Kultur- und Tagungsstätte Murnau
Funktioniert Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ nur mit einem Kammerspielquintett und fünf Solist:innen? Das Format „Musik am Nachmittag“ liefert den Beweis, dass das durchaus geht, wenn natürlich auch in ganz reduzierter Form entlang der wichtigsten Arien. Mit vier Streichern und einem Akkordeonspieler ganz vorne an der Bühnenrampe, und fünf Solist:innen in markanten Kostümen, die auch die Chorpassagen übernehmen dahinter auf einem Podest, gelingt das Operndebüt. Johannes Erkes, Musikdirektor der Stiftung, setzt auf eine schwung- und kraftvolle, sehr ambitionierte Interpretation. Zwischen den dreizehn Arien und den zwei Chorpassagen skizziert er die Handlung, warum „Die Entführung aus dem Serail“ Mozarts „Türkenoper“ ist und welche Rolle die Janitscharen spielen, sodass auch die Besucher:innen, die sich in Sachen Oper nicht so gut auskennen, „Die Entführung aus dem Serail“ verstehen.
„Oper im Taschenbuchformat“ – professionelles Niveau
Professionell besetzt, begleiten die Streicher, Mariko Miyazaki (Violine I), Mamiko Miyazaki (Violine II), Elizabeta Crnojevic (Cello) und Johannes Erkes (Bratsche), melodisch, technisch sehr sicher und flott die Arien. Das Akkordeon (Konstantin Ischenko) fügt sich harmonisch ein. Die Sänger:innen beleben die Arien durch kleine Rollenspiele, sodass die Handlung plastisch wird, auch wenn die Textverständlichkeit mitunter zu wünschen übrig lässt. Durch die unterschiedlichen Stimmlagen – Tenor und Bass, Sopran und Koloratursopran – gewinnt die Interpretation an Spannung und ein extrem großes Tonspektrum, insbesondere in den Duetten. Yvonne Prentki brilliert als treue, charakterstarke Konstanze durch irrsinnig schnelle und völlig entspannt gesungene Koloraturen. Sopranistin Neli Heil gibt stimmlich und schauspielerisch eine sehr resolute, kampfbereite Blonde ab, die sich nichts gefallen lässt. Tenor Karo Khachatryan überzeugt als edler Belmonte, Tenor Thomas Ruf als quirliger Pedrillo. Thomas Ruf lässt durch seine Bassstimme als grober Serail-Aufseher aufhorchen, doch in der Tiefe fehlt ihm die klangliche Expression.
Die Aufführung zielt auf temperamentvolle Dynamik, wobei die Sänger:innen solistisch und als Chor mit den Instrumentalisten selbst im Fortissimo ausbalanciert wetteifern. Nach anfänglicher Schüchternheit des Publikums nicht zuletzt durch Erkes Ermunterungen zu klatschen, nimmt der Applaus nach jeder Arie zu und endet mit finalen Bravo-Rufen. Kaffee und Kuchen in der Pause, im Ticketpreis von 6 € enthalten, geben Raum für Gespräche. Ein gelungenes Projekt, nur möglich durch Unterstützung durch die Internationale Stiftung zur Förderung der Kultur und Zivilisation
Erich Fischer
1995 gründete Erich Fischer (*1938) die „Internationale Stiftung zur Förderung der Kultur und Zivilisation“, nachdem er 26 Jahre lang als Eigentümer und leitender Geschäftsführer eines europaweit tätigen Vertriebsunternehmens der Halbleiterbranche die Verantwortung für dreihundert Mitarbeiter zu tragen hatte. Dabei gelangte er früh zu der Einsicht, dass sowohl im Kommunismus als auch im Kapitalismus „Vater Staat“ die Menschen „nach Strich und Faden“ ausbeutete und sich „wie in einem Selbstbedienungsladen“ bediente. Fischer orientierte sich an § 14 Abs. 2 des Grundgesetzes. „Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“ Er entwickelte viele Projekte. Der gemeinsame Nenner war die „gleiche Tonart“, die er gerne mit dem Brecht-Zitat erklärte: „Denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunklen sieht man nicht.“
Neben „Musik am Nachmittag“ förderte Fischer durch seine Stiftung wichtige Langzeitprojekte wie „Musik für Schüler“ unter dem Motto „Musizieren statt Konsumieren“, „Toujours Mozart„, um neue Mozartfreunde zu gewinnen, und „Musik auf Rädern“, damit Musik mitten im urbanen Leben erlebt werden kann.
Fazit:
Über die Musik das soziale Miteinander zu fördern, ist ein edles Anliegen. „Oper im Taschenbuchformat“ ist ein sehr soziales Projekt, weil es eine relativ elitäre Kunstrichtung durch die Reduzierung auf die schönsten Arien und zusätzliche Informationen verständlich macht.
Für Senior:innen, die mit der Opernwelt vertraut, andere Mozartopern wie „Cosi fan tutte“ oder „Don Giovanni“ kennen, ist Oper als Taschenbuchformat weniger geeignet.
Dass die Stadt das Projekt nach Murnau holt, ist auf jeden Fall ein respektables Zeichen gegenüber älteren Menschen, die sich sicher freuen würden, wenn auch jüngere Interessierte dazu eingeladen werden würden. Dann wäre der Saal voller, der Applaus für die Künstler:innen noch intensiver und die Kommunikation lebendiger.
Meine Bewertung:
als Sozialprojekt ⭐⭐⭐⭐⭐, musikalisch ⭐⭐⭐☆☆














