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„Fantasio“ am Landestheater Niederbayern: Kritik zu Offenbach Opéra comique

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„Fantasio“ am Landestheater Niederbayern: Kritik zu Offenbach Opéra comique

Jacques Offenbachs Opéra comique „Fantasio“ am Landestheater Niederbayern – Kritik © Peter Litvai

Wie gelingt Offenbachs „Fantasio“ am Landestheater Niederbayern? Die Kritik beleuchtet Christian von Götz’ Inszenierung, Elisa Gogous Dirigat und die pazifistische Botschaft.

„Wenn zwei Regierungschefs einen Krieg beschließen, dann sollen sie den doch unter sich austragen. Sollen sie doch persönlich ihren Kopf hinhalten“ – wie wahr und doch so utopisch angesichts der Weltlage! Genau darum geht es in Jacques Offenbachs„ „Fantasio“. Man fragt sich, warum dieses Werk so selten aufgeführt wird. Dazu muss man wissen, worum es eigentlich geht.

Handlung: Liebe, Macht und Pazifismus

Offenbach soll eine neue Stück komponieren. Die Sänger:innen sind mit ihren Rollen nicht so zufrieden. Daraus ergeben sich zwei Spielebenen: die Opéra comique und die zweifelnde Rahmenhandlung mit Außenansicht. Die Prinzessin moniert: „Ich weiß schon, was er (Offenbach) mir vorhat.“ Diese Bemerkung ist eine gekonnte Anspielung auf den heutigen Theaterbetrieb. 

Die bayerische Prinzessin Elsbeth soll aus politischen Gründen den Prinzen von Mantua heiraten, obwohl sie ihn nicht liebt. Sie träumt von der wahren Liebe, ebenso der arme Student Fantasio. Als er Elsbeth sieht, verliebt er sich. Er verkleidet sich als Hofnarr, um Zugang zum Schloss zu bekommen. Gleichzeitig tauscht der alte Prinz von Mantua seine Kleider mit seinem Adjutanten, damit er sich ein Bild von der schönen Prinzessin zu machen. Mit Witz und unkonventionellem Denken verhindert der Hofnarr die Hochzeit und durch sein beherztes Handeln auch den beabsichtigen Krieg. Mit diesem pazifistischen Schluss stellt Offenbach auch die Sänger:innen zufrieden.

Rezeptionsgeschichte

Dass diese witzige, ungewöhnlich tiefgründige Opéra comique

schon nach wenigen Aufführungen in Paris abgesetzt wurde und erst 2014 durch eine kritische Neuausgabe wieder ins Bewusstsein rückte, liegt zum einen an dem ungünstigen Zeitpunkt der Uraufführung 1872. Kurz nach der französischen Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 war das Publikum für Offenbachs pazifistischen Appell nicht empfänglich und mehr von Revanchegedanken geprägt. Zum anderen gingen bei einem Brand in der Pariser Opéra-Comique 1887 wichtige Orchesterunterlagen verloren. Die aufwendige wissenschaftliche Rekonstruktion erschwerte die Wiederentdeckung. 

Dass die neue Intendantin Astrid Großgasteiger des Landestheaters Niederbayern die Spielzeit mit „Fantasio“ eröffnet, passt bestens ins übergreifende Konzept des Hauses, das sich ab dieser Saison von einem 2-Sparten-Haus durch Konzert und Junges Theater in ein 4-Sparten-Haus erweitert hat und die Macht der Mächtigen hinterfragen will. Im Gegensatz zur Uraufführung ist „Fantasio“ jetzt tatsächlich „das richtige Stück zur rechten Zeit“. 

Christian von Götz inszeniert mit Witz und Phantasie

Christian von Götz liefert dazu mit seiner knallbunten Inszenierung eine amüsante „Fantasio“-Version. Zwischen nostalgischen Bühnenprospekten entfaltet sich ein burleskes Spiel mit exorbitanten Kostümen und überraschendem Szenenwitz. „Faites la paix!“ in großen Lettern auf einem Vorhang in steter Wiederholung prägt sich wie ein Werbeslogan ein. Dahinter zeigen die strahlende Silhouette friedlicher Urbanität und eine idyllische Häuserfront am Wasser Schönheit des Friedens. Ist es die Isar, die Seine oder der Lago aufgestaute Mincio in Mantua? Vielfältig ist auch das Geschnatter in der Rahmenhandlung: italienisch, deutsch und natürlich original niederbayerisch. Das erinnert an den Sprachwitz von Dramaturgin Swantje Schmidt-Bundschuh und wird durch Gelächter honoriert.

Das Ensemble ist ständig in Bewegung, hüpft, wippt, trippelt, zappelt. Statt Can-Can ist Luftradeln im Liegen angesagt. Umgekehrt pulsiert das Orchester im Rhythmus des Geschehens.

Der rote Vollmond, atmosphärisches Bühnenelement in Shakespeares „Sommernachtstraum“ vor einer Woche in der Schauspielpremiere, ist jetzt weiß für die romantische Ironie im Sinne eines Heinrich Heine, der neben Goethe zitiert wird. „Was ist schon Liebe So ein großes Wort, aufgeblasen wie der Mond“. 

Für vergnügliche Überraschungen sorgen Schaukel, Leiter und Seil, zwei Bodenluken, aus denen die Sänger:innen auf- und abtauchen, und eine Holzbox für die freiwilligen und unfreiwilligen Tête-à-têtes der Prinzessin im Stil eines Kasperltheaters.

Fantasio steht für Vielfalt 

Ursprünglich konzipierte Offenbach Fantasio als Männerrolle, besetzte aber bei der Uraufführung die Rolle mit Mezzosopranistin Célestine Galli-Marié, was durchaus üblich war. Wenn Sabine Noack als Fantasio immer mehr die weibliche Seite zeigt und die Prinzessin (Emilie Fultz) immer wieder ihren Regenbogenschirm aufspannt, ist das ein deutlicher Appell für Vielfalt Richtung LGBTQ+.

Elisa Gogou sorgt für eine musikalische Überraschung

Unter der musikalischen Leitung von Elisa Gogou kommt Offenbachs Opéra comique klanglich bestens zur Wirkung. Unter ihrem beschwingten und sehr präzisen Dirigat entwickelt die Niederbayerische Philharmonie einen wunderschönen warmen Farbklang, in dem die einzelnen Instrumentalgruppen und Solist:innen die Gesangsmelodien klar unterstreichen, wiederholen oder pointiert kontrastieren. Gleich zu Beginn der Ouvertüre lässt der Klang der Hörner aufleuchten. Die Pauken bleiben selbst im Fortissimo weich. Die Streicher dynamisieren, aber immer so, dass Sänger:innen und Chor nicht unter Druck geraten.

Emily Fultz, Sabine Noack, Reinhild Buchmayer 

Gesanglicher Höhepunkt sind die drei Sängerinnen, zumal sie Offenbachs anspruchsvolle Koloraturarien in überaus ungewöhnlichen Situationen meistern. Sopranistin Emily Fultz, eine allerliebste Prinzessin mit Reifrock und Riesenschleife, koloriert furios, völlig unangestrengt in luftiger Höhe einer Leiter, wobei sie final mit geöffneten Schirm die Balance auf nur einem Bein hält. Mezzospranistin Sabine Noack als Fantasio koloriert, während sie auf einem Seil über die Bühne schwebt und rotiert. Mezzosopranistin Reinhild Buchmayer (Flamel) schlägt in einer Gesangspause  schnell ein Rad. 

Die männlichen Partien sind zwar wesentlich sparsamer angelegt, dennoch überzeugen Peter Tilch als Prinz von Mantua und George Kounoupias als Adjutant durch ihr klangvolles Timbre und ihren burlesken Rollentausch.  

Fazit:

Der Besuch lohnt aus mehreren Gründen. Offenbachs „Fantasio“ ist eine ausgesprochen hörenswerte Wiederentdeckung und unter dem Dirigat von Elisa Gogou ein Hörerlebnis, wobei die Niederbayerische Philharmonie  eine ganz neue Klangqualität entfaltet. Emily Fultz, Sabine Noack, Reinhild Buchmayer begeistern durch ihre furiosen Koloraturarien und Regisseur Christian von Götz durch seine originellen Regieeinfälle und zeitgenössische Interpretation. 

Bewertung ⭐⭐⭐⭐⭐

Infos zur Inszenierung:

Künstlerisches Team:Musikalische Leitung:Elisa Gogou
Regie, Bühne:Christian von Götz
Kostüme:Gabriele Rupprecht
Choreografie:Nwarin Gad
Dramaturgie:Swantje Schmidt-Bundschuh
In den Hauptrollen:FantasioSabine Noack
Prinzessin ElsbethEmily Fultz
Der Prinz von MantuaPeter Tilch 
Marioni, sein AdjutantGeorge Kounopias
FlamelReinhild Buchmayer
Spiellänge:2 Std 45 Minuten, eine Pause 
Spiellänge:Passau, 03.Oktober 2026 im Stadttheater 
Straubing, 13. Oktober 2026 im Theater am Haben
Landshut, 16. Oktober 2026 im Theaterzelt