Berlinale – Matthias Glasners Film vom „Sterben“ als Soziogramm unserer Zeit

Filmkritik "Sterben" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Jakub Bejnarowicz/Port au Prince, Schwarzweiss, Senator

Tom (Lars Eidinger), die Hauptfigur ist Dirigent. Mit einem Jugendorchester studiert er die neueste Kompostion „Sterben“ seines Freundes Bernard ein. In den Streitigkeiten um die perfekte Interpretation erschließt sich über die musikalische Parallelwelt die Essenz des Films über das Leben, das immer leiser, immer langsamer wird und gerade durch den Entschleunigungsprozess eine tiefe Emotionalität ermöglicht. 

„Du musst nur auf dein Herz, auf deine Natur hören“, erklärt ein kleines Mädchen zu Beginn des Films im Handyformat. Ihr Appell wirkt wie eine Gebrauchsanweisung für das Leben. Doch für die Figuren im Film ist das nicht so leicht zu realisieren. Matthias Glasner legt sie ganz nüchtern an, gibt aber den SchauspielerInnen Raum sie emotional zu entwickeln. In vier Kapiteln nähert sich das Drehbuch den einzelnen Familiengliedern. Die Kamera fokussiert zunächst nur auf das Elend der kranken Eltern, dann in Rückblenden auf die Lebenssituationen der Kinder, aus denen sich ihr verspätetes Reagieren erklärt und sich zugleich die Frage ergibt, warum sie so sind, wie sie sind. „Liebe“ wird ganz unterschiedlich zwischen Pflichtbewusstsein, dionysischem Rausch und emotionaler Wärme durchdekliniert, ohne in romantischen Kitsch abzugleiten. Das gelingt berührend, als Tom seinen Vater im Pflegeheim besucht, voller Situationswitz im Umgang mit dem Baby und explodiert im rauschhaften Abheben bei den Alkoholexzessen Ellens, gleitet dabei allerdings immer wieder ins platt Groteske ab. Genauso unterschiedlich fühlt sich das „Sterben“ an, einsam bei den Eltern, rational begründet bei der immer wieder erwähnten Abtreibung, hochemotional und erlösend beim Selbstmord Bernards.

Hochkarätig besetzt, interpretieren die SchauspielerInnen die Figuren im spontanen Spiel, allen voran Lars Eidinger als Sohn, Ein-Viertel-Vater und Dirigent, der im Zentrum des Sterbens und Lebens eine Achterbahn der Gefühle nach der anderen erlebt. Er beherrscht es vorzüglich auf dem „schmalen Grat“ der Authentizität zu balancieren. 

Wenn er nach dem Selbstmord Bernards dessen Komposition final zur Uraufführung bringt, wird „Sterben“ zum hochemotional berührenden Erlebnis und der Film zu einer Hommage an die Kunst. 

Künstlerisches Team: Matthias Glasner (Drehbuch, Regie), Lorenz Dangel (Komposition), Jakub Bejnarowicz (Chef-Kameramann), Sabine Keller (Chef-Kostümbildnerin), Heike Gnida (Chef-Cutterin)

Mit: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Robert Gwisdek, Saskia Rosendahl, Hans-Uwe Bauer, Anna Bederke