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Anne Brorhilker: „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ – eine Rezension „Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt“

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Anne Brorhilker: „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ – eine Rezension „Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt“

Cover, Anne Brorhilker „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ © Heyne Verlag

Anne Brorhilkers Buch über den Cum/Ex-Skandal im Überblick. Rezension, Kritik, Hintergrund und Bewertung des Bestsellers.

Der Cum/Ex-Skandal gilt als der größte Steuerraub der deutschen Geschichte. Staatsanwältin Anne Brorhilker stand jahrelang im Zentrum der Ermittlungen. Trotz größter Widerstände gelang es ihr, die Cum/Ex-Geschäfte als kriminellen Steuerbetrug in Milliardenhöhe aufzudecken.

Mit einem Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach zu Beginn bringt Anne Brorhilker die Cum/Ex-Verschleierungen auf den Punkt. „Das Recht der Stärkeren ist das stärkste Unrecht“. Sie weiß, wovon sie schreibt, denn sie wurde von einem Tag auf den anderen mit dem Fall betraut und musste sich erst ein Team aufbauen, um den Aktenberg bewältigen zu können.

Cum/Ex-Geschäfte – Methode bewusster Verkomplizierung

Durch bewusste Verkomplizierung konstruierten die Wirtschaftsprofis eine Verschleierungstaktik, die die Steuerfahndung zunächst völlig überforderte. Es fehlte zunächst das finanztechnische Wissen seitens der Staatsanwaltschaft. Hierarchische Strukturen, komplizierte gesetzliche Vorgaben und systeminterne Blockaden erschwerten ein gemeinsames Vorgehen von Polizei und Steuerfahndung. Anne Brorhilker kämpfte als einfache Staatsanwältin wie David gegen Goliath. 

Mit ihrem Buch „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ will sie zeigen, dass der einzelne Bürger nicht nur wählt, sondern auch im Alltag Gewicht hat. In ihrem Fall stimmt das. Ihre Recherchen enthüllten die „Cum/Ex-Geschäfte“ als das, was sie sind, großangelegte Betrügereien durch den starken Lobbyismus gegenüber dem Staat und den Steuerzahlern.

Cum/Ex-Betrugssysteme durchschauen lernen

Anne Brorhilker bezeichnet sich selbst als neugierigen Menschen. Es interessierte sie, Steuersysteme zu durchschauen. Beschäftigt mit Umsatzsteuerkartellen erkannte sie schnell die grundsätzlichen Verschleierungstaktiken der „Cum/Ex-Geschäfte“, aber eben nicht mit Waren, sondern mit Aktien. Die Beteiligten agierten getrieben von der Gier, immer mehr Gewinne zu erzielen. Wie Drogensüchtige schreckten sie vor nichts zurück. Die Gewinnmargen der Cum/Ex-Geschäfte explodierten.

Anne Brorhilker – geschwärzte Stellen

Nicht alles darf Staatsanwältin Anne Brorhilker schreiben, weil sie auch als ehemalige Staatsanwältin der Schweigepflicht unterliegt, was die geschwärzten Textstellen – ein taktischer Trick – immer wieder in Erinnerung bringen. 

Die komplexen Systeme, die sie recherchierte, zeigen, wie umständlich die Justiz arbeitet: „Der Verwaltungsapparat bewegt sich wie ein gigantischer Felsbrocken.“ Und die Politik blockiert ganz bewusst die recherchierenden Behörden.

Ihr erstes Großprojekt war eine Razzia in 14 verschiedenen Ländern. 280 Strafanträge mit je 25 Seiten mussten rechtlich nach dem jeweiligen Länderrecht abgesichert und mit der Polizei und der Steuerfahndung minutiös abgestimmt werden. Dem Volltreffer folgte ein Hagel von Beschwerden, weil angeblich kein Anfangsverdacht vorhanden gewesen sei, was allerdings von der deutschen Justiz zurückgewiesen wurde. 

„Cum/Ex, Milliarden und Moral“ – spannend wie ein Krimi

Anne Brorhilker schreibt aus ihrer persönlichen Perspektive, wie sie von einem Tag auf den anderen mit dem Fall „Cum/Ex“ konfrontiert wurde und sich sehr schnell einarbeitete. Sie schreibt, ohne sich wichtig zu machen, sondern mit ironischer Distanz bezüglich ihrer Wirkung auf andere und mit Blick auf die hierarchischen Strukturen. Als federführende Frau in diesen Ermittlungen wurde sie immer wieder unterschätzt, was sie strategisch klug zu nutzen wusste. Ihr Respekt vor architektonischer Größe und gegenüber Vorgesetzten wich schnell angesichts der Erkenntnis der damit verbundenen Manipulationsstrategien und fachlichen Inkompetenz. Sie karikiert eingeschliffene Autoritätsrituale und kontrastiert sie mit professioneller Teamarbeit. Bei ihr hat die Polizei nicht mindestens zehn Minuten zu warten, bis sie gehört wird. 

Cum/Ex-Gewinne durch Lobbyarbeit 

Trotz des arroganten Auftretens der Verteidiger und ihrer Mandanten setzte sich Anne Brorhilker immer mehr durch und erkannte dabei, wie desaströs sich die Lobbyarbeit auf die Zivilgesellschaft auswirkte und wie wichtig Kronzeugen sind. Das Grundproblem war für sie die Kommunikation von Chef zu Chef, ohne die Kompetenz der Mitarbeiter:innen miteinzubeziehen und die dabei auftretenden Informationsverluste zwischen den hierarchischen Ebenen ähnlich wie bei der Stillen Post. Lobbyisten nutzen die kurzen Wege zur Politik, manipulieren durch bezahlte Gutachten und Veröffentlichungen, kontroverse Argumentationen auf Nebenschauplätzen, um abzulenken.

„Ein Gesetz – null Effekt“

Anne Brorhilker zeigt, warum 2007 das Gesetz gegen Cum/Ex-Betrug völlig wirkungslos blieb. Die Gesetzesvorlage stammte direkt vom Bankenverband, einer mächtigen Lobbyorganisation, und wurde nahezu wortwörtlich, trotz etlicher Warnungen, in das Gesetz übernommen, wodurch der Cum/Ex-Betrug erst richtig Fahrt aufnahm, denn es beschränkte das Verbot auf Leerkäufe mit inländischen Depotbanken, ließ damit aber die Lücke über Leerkäufe im Ausland. Anne Brorhilker findet dafür einen sehr anschaulichen Vergleich. Das war so, „als würde man einer Autoschieberbande die Aufgabe übertragen, ein neues System für Sicherheitsschlösser zu entwickeln“. 

Statt juristisch nachzubessern, erstarrte die Politik in Wartehaltung. Es fehlte der politische Wille, die ermittelnden Behörden zu unterstützen. 

Cum/Ex-Betrügereien – Was sich ändern muss

Anne Brorhilker quittierte den Staatsdienst mit allen Konsequenzen. Sie fordert eine Reform des Beamtentums und den Aufbau externer unabhängiger kompetenter Institutionen, um die Effizienz zu steigern, das Vertrauen in den Staat wieder zu gewinnen. 

  • Entscheidend ist zu überprüfen, wer operativ aktiv ist. Daraus ergibt sich schnell ein Überblick, wer unfähig ist, hemmt oder ganz aus der Zeit gefallen ist. 
  • Das „Totschreiben“, d. h. Fälle als bedeutungslos zu erklären und ohne Gerichtsurteil abzuschließen, um die Flut der Fälle statistisch als gelöst zu erfassen, muss abgeschafft werden. 
  • Ebenso die hierarchischen Verbote, wie z. B. Probleme ansprechen zu dürfen oder mit ranghöheren Stellen zu telefonieren.
  • Behörden müssen von außen professionell evaluiert werden.

Fazit der Rezension:

Es ist unfassbar, wie Anne Brorhilker das kriminelle Netzwerk rund um Cum/Ex aufgedeckt hat und wie ihr die Arbeit erschwert wurde. Auch wenn Anne Brorhilker aus ihrer persönlichen Sicht schreibt und es immer wieder durch die Thematik und Rückblenden zu Wiederholungspassagen kommt, ist „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ sehr lesenswert. „Gerechtigkeit beginnt dort, wo die Privilegien einiger weniger aufhören.“ Anne Brorhilker beweist, dass der einzelne Mensch durchaus etwas bewirken kann.

Einen dokumentarischen Überblick über die einzelnen Ermittlungsphasen findet man unter Anne_Brorhilker.

Anne Brorhilker

Anne Brorhilker wurde 1973 in Hamm geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Bochum. Nach dem zweiten Staatsexamen war sie bei der Staatsanwaltschaft in Köln tätig. Ab 2009 in der Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung. 2013 wurde ihr zunächst im Alleingang die Ermittlungsleitung zu dem Cum/Ex-Verfahren übertragen. 2024 beantragte sie die Entlassung aus dem Staatsdienst, um als Vorständin der Bürgerbewegung Finanzwende innovativ an der Erforschung systemischer Verbesserungen zu arbeiten. Der Staat kann sich wehren, und der Staat sind letztlich wir alle, wir Bürgerinnen und Bürger.

FAQ

Worum geht es in „Cum/Ex, Milliarden und Moral“

Anne Brorhilker schreibt, wie sie als Staatsanwältin mit dem „Cum/Ex“-Skandal betraut wurde, jahrelang die Netzwerke gegen den Widerstand von Unternehmen, Banken und Politikern recherchierte und zur Anklage brachte. 

Ist das Buch für Laien verständlich?

Anne Brorhilker schreibt aus ihrer persönlichen Sicht ausgesprochen spannend, was sie alles erlebt hat und wie sie Schritt für Schritt die Machenschaften der kriminellen Netzwerke zu durchschauen lernte. Selbst komplizierte Sachverhalte stellt sie allgemein verständlich dar.

Wer ist Anne Brorhilker?

Anne Brorhilker ist eine deutsche Juristin, die als Staatsanwältin die Machenschaften der „Cum/Ex-Geschäfte“ aufdeckte. Wegen der Widerstände seitens der Politik beantragte sie die Entlassung aus dem Staatsdienst und arbeitet jetzt wieder in leitender Funktion für die Bürgerbewegung Finanzwende. 

Warum gilt Cum/Ex als größter Steuerraub in Deutschland?

Durch komplizierte, verschleiernde „Leergeschäfte“ und kriminelle Netzwerke, in denen Unternehmen, Banken, Sparkassen, Politiker und Privatpersonen beteiligt waren, wurden der Staat und die Steuerzahler um Milliarden-Beträge betrogen. 

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?

Auf jeden Fall. Es ist erschreckend, was in Deutschland hinter den Kulissen alles möglich ist.