Michael Sailsdorfer „Pull the Rug“ © Michaela Schabel
„Pull the Rug“ – Michael Sailstorfers neue raumgreifende Installation zieht den Besuchern den Boden regelrecht unter den Füßen weg. Ausstellungsbericht zu Sailstorfer erster Einzelausstellung in der Berliner Galerie Judin.
Was passiert?
Man befindet sich in einem weißen Raum mit gepflastertem Boden. Vis-à-vis der Eingangstür ist eine schwarze quadratische Öffnung. Zwei Galeriemitarbeiter entfernen abwechselnd in genauer Taktung einen Pflasterstein und schieben ihn durch die Öffnung in einen zweiten, nicht einsehbaren Raum, wo jeder Stein durch einen speziell gebauten Mechanismus beschleunigt an eine Wand donnert. Lärm und Vibrationen hallen zurück in den Galerieraum.
11000 Pflastersteine werden bewegt. Bei der Finissage der Ausstellung am 10. Oktober 2026 wird die Pflasterung verschwunden sein, stattdessen im Nebenraum ein Pflasterberg zu sehen sein. Die vermeintliche Absurdität des Geschehens erschließt sich schnell.
„Pull the Rug“ – Erosion aller Gewissheiten
Das experimentelle Setting erweist sich als Symbol für die schrittweise Erosion dessen, was über lange Zeitphasen aufgebaut wurde, nicht nur in Bezug in materieller Hinsicht. Gewissheiten schwinden in allen Bereichen. Politische Strukturen, ökonomische Systeme, ökologische und technologische Entwicklungen und menschliche Beziehungen geraten ins Wanken.
Durch Bewegung und Geräusche erleben die Besucher:innen das Verschwinden des Selbstverständlichen. Gleichzeitig werden sie Teil der Installation. Indem sie interessiert beobachten, ohne einzugreifen, spiegelt „Pull the Rug“ die Inaktivität der Masse, die trotz der immer deutlicher sichtbar werdenden negativen Veränderungen in unserer Gesellschaft nichts unternimmt. Sailstorfer Installation zieht im wortwörtlichen Sinn den Besucher:innen direkt den Boden unter den Füßen weg.
Sailstorfers Masken
In einem zweiten Ausstellungsraum präsentiert Sailstorfer exemplarisch Themenkomplexe, die ihn immer wieder beschäftigen, wie beispielsweise Masken. Sie haben ganz unterschiedliche Funktionen, präsentieren kulturelle Zusammenhörigkeit, verschaffen neue Identitäten, um mehr zu sein, als man ist, oder bieten Schutz, wenn der Mut fehlt, sich zu sich selbst zu bekennen. Sailstorfer zeigt eine neue Facette – Masken als Ausdruck globalen Weltschmerzes, der an Munchs Gemälde „Das Geschrei“ erinnert. Eine kreisrunde konvexe Form aus Aluminium verwandelt Sailstorfer in „M 90“ in ein reduziertes Gesicht mit nur zwei Sinnesorganen. Der Mund oval geöffnet. Ein Kreissegment bildet ein pupillenloses Auge, das andere ist zu einem Schlitz zusammengepresst. Diese Maske ist Ausdruck des modernen Menschen, der weder sieht noch hört noch riecht oder fühlt, sondern nur noch schreien kann, wobei man Edvard Munchs „Das Geschrei“ assoziiert.
Eine andere Alu-Maske, „M 4“, hochwertig in zwei Brauntönen beschichtet, wirkt wie zusammengeklebte Pappe, und wirkt durch die spitzen, unregelmäßigen Pyramidenstrukturen aggressiv und unnahbar.
„Heavy Clouds 110 Blue Brown“, gemalt in Öl auf Blei, trennen Erde und Kosmos, in „Heavy Eyes“, gemalt mit Lidschatten auf Blei, gewinnt graue Tristesse eine wohlige Braunfärbung.
Ein moderner Klassiker ist inzwischen Sailstorfer Installation „Zwei Äpfel (– –)“. Sie schweben in luftiger Höhe und stoßen sich durch eingebaute Negativpole ständig voneinander ab. Das ist eine sehr poetische Metapher für menschliche Beziehungen, die einfach nicht funktionieren wollen bzw. können, weil sie nicht darauf ausgelegt sind.
Lohnt der Besuch?
Für Menschen, die sich gerne auf etwas Neues einlassen wollen, Irritation als Herausforderung begrüßen, Kunst nicht nur anschauen wollen, sondern in ihrer Aussage erleben wollen, ist die Ausstellung sehr attraktiv.
Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐
Michael Sailstorfer
Michael Sailstorfer (*1979 Velden, Niederbayern) wuchs in einer Steinmetzfamilie auf. Nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München, einem Masterstudium Fine Arts in London, war er Artist in Residence in Los Angeles und Oslo. Er lehrte als Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und Nürnberg. Durch seine Umcodierung von alltäglichen Dingen wurde man sehr schnell international auf ihn aufmerksam. „Und sie bewegt sich doch!“ (2002), eine seiner Schlüsselarbeiten, entstand bereits in der Studienzeit. Mercedes, Straßenlaterne, Blech und Eisen verwandelt er in ein Sonne-Erde-Mond-Modell, das durch den Automotor in Bewegung gesetzt wurde.
Infos zur Ausstellung „Pull the Rag“
Ort: | Galerie Judin Berlin, Mercator-Höfe,
Potsdamer Straße 85, 10785 Berlin
Dauer: | 10. September bis 10. Oktober













