Gabriel Schneider und Peter Moltzen in „Warten auf’n Bus“ im Berliner Ensemble © Moritz Haase
Die Kultserie „Warten auf’n Bus“ kehrt mit zwei neuen Folgen, von Oliver Bukowski und Hannah Zufall für das Berliner Ensemble geschrieben, in theatraler Form zurück.
Die Inszenierung von Max Hopp überzeugt zwar mit einer markanten Bühne, aber in der Vielfalt der sozialpolitischen Themen gehen die Melancholie und der hintergründigen Humor der TV-Kultserie verloren.
Hannes und Ralle – zwei Arbeitslose in Brandenburg
Hannes und Ralle, zwei befreundete Langzeitarbeitslose irgendwo „in der Pampa von Brandenburg“ haben unendlich viel Zeit. Sie treffen sich immer zum Quatschen an einer maroden Bushaltestelle und diskutieren über die Themen, die sie bewegen. Unverblümt sagen sie, was sie denken. Warum nicht vor einem größerenPublikum? „Podcasts machen jetzt alle, die bedeutsam sein wollen.“
Oliver Bukowski: „On Air“ – Bushaltestelle als Podcaststudio
Die verrostete Bushaltestelle wird zum Podcast-Studio, der Strom von der Straßenlaterne abgezapft. Ost geht „on air“. Aller Anfang ist schwer, voller Pannen und simpler Pointen. „Wir sind zwei Konfuziusse. Wie heißt der Plural von Konfuzius?“ Dahin ist noch ein weiter Weg. Aber wenigstens kann Ralle, seit er nicht mehr säuft, besser denken. Doch „denken ist schwer. Deshalb urteilen die meisten.“ Beide träumen von der Freiheit, in der die Freiheit des Einzelnen zur Freiheit der Gesellschaft wird“. Doch die individuelle Freiheit scheitert am Marktwert. Drei Emojis, zwei Kommentare – „das ist Reichweite“, vor allem Galgenhumor.
Das Publikum lacht. Amüsant sind allerdings nur wenige Pointen. Gelacht wird trotzdem, und zwar über das überzogene Spiel von Daniel Schneider als hippeligem Ralle und Peter Moltzen als hyperventilierendem Hannes. Er schreit seinen Unmut so laut und pathetisch hinaus, dass man ihn zuweilen überhaupt nicht mehr versteht und Hannes extrem verkünstelt wirkt.
Hannah Zufall: „München kann jeder“ – verpasste Chancen im Westen
Nach der Pause sorgt eine stark akzentuierte Tangomusik für eine ausbalancierte Atmosphäre: Ost und West in inniger Umarmung auf Augenhöhe? Jetzt zapft Hannes Strom aus der Straßenlaterne, um Würstl zu grillen. Ralle erwartet seinen Sohn zu Besuch, der mit der Mutter schon vor der Wende in den Westen nach München ging und als aufstrebender Wissenschaftler zum „Erklärer deutscher Seelenverwandtschaften“ wurde. Wie hätte sich Ralles Leben verändert, wenn er auch in den Westen mitgegangen wäre? Dann hätte er jetzt vielleicht einen Laden mit schicken Elektrofahrrädern, mit Stammkunden und ginge am Wochenende mit der Familie zum Wandern. Und Hannes würde sich um die Renaturierung der Moore rund um München kümmern. Rauchwolken über dem Grill trüben die Stimmung melancholisch ein. Gelächter.
Beide klettern auf das Dach der Bushaltestelle. „München ist bequem. München kann jeder“, sinnieren sie und träumen von der Null-Stunden-Woche. „Wir sind als Erste da, wenn uns niemand braucht.“
Resümee: Warum die Bühnenfassung die Kultserie nicht erreicht
Wer die ehemalige Kult-Serie kennt, wird vom Text und der Inszenierung enttäuscht sein, denn das, was „Warten auf’n Bus“ ursprünglich ausmachte fehlt: der Kampf gegen die Einsamkeit nach der Wende, das gemeinsame Reflektieren über den Alltag, das Leben, das Glück und den Frust, die Nonsens-Witze gegen die Elegie und Melancholie.
Gelungen ist die marode Bühne, auf der Katja Pech die Armseligkeit dieser beiden Ostler spiegelt. Regisseur Max Hopp entwickelt stimmige Szenen. Doch Bukowskis Text „On Air“ zündet nicht, weil er vor allem im ersten Teil politisch völlig überzogen ist und die kleinen Sorgen, das Menschliche und das soziale Umfeld fehlen. Zufalls Text „München kann jeder“ wirkt schlichter und natürlicher, aber finale driften die Charaktere viel zu stark auseinander. Gabriel Schneider gelingt zwar ein ziemlich authentischer Ralle, allein es fehlt der Gegenpart, denn Peter Moltzen agiert immer wieder viel zu exaltiert. Durch sein pathetisches Geschrei demontiert er die Figur des Hannes bis zur Unverständlichkeit.
| Künstlerisches Team | Text: | Oliver Bukowski,Hannah Zufall |
| Regie: | Max Hopp | |
| Bühne: | Katja Pech | |
| Kostüme: | Elina Schnitzler | |
| Musik: | Doris DeckerMarlon Mausbach | |
| Licht: | Fréderíc Dautier | |
| Dramaturgie: | Amely Joana HaagLukas Nowak | |
| Mit | Hannes | Peter Moltzen |
| Ralle | Gabriel Schneider | |
| Dauer | 1 Std. 40 Min. inklusive Pause | |
| Premiere | am 25. Oktober 2026 | |














