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Wagners „Siegfried“ in München – Tobias Kratzers Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper

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Wagners „Siegfried“ in München – Tobias Kratzers Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper

Wagner Siegfried an der Bayerischen Staatsoper © Monika Rittershaus

Wagners „Siegfried“ in München: Tobias Kratzer begeistert mit einer psychologisch raffinierten Inszenierung. Vladimir Jurowski dirigiert, Benjamin Bruns brilliert.

Tobias Kratzer deutet Wagners ‚Siegfried‘ an der Bayerischen Staatsoper als psychologischen Coming-of-Age-Thriller. Vladimir Jurowski dirigiert das Bayerische Staatsorchester mit großer klanglicher Transparenz. Benjamin Bruns überzeugt in der Titelrolle.

Vladimir Jurowskis Dirigat

Ganz zart, geheimnisvoll vibrierend zieht das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Vladimir Jurowski das Publikum schon bei den ersten Takten der Ouvertüre in seinen Bann. Peu à peu steigert er die Dynamik. Jeder Ton, jedes Zupfen wird hörbar. Sonore Tiefe überlagert von rhythmischen Strukturen macht die Wagner’schen Leitmotive in glasklarer Transparenz und durch mitreißendes Temperament zum spannenden Hörerlebnis, zuweilen mit Gänsehauteffekt. Wagners komplexe Musik wird durch Tobias Kratzers realistische Neudeutung zwischen realistischer witziger Coming-of-Age-Geschichte, Thriller und Märchenspiel in ganz unterschiedlichen Optiken visualisiert. 

Tobias Kratzers Inszenierung

Schon während der Ouvertüre enthüllt Kratzer Siegfrieds kleinbürgerliche Erziehung. Er lebt mit Mime in einer bescheidenen 2-Zimmerwohnung. Quentin Becker, geschätzte elf, zwölf Jahre alt, hat sichtlich Freude an seinen pubertären Trotzphasen gegenüber Mime, seinem überforderten Single-Vater, auszuleben, der keinerlei Empathie für ihn hat. Während Benjamin Bruns am Bühnenrand den Part Siegfrieds singt, sorgt sein jugendliches Alter Ego, von Quentin Becker mit schwungvollen Einsatz gespielt, für witzige Überraschungen. Es darf gelacht werden und bereits nach dem ersten Aufzug jubelt das Publikum. 

Fafners Innenansichten 

Statt im Wald verortet Kratzer die Drachenszene im zweiten Aufzug in einer trostlosen urbanen Häuserzeile. Dabei beweist er sein Gespür, Video und Bühnenhandlung wohl dosiert zu kombinieren. Während des Vorspiels erlebt man im ironischen Riesenformat, wie der reiche Fafner sein Geld verjubelt. Doch alle Genüsse der Welt, weder Maßanzüge, exquisite Hotels, Traumreisen, Edelprostituierte noch ersteigerte Kunstwerke können den Verlust seines Bruders ausgleichen. Einsam lebt er im ersten Stock eines tristen Wohnblocks, den Ring im Safe. 

Drachenstich als Terrorakt

Nahtlos gleitet die psychologische Innenansicht in die Außenansicht, inszeniert wie ein „Tatort“, unterlegt mit wuchtiger Oper. Alberich und Mime streiten auf der Straße um den Besitz des Rings. Sie wirken wie versoffene Obdachlose, die lärmend die Anwohner aus dem Schlaf schrecken. Mit Siegfrieds Drachenstich verwandelt sich die Szenerie in einen Terrorakt mit Polizeiwageneinsatz. Hinter den Glasbausteinelementen des erleuchteten Treppenhauses werden vage gasartige Bewegungen sichtbar, die den Eingang wegsprengen und als gigantische Nebelmassen mit feuerroten Explosionen über einen Drachen hinaus ein terroristisches Attentat assoziieren lassen – ein origineller Einfall. 

Waldvögelchen, Erda, Siegfrieds Erwachen

Trotz seiner Heldentaten behält Siegfried die Neugierde und Furchtlosigkeit eines Kindes. Den Vater im Kampf getötet, fürchtet er sich weder vor Alberichs noch Wotans Armee, die Kratzer wie metallisch glänzende Roboter neu kreiert. Intuitiv folgt Siegfried seiner inneren Natur, die das Waldvögelchen symbolisiert. Erda ist wieder eingeschlafen. Jetzt ist der Weg frei für das nächste Abendteuer: die Suche nach der Liebe.

Per Video irrt er durch die verschlungenen Wege der Bayerischen Staatsoper und findet schließlich im Kaisersaal Brünnhilde schlafend. Wagners arg langatmiges Libretto wird durch bunt flimmernde Lichtnebel ins Märchenhafte verschoben. Doch final kehrt das Paar, angeführt von einem lebendigen Pferd in die reale Welt zurück, was die Erwartungshaltung an die „Götterdämmerung“ beträchtlich steigert.

Exzellente Sänger:innen

Das hohe Niveau dieser Inszenierung perfektionieren die Sänger:innen. Sie bieten den brandenden Orchesterstürmen Paroli, werden nur kurz, ganz bewusst, vom Orchester überwältigt, um die Verzweiflung der Figuren ins Bewusstsein zu bringen. 

Nicholas Brownlee lässt als umherirrenden Wanderer aufhorchen. Georg Nigl macht Alberichs Hass’ und Verzweiflung hör- und sichtbar. Matthias Klink bleibt als verzweifelter Mime etwas blass, was seiner Rolle als verzweifelter Single-Vater geschuldet ist, legt aber im Streit mit Alberich stimmlich zu. Ein sensationelles Rollendebüt leistet Benjamin Bruns. Sängerisch und schauspielerisch gelingt ihm der große Bogen von Siegfrieds Entwicklung vom Kind zum jugendlichen Helden, von intuitiver Subtilität und kämpferischer Wucht. Auf Augenhöhe wird die Begegnung mit Brünnhilde, mit Simone Schneider großartig besetzt, zum sängerischen Höhepunkt. Wiebke Lehmkuhl als versierte Erda-Interpretin wirkt souverän. Klanghell, aber in der vierten besuchten Vorstellung klingt Jakob Distlers Stimme in den hohen Lagen schon etwas angegriffen. 

Fazit: 

Dieser „Siegfried“ bringt frischen Wind in Wagners Ring-Interpretationen. Klang und Optik ergeben wunderbare Synergien,  die Kratzers Konzept einer geschlossenen, 16-stündigen Erzählung sehr plastisch erleben lassen. Nach der Religion im „Rheingold“, der „romantischen Liebe“ in „Die Walküre“ und der Elternschaft in „Siegfried“ darf man auf die Wiederkafehr der Religion in der „Götterdämmerung“ im Sommer 2027 bei den Münchner Opernfestspielen gespannt sein, wenn sich der Kreis schließt. 

Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐

Weitere „Siegfried“-Premieren 2026/2027 

Das Landestheater Niederbayern inszenierte 2022 „Siegfried“ im Rahmen von Wagners vollständigem „Ring“

Prominente „Rheingold“-Inszenierungen

  • „Rheingold“ bei den Salzburger Osterfestspielen 2026 von Petrenko und Serebrennikov
  • „Rheingold“ an der Bayerischen Staatsoper 2024 von Kratzer und Jurowski
  • „Rheingold“ an der Deutschen Oper Berlin 2021 von Herheim und Runnicle
Künstlerisches Team:Musikalische Leitung:Vladimir Jurowski

Inszenierung:Tobias Kratzer

Mitarbeit Regie:Matthias Piro

Bühne, Kostüme:Rainer Sellmaier

Video:Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi

Dramaturgie:Bettina Bartz, Olaf Roth
Mit: Benjamin Bruns (Siegfried), Quentin Becker (Siegfried als Kind), Matthias Klink (Matthias Klink), Nicholas Brownlee (Der Wanderer), Georg Nigl (Alberich), Timo Riihonen (Fafner), Wiebke Lehmkuhl (Erda), Simone Schneider(Brünnhilde (Simone Schneider), Jakob Distler (Stimme des Waldvogels) 
Dauer5 Std. 30 Min. inklusive zweier Pausen
Premiere:29. Oktober 2026
Weitere Vorstellungen: Dienstag, 10. November 2026
Dienstag, 22. Juni 2027
Dienstag, 29. Juni 2027

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