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Konzerthausorchester Berlin: Brahms, Schumann & Riccardo Minasi

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Konzerthausorchester Berlin: Brahms, Schumann & Riccardo Minasi

Riccardo Minasi dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Cellist Pablo Ferrández © Michaela Schabel

Riccardo Minasi dirigiert Brahms und Schumann im Konzerthaus Berlin. Konzertkritik über klangliche Brillanz, leidenschaftliches Dirigat und dynamische Kontraste.

Warum wählte Riccardo Minasi ausgerechnet diese Werke? Der Grund liegt in der Künstlerfreundschaft zwischen Johannes Brahms (1833–1897) und Robert Schumann (1810–1856), wie es sie in der Musikgeschichte nur ganz selten gibt. Die Freundschaft währte nur kurz. Drei Jahre, nachdem Brahms im Alter von 20 Jahren 1853 nach Düsseldorf gekommen war und Schumann kennen und schätzen gelernte hatte, erlitt dieser in einer Heilanstalt einen frühen Tod. Diese Tatsache erklärt, warum ihre Werke trotz ihrer persönlichen Seelenverwandtschaft sehr unterschiedlich sind. 

Brahms‘ Akademische Festouvertüre op. 80

Mit drei Posaunen zum Auftakt beginnt der Konzertabend mit Brahms‘ Akademischer Festouvertüre (1881) ausgesprochen feierlich. Brahms komponierte sie als Dank an die Breslauer Universität für die verliehene Ehrendoktorwürde. Dabei verband er vier Studentenlieder, die er mit vielen Nebenstimmen heiter oder feierlich kontrapunktierte, Dirigent Minasi gibt den Instrumentalisten viel Raum, sich zu entfalten.

Riccardo Minasis Dirigat

Minasis körperbetontes Dirigat und die damit verbundene Energetik übertragen sich nicht nur auf die Musiker:innen des Konzerthausorchesters, die ihm mit kammermusikalischer Bewegtheit folgen, sondern reißt auch das Publikum mit. 

Minasi tanzt die Partitur regelrecht vor, macht durch temperamentvolle 180-Grad-Drehungen die dynamischen Kontraste, prägnante Akzentuierungen, differenzierte Phrasierungen, flexible Tempi zwischen den einzelnen Instrumentalgruppen oder Soli sichtbar. In kammermusikalischer Bewegtheit folgen die Musiker:innen den großen Bögen seines körperbetonten Dirigat Minasis folgen.

Schumanns Cellokonzert a-Moll op.129

In nur sechs Tagen komponierte Schumann, bereits mit starken psychischen Problemen konfrontiert, 1850 sein letztes Werk, sein Cellokonzert a-Moll op.129. Es ist eine Komposition aus einem Guss, in dem alle drei Sätze nahtlos ineinander übergehen, nicht als Solokonzert für Cello, sondern als „Konzertstück“ für Cello konzipiert. Es dominieren sehnsuchtsvoll-romantische Stimmungen, die Cellist Pablo Ferrández sehr ausdrucksvoll interpretiert. Allerdings dauert es eine gewisse Zeit, bis Minasi sein bevorzugt leidenschaftliches Orchesterdirigat zurücknimmt und mit Ferrández auf Tuchfühlung geht, der sehr geschickt, auch im Augenkontakt mit der ersten Geigerin die orchestrale Fulminanz ins feinfühlig Romantische ausbalanciert. Erst dann kommt die expressive Klanglichkeit von Schumanns tiefgründig tragischer Emotionalität durch Ferrández‘ großartiges Cellospiel richtig zur Wirkung.

Die einzelnen Instrumentengruppierungen untermalen in der Tiefe und erweitern das Klangspektrum in den Höhen. Beim Publikum bedankt er sich mit einer Solosequenz, in der er Schumanns Herzschmerz noch intensiver ausleuchtet, was das Publikum mit noch mehr Applaus honoriert.

Brahms’ Sinfonie Nr. 4 e-Moll op 98

Brahms komponierte sein letztes sinfonisches Werk nur fünf Jahre später, 1885. Die Sinfonie Nr. 4 gilt „als großes musikalisches Planspiel“, in dem Brahms sein Grundprinzip der „entwickelnden Variation“ konsequent realisiert. Arnold Schönberg pries Brahms 4. Sinfonie als Schritt in die musikalische Moderne.

Unter Minasis wellenförmig navigierendem Dirigat leuchten die beständigen Aufs und Abs von Terzsprüngen auf. Dass die Klangwogen immer wieder bewusst abrupt gebremst werden, lässt das wuchtige Fortissimo am Ende des ersten Satzes umso spannender und entladender wirken. Selbst das Andante, für manche die schönste Elegie Brahms, wird mit Tongewitter dynamisiert.

Das gilt auch für den dritten Satz, ein Scherzo im rasanten Zwei-Viertel-Takt, in dem ein einfaches Tonleiter-Motiv immer wieder durch kontrapunktorische Verschiebungen variiert wird. Doch Minasi dreht so stark auf, dass der Triangel nur etwas und die Piccoloflöte gar nicht als zusätzliche Klangerlebnisse wahrgenommen werden können. Kompositorischer Höhepunkt ist die finale Passacaglia, deren 30 Variationen über einer achttaktigen Basslinie Brahms in drei Abschnitte von Moll zu Dur und wieder zurück zu Moll strukturiert. Allerdings werden auch hier durch die permanent starke Dynamisierung subtile Klangschattierungen übertönt.

Minasis Vorliebe, jedes Werk in seinen dynamischen Kontrasten immer wieder neu auszuleuchten, eröffnet an diesem Konzertabend aber auch seine Vorliebe für Fortissimo, was sich spätestens bei Brahms 4. Sinfonie etwas abnutzt und dem Abend bisweilen eine zu laute Aura verleiht.

Dabei beweist das Konzerthausorchester einmal mehr die Homogenität und Klangschönheit der einzelnen Instrumentalgruppen. 

Extravagant und interessant ist die Auswahl der Werke. Sie lässt innerhalb von 30 Jahren zwei sehr unterschiedliche kompositorische Handschriften erleben: Robert Schumanns romantische Sehnsüchte, umrahmt von Brahms neuzeitliche formale Klangarchitekturen, die den Weg in die Moderne weisen. 

Bewertung: ⭐⭐⭐⭐☆

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