„Und ich darf nicht sterben“, Tim Krüger © der blaue reiter Verlag für Philosophie
Tim Krüger plädiert in „Und ich darf nicht sterben“ für die Würde und Selbstbestimmung des Sterbens durch assistierten Suizid anstelle von Palliativpflege.
Frank Weiß hat fortgeschrittenen Darmkrebs mit Darmverschluss. Er wird sterben. Auf der Palliativstation im Hospiz resümiert er sein Leben. Er rebelliert gegen entwürdigende Fremdbestimmung und fordert sein Recht auf assistierten Suizid.
Sinn des Lebens
An das Bett gefesselt, nicht mehr fähig, alleine zur Toilette zu gehen, erlebt Frank Weiß, wie schnell die Würde des Lebens verschwindet. Zu sehen, wie er immer stärker auf fremde Hilfe angewiesen seinwird, verdeutlicht ihm seine Einsamkeit und sein verschenktes Leben. Gleichzeitig wächst in ihm das Bewusstsein, wenigstens in Würde sterben zu wollen.
Innerer Monolog
In einem 114-seitigen inneren Monolog mit wuchtig mäandrierenden Sätzen, die kaum zu enden scheinen und nahtlos ineinander überleiten, reflektiert diese fiktive Figur das Leben, das so mittelmäßig war, dass er nicht einmal am Lebensende noch irgendwelche Wünsche hat. Die ständigen Angebote seiner Pflegerin, was er noch gerne erleben würde, stürzen ihn in eine existenzielle Krise, weil er erkennt, wie nichtig sein Leben gewesen ist. Er hat sich zwar gegen den bürgerlichen Lebensweg mit Ehe, Kindern, Haus entschieden, aber sein Leben war trotzdem ein „versiebtes“ und „vertändeltes Leben“ eines beliebigen anonymen Durchschnittsmenschen, den niemand vermissen wird. „Das Leben im Nichts ist schlimmer, als nicht zu leben.“ Die einzige Würde, die ihm bleibt, ist der selbstbestimmte Tod.
Ideologisierung des Todes
Von seiner persönlichen Lage ausgehend, die sehr authentisch wirkt,
analysiert dieser Frank Weiß mit ironischer Schärfe den Terror religiöser Übergriffigkeit und die Nichtigkeit der Nazi-Argumentation bezüglich assistierten Suizids. Alte, kranke, behinderte Menschen, die leben wollten, wurden getötet. Jetzt werden vom Tod gezeichnete Menschen, die sterben wollen, gegen ihren Willen gezwungen, die Pein des Lebens auszuhalten. Das ist aus seiner Sicht Folter, und die Palliativpflege mit ihrem Anspruch auf ein schönes Leben unter pharmazeutisch ummantelter Fremdbestimmung wird für ihn zu einem KZ-System gegen den freien Willen des Patienten. Weiß fühlt sich gedemütigt angesichts der ständig lächelnden Pflegerin, die ihm täglich aus dem „Kleinen Prinzen“ vorliest. Den Hospizgedanken zu stärken, um den Wunsch nach Suizid nicht aufkommen zu lassen, empfindet er persönlich als Terror.
Für satirische Überraschung sorgt der Schluss. Parfait! Ein Buch, das die Problematik von aufgezwungener Pflege und selbstbestimmtem Freitod auf den Punkt bringt.
Fazit:
Wer sein Sterben auf ähnliche Weise konzipiert, wird von dem Buch begeistert sein. Nach einem „versiebten“ einsamen Leben, gekennzeichnet vom Tod, ist der Wunsch nach einem assistierten Suizid verständlich, damit die physischen und psychischen Schmerzen, die das Leben verursacht, endlich aufhören. Aus der Enttäuschung und Frustration der fiktiven Figur, die dennoch so lebensnah wirkt, erklärt sich die sprachliche Wucht und nicht endende Anklage.
Doch die Palliativpflege derart zu ironisieren, wird der Sache nicht gerecht. Nicht jeder Mensch bringt den Mut zum assistierten Suizid auf. Pallativpflegeplätze sind nachgefragt und es gibt noch viel zu wenige. Die Erzählung zielt auf Diskurs. Der Leser kann sich selbst eine Meinung bilden.
Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆
Ganz andere Aspekte zeigen Eric Wrede und Emily Claire Völker in „Wenn wir ins Gras beißen…Das Buch vom Tod für große & kleine Das Buch vom Tod für große & kleine Menschen„.
Tim Krüger
Tim Krüger (*1986 in Hamburg) lebt in Hamburg und Mühldorf am Inn. Er ist seit 2022 Professor für Erziehungswissenschaft an der Technischen Hochschule in Rosenheim und unterrichtet in Studiengängen der Sozialen Arbeit und Psychologie.
„Und ich darf nicht sterben“ ist sein literarisches Debüt, ein Plädoyer dafür, dass auch der sterbende Mensch einen eigenen Willen hat, den es zu berücksichtigen gilt. Über die Thematik des Todes und des selbstbestimmten Sterbens hat er bereits mehrere Essays für den blauen reiter Verlag für Philosophie geschrieben.
Infos zu „Und ich darf nicht sterben“
Autor: | Tim Krüger
Genre: | Erzählung
Verlag: | der blaue reiter Verlag für Philosophie
Erscheinungsjahr: | 2026
Seiten: | 114
ISBN: | 978-3-911731-10-2












