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Michel Houellebecq: „Der stets verlorene Kampf“ – Rezension 

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Michel Houellebecq: „Der stets verlorene Kampf“ – Rezension 

Michel Houellebecq „Der stets verlorene Kampf“ © DuMont Buchverlag 2026  

Houellebecqs neuer Gedichtband „Der stets verlorene Kampf“: Rezension über Verfall und Tod einer Gesellschaft, über Liebe, Begierden und Frustrationen und die Übersetzung von Stephan Kleiner

Die Welt und das Leben in Schieflage 

Schon mit seiner Widmung setzt Michel Houellebecq den extremen Spannungsbogen fest. „Es gibt Tage, da geht es, und es gibt Tage, da geht es nicht, aber leben muss ich jeden Tag.“ Für Houellebecq ist die Welt „auf ihrer Achse leicht gekippt“, aber eben nicht nur die Welt, sondern das Leben an sich. Ein vortreffliches Bild für seinen neuen Lyrikband.

Stephan Kleiners Übersetzung

Houellebecq liebt es zu provozieren. Dass die Übersetzung seines neuen Gedichtbands für Diskussionen sorgt, wirkt übertrieben, weil die deutsche Ausgabe ohnehin zweisprachig ist, sodass man als Leser jede übersetzte Zeile mit dem Original vergleichen kann. 

Mit Klang, Melodik und Rhythmik des Französischen und den damit verbundenen semantischen Nuancierungen kann die deutsche Übersetzung nicht mithalten. Deutsch klingt spröder. 

Der erfahrene Houellebecq-Übersetzer Stephan Kleiner (*1975) verzichtete ganz bewusst auf poetische Wirkungen. Es geht ihm um die semantische Präzision, die  Houellebecqs Konglomerat von Alltagssprache, persönlichen Erfahrungen und philosophischen Gedanken treffsicher zum Ausdruck bringt und – als Alterswerk – auf den „Stets verlorenen Kampf“ zielt, in dem die Themenkreise seiner Romane und seines Lebens kurz aufleuchten. 

Michel Houellebecqs Philosophie – die Menschheit stirbt

In 38 Gedichten zieht Houellebecq Bilanz, zuerst über den Verfall des Abendlandes, dann über sein persönliches Scheitern. Er schwingt sich hoch in die Perspektive des Führers, der das „Endspiel“ mit traurigem Ausgang beobachtet. Die Religionen vermochten die ethnischen Spaltungen nicht zu überwinden. Es gibt keinen Schutz, keine Zuflucht mehr. Houellebecq fordert den Untergang zu erkennen und in Würde abzutreten.

Houellebecqs Horrorszenarien

Mit jedem Gedicht malt er ein größeres Horrorszenario, in dem die Ahnen nur Ruinen hinterließen, Menschen wie Schatten herumlaufen, ihre Geburt verfluchen. Finstere Gedanken verhindern die Liebe. Gefühle dagegen zerstören alles, verursachen Leiden. In nutzlosen Träumen verstümmelt sich ein jeder selbst. Das Abendland ist für Houellebecq ein „orientierungsloses Land“, in dem Überlebende nekrotisch zerfallen.

Konsequent fordert er, den Weg frei zu machen für die „neue Rasse“. Er selbst scheint der alten anzugehören, ohne sie explizit zu benennen. 

Houellebecqs Lebensresümee 

Unter „Der Zusammenbruch des Zentralblocks“ umkreist Houellebecq aus der Retrospektive sein eigenes Leben. Das Leben hat ihm abscheuliche Narben hinterlassen. „Bevor ich alt wurde“ führte er ein Leben „von Zwängen“ und „leicht mottenzerfressenen Lieben“. Er kannte Begierden, Frustrationen und Furcht. Sein Dilemma ist es, dass es „keinen Horizont mehr für Träume“ gibt. Was bleibt, ist „ein unsicheres und wunderliches Lächeln.“

Erinnerung statt Leben

Freundschaft enthüllt sich als der dümmste aller Träume. Und er gefällt sich in der Rolle des „letzten Zölibatär“, des „Letzten der Lebenden“, der sich jetzt im Alter an das „Reich des entstandenen und verschwundenen Vergnügens erinnert“. Die Erektion des alten Mannes ist eine letzte, sehr vulgär formulierte Huldigung an das Leben.

Viel überzeugender sind die schlichten Sequenzen. „Man lebt nicht mehr, man erinnert sich nur.“ Letztendlich wird man allein „dem Nichts gegenüberstehen“.

Houellebecqs Resümee, das in seinen Romanen bereits spürbar ist, überrascht nicht. „Ja, wir haben gelebt/ (und armselig gelebt,/ das gebe ich zu). Was bleibt ist der Tod, der alles umfasst, eine mächtige und weise Gottheit.“ 

Houellebecqs Quintessenz

Theatralisch mit dem Bild des Todes als „lepröses Gesicht“ und „gierigem Maul“ scheidet er mit „abscheulichen Schreien“ von der Welt. „Der stets verlorene Kampf“ ereilt alle. Auf zwei Prosaseiten zerlegt Houellebecq den christlichen Glauben an die Wiederauferstehung. Es gibt keine Hoffnung.

„Der stets verlorene Kampf“ – Lohnt sich der Gedichtband?

Wer Houellebecq mag, wird auch diese Gedichte mögen. Sie sind das Substrat einer langen schriftstellerischen Auseinandersetzung mit dem Leiden des Einzelnen, der durch die Gleichgültigkeit der Gesellschaft immer mehr in die Vereinsamung abrutscht, weil traditionelle soziale und religiöse Bindungen schwinden, ohne dass neue Perspektiven für Liebe, Glück und Sinn entwickelt werden. „Die Suche nach dem Glück“ (Gedichtband von 1991) erweist sich als erfolglos. Das ist bitter, aber durchaus realistisch.

Infos zum Gedichtband „Der stets verlorene Kampf“

Verlag:                 | DuMont Buchverlag, Köln 2026 

Seiten:                 | 109

Originalausgabe: | „Combat toujours perdant“, Éditions Flammarion, Paris 2026

ISBN:                   | 978-3-7558-0114-6

Übersetzer:          | Stephan Kleiner 

Preis:                   | 24,00 €