Sonya Yoncheva in Spontinis Oper „La Vestale“ an der Staatsoper Berlin © Stephan Rabold
Mit Gaspare Spontinis ‚La Vestale‘ eröffnet die Staatsoper Unter den Linden die Spielzeit 2026/27. Die Neuinszenierung von Lydia Steier mit Sonya Yoncheva, David Butt Philip und Carlo Rizzi verbindet französische Operngeschichte mit einer heutigen Auseinandersetzung über Macht, Religion und individuelle Freiheit.
Wer kennt Gaspare Spontini (1774-1851)? 1807 begeisterte der italienische, nach Frankreich emigrierte Komponist das Pariser Publikum mit „La Vestale“, einer Tragédie lyrique in drei Akten in Paris. 1811 war „La Vestale“ in Berlin zu sehen. Bis 1830 war sie in Paris mehr als 200-mal zu sehen. Dann geriet sie weitgehend in Vergessenheit. Warum begeistert „La Vestale“ heute wieder?
La Vestale: Handlung zwischen Macht oder Liebe
In der Handlung um den Vesta-Kult im antiken Rom spiegelt sich uralte Kampf zwischen religiöser Macht und individueller Freiheit. Dieser Kampf spitzt sich auf die Frage zu: „Kann ein einzelnes Gesetz die Natur überwinden?“
Die Vestalin Julia und der Feldherr Licinius lieben sich. Doch Julia ist als Vestalin der Keuschheit verpflichtet. Als sie ihrer Liebe nachgibt und Licinius den Zugang zum Tempel der Vesta gewährt, erlischt das Feuer der Göttin. Julia wird zum Tode verurteilt. Sie nimmt alle Schuld auf sich, um Licinius zu schützen. Doch auch Licinius bekennt seine Schuld, kämpft um seine Liebste: zusammen leben oder gemeinsam sterben. Angesichts dieser Liebe, ist die Göttin milde. Das Feuer beginnt wieder zu brennen. Das klingt sehr aus der Welt gefallen und ist trotzdem überaus spannend.
Lydia Steiers Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden
Regisseurin Lydia Steier macht aus dem antiken Stoff eine brutale, sehr einprägsame Inszenierung zwischen kammerspielartigem Ränkespiel und populistischen Volksszenen. Dabei kristallisiert sie immer wieder die patriachalische Macht und Unterdrückung auf Kosten der Frauen und des freien Denkens heraus. Indem Julia ihr Leben selbst gestalten will, wird sie zur Gefahr des autoritären Systems und ist dem Tod geweiht.
Bildstarke Bühnenszenarien
Atmosphärische Bühnenbilder berühren durch die Visualisierung von brutaler Gewalt, restriktive Gläubigkeit und leidenschaftliche Liebe als Ausdruck individueller Freiheit.
Schon bei der Ouvertüre wird die Grausamkeit des autoritären Systems offenkundig. An einer grauen Mauer hängen die Leichen an einem Seil kopfüber. Ein Mann wird zu Tode geschlagen und kommt als Dritter hinzu. Licinius vom Krieg als erfolgreicher Sieger zurückgekehrt liegt wie ein Penner auf dem Boden die Schnapsflasche in der Hand: „Nur nachts wage ich es noch, einen Willen zu haben. Nur in der Geborgenheit der Finsternis kann ich noch glücklich sein.“
Die Wand zur Seite geschoben blickt man in den bombastischen Kuppelraum der Vestalinnen, wo das heilige Feuer der Vesta lodert und die Oberpriesterin ein nicht minder rigides ritualisierendes Regiment führt, das keinerlei Widerrede duldet. Für sie ist die „Liebe ein barbarisches Monster“. Wer unkeusch ist, wird aussortiert. „Ein einziger Fehltritt führt zum Tod.“
Die Rolle des Volks
In den mächtigen Volksszenen demonstrieren die Mächtigen ihre Macht, umringt von Militär und spitzhütigen Häschern, die an die Inquisition denken lassen, und die unkeuschen Frauen, die malträtiert in Schauwägen dem Spott der Masse ausgesetzt werden. Das Volk hat lediglich Bewunderungsfunktion und agiert als manipuliertes Sprachrohr der Herrscher. Feldherr Licinius, der nach fünf Jahren Krieg Rom zum Sieg geführt hat, wird auf einer hohen Treppe geehrt, um so steiler wird sein Absturz, als er sich zu seiner Liebe bekennt.
Zwischendurch zeigen gut dosierte Videos durch Militärparaden und die Gesichter von Julia und Licinius die extreme Diskrepanz zwischen autoritären Systemen und inniger Liebe.
Hinterfragtes Happyend
Kaum hat sich die individuelle Freiheit durchgesetzt, baut sich eine neue Autorität auf. Cinna, zuerst Freund von Licinius, dann Verräter, inszeniert sich als neuer Machthaber. Ein unerwartetes, aber gelungenes Finale.
Mit diesen extremen Sequenzen zwischen barockem Bombast und romantischer Innerlichkeit schlägt Lydia Steier die Brücke von der Antike zu den autoritären Systemen der Gegenwart. Gleichzeitig visualisiert sie die exponierte Stellung von Spontinis Oper zwischen Klassik und Romantik.
„La Vestale“: Spontinis bedeutsames Stück in der Musikgeschichte
Spontini gelang mit dieser Oper der Durchbruch in Paris. Der preußische König Friedrich Wihelm III holte umjubelten Komponisten 1820 als General-Music-Director der Königlichen Oper nach Berlin, wo er bis 1841 Jahre lang innovativ wirkte. Durch die Kombination der klassischen Musiktradition mit vorweggenommenen romantischen Elementen inspirierte Spontini Komponisten wie Meyerbeer, Berlioz und Wagner.
Effektvolle Triumpfszenen mit Militärkapellenmusik, überlagerten Chorpassagen und Ballettmusik kontrastieren mit romantischen Arien. Spontini sprengte die damals übliche Nummernoper, indem er im zweiten Akt zwei Arien mit Rezitativen verschränkte.
Carlo Rizzi dirigiert La Vestale
Unter der musikalischen Leitung von Carlo Rizzi wird „La Vestale“ in allen ihren Klangkontrasten, rhythmischen und dynamischen Wechseln sehr pointiert ausgelotet. Wunderbar leise untermalt das Orchester die Liebesarien. Umso wuchtiger knallt es bei den triumphalen Szenen. Ganz bewusst, schrammelt es ironisch bei den Paraden und volkstümlichen Bekundungen. Allerdings wirken die Tempi zuweilen etwas zu schnell, wobei sich die Konturen von Chor und Orchester verwischen.
Sonya Yoncheva als Julia
Die bulgarische Starsängerin Sonya Yoncheva übergoldet mit ihrem fulminanten Sopran als Julia stimmlich und optisch die Inszenierung. David Butt Philip bleibt als Licinius in ihrem Schatten, sodass sich die Momente flammender Leidenschaft nicht ganz entfalten.
Tenor Siyabonga Maqungo (Cinna) und die Bassstimmen von Adrian Sâmpetrean (Pontifex Maximus) und Hanseong Yun (Konsul) lassen aufhorchen, weil ihr sattes Stimmvolumen für starke Akzente sorgt und die beiden Bässe die Untiefen der Macht aufleuchten lassen. Marina Prudenskaya, Mezzosopran, anfangs in den Tiefen etwas leise, gewinnt an Ausdruckskraft, in der sich die Problematik zwischen der pflichtgetreuen Oberpriesterin und dem versagten Mutterdasein spiegelt.
Lohnt sich La Vestale?
Die Wiederentdeckung Spontinis „La Vestale“ ist aus drei Gründen sehr interessant. Das Thema Religion und Macht ist nach wie vor hoch aktuell und weitet den Blick vom feministischen Aspekt patriarchalischer Unterdrückung auch auf Männer, die darunter leiden.
Das Libretto bietet Raum, das Stück über das vorgegebene Happyend kritische weiterzudenken, wie Lydia Steiers Inszenierung beweist.
Aber auch musikgeschichtlich ist „La Vestale“ als Oper zwischen Tradition und romantischer Orientierung überaus interessant.
Das künstlerische Team um Lydia Steier lautstark auszubuhen, ist nicht nur extrem rüpelhaft, sondern zeugt auch von fehlendem Respekt und mangelnder Toleranz gegenüber einer künstlerischen Leistung. Durch die bildstarke und sehr spannende Inszenierung hat „La Vestale“ durchaus Potenzial ein breites Publikum zu erobern.
Infos zur „La Vestale“
| Ort: | Staatsoper Berlin Unter den Linden | |
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Carlo Rizzi |
| Inszenierung: | Lydia Steier | |
| Bühne: | Etienne Pluss | |
| Kostüme: | Katharina Schlipf | |
| Licht: | Valerio Tiberi | |
| Video: | Etienne Guiol | |
| Einstudierung Chor: | Dani Juris | |
| Dramaturgie: | Olaf A. Schmitt | |
| Mit: | Julia: | Sonya Yoncheva |
| Licinius: | Davidt Butt Philip | |
| La Grande Vestale: | Marina Prudenskaya | |
| Cinna | Siyabonga Maqungo | |
| Le Souverain Pontife: | Adrian Sâmpetrean | |
| Un Consul: | Hanseong Yun | |
| Opernchor | ||
| Staatskapelle | ||
| Dauer: | 3 Std. 20 Min. inklusive zweier Pausen | |
| Untertitelung: | Deutsch, Englisch | |
| Uraufführung: | 1907 in Paris | |
| Premiere Berlin: | 26. September 2026 | |
| Weitere Vorstellungen: | 30. September, 3., 6. und 9. Oktober 2026 | |














