Berliner Ensemble, „Glücklich die Glücklichen“ nach dem Roman von Yasmina Reza © Gianmarco Bresadola
Yasmina Rezas am Berliner Ensemble: Kritik zur deutschsprachigen Erstaufführung von Oliver Reese mit fünf Schauspieler:innen in zwölf verschiedenen Rollen und dem Problem der Monologisierung
„Glücklich die Glücklichen“, letzte Verszeile aus einem Borges-Gedicht, ist inzwischen eine leicht dahin gesprochene Redewendung. Doch stimmt sie noch? Davon inspiriert veröffentlichte Yasmina Reza 2014 ihren gleichnamigen Roman. Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, machte daraus eine reduzierte Bühnenversion.
Oliver Reeses Bühnenfassung
Alles ist reduziert. Von den 18 Romanfiguren bleiben in Oliver Reeses Bühnenfassung zwölf Rollen, gespielt von fünf Schauspieler:innen, die im fliegenden Wechsel miteinander in Beziehung stehen. Abhängigkeiten, Selbst- und Fremdeinschätzung werden sichtbar, bewegen sich aber, von wenigen Augenblicken abgesehen, bewusst auf einem sehr oberflächlichem Niveau. Eine bühnenbreite Holzwand mit Schubfächern und Türen genügt als Bühnenbild. Das Auf und Zu ,Kommen und Verschwinden ermöglicht boulevardeske Momente, erfrischende Abwechslung zu den monologisierenden Passagen.
Die Monologe enthüllen, dass keine Figur immer glücklich ist. Schritt für Schritt kristallisieren sich die freundschaftlichen, verwandtschaftlichen und beruflichen Beziehungen heraus, deren wechselseitige Bedeutsamkeit von kurzen Momenten abgesehen, sehr oberflächlich bleibt. Durch Doppelbesetzungen werden die komplexen Beziehungen bewusst verkompliziert und ironisiert, aber keineswegs interessanter. Man fühlt sich an Arthur Schnitzlers „Reigen“ erinnert, dessen Protagonisten immer nur um ihr eigenes Bewusstsein kreisen, sich immer als Hauptperson fühlen, ohne zu bemerken, dass sie im Leben der anderen nur eine Nebenfigur spielen. Schnitzler bettet diese Psychogramme in lebendige Spielszenen ein. Doch die Aneinanderreihung von banalen Monologen ohne dramaturgische Zuspitzung bietet trotz der schauspielerischen Einzelleistungen, präzisen Szenenwechsel und pulsierender Hintergrundmusik mit melancholischen Zwischentönen nur gelegentlich interessante Momente und beginnt schnell zu langweilen, weil die Monologisierung, die in Rezas Roman Perspektiven beim individuellen Lesetempo Perspektiven eröffnet, auf der Bühne dramaturgisch zum Problem wird.
Glück als innere Haltung
Schnitzler hinterfragt die Liebe, Reese den Zustand des Glücklichseins. Reza verbindet beides durch den Verweis auf den argentinischen Dichter Jorge Luis Borges. In seinem „Fragmentos de un evangelio apócrifo“ (Fragmente eines apokryphen Evangeliums), listet er 51 kurze, nummerierte Weisheiten auf. Die letzten zwei übernimmt Reza im Nachspann ihres Romans: „Glücklich die Geliebten und Liebenden – und jene, die auf Liebe verzichten können“ und „Glücklich die Glücklichen.“ Glück hängt nicht von den äußeren Umständen, sondern von der inneren Haltung. Dieser zentrale Gedanke klingt in nur wenigen Passagen von Reeses monologischen Selbstoffenbarungen an, ohne wirklich an Bedeutsamkeit zu gewinnen.
Fazit:
Als erste deutsche Theatralisierung von Yasmina Rezas Roman „Glücklich die Glücklichen“ erregt Oliver Reeses Inszenierung zwar Aufmerksamkeit, aber ohne nachhaltige Pointen bleibt das Stück hinter den Erwartungen eines spannenden Theaterabends, kein Vergleich zu ihren Stücken wie „James Brown trägt Lockenwickler“ oder „Anne-Marie – die Schönheit“, in denen durch eine Spielhandlung das Geschehen spannend zugespitzt wird.
Infos zur Inszenierung von „Glücklich die Glücklichen“ am Berliner Ensemble
| Künstlerisches Team | Theaterversion, Regie: | Oliver Reese |
| Bühne: | Hanjörg Hartung | |
| Kostüme: | Elina Schnizler | |
| Musik: | Jörg Gollach | |
| Licht: | Hans Fründt | |
| Mitarbeit Musik: | Laura Fischer | |
| Dramaturgie: Johannes Nölting | ||
| Dauer: | Zwei Stunden ohne Pause | |
| Mit: | Amelie Willberg, Martin Rentzsch, Cordelia Wege, Oliver Kraushaar, Gerrit Jansen. | |
| Premiere: | 11. September 2026 | |
| Ort: | Neues Haus, Berliner Ensemble | |
FAQ
Wann war die Premiere von „Glücklich die Glücklichen“?
11. September 2026.
Wo wird „Glücklich die Glücklichen“ gespielt?
Im Neuen Haus des Berliner Ensembles.
Wie lange dauert die Vorstellung?
Zwei Stunden ohne Pause.
Warum macht die Inszenierung neugierig?
Die Inszenierung beruht auf Yasmina Rezas Roman „Glücklich die Glücklichen“ von 2014. Die bekannte französische Schriftstellerin ist durch zahlreiche, schlagfertige Theaterstücke im deutschsprachigen Raum sehr populär, v. a. durch „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“.













